Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Pünktlich zum zweiten Tidehochwasser tritt Janto Just in Shorts und Sandalen auf den Deich von Hooksiel, um sein Recht einzufordern. Unten schnappt die Flut schon nach dem Strand, auf den Wellen spiegelt sich wolkenfrei der Himmel, oben lächelt Just und sagt: "An so einem Tag sieht sogar unsere graue Nordsee herrlich blau aus." Er steigt die Deichtreppe hinab, vorbei am Zaun, am Kassenhäuschen und an der mit Kreppband überklebten Preistafel. Er sucht eine Düne aus, setzt sich in den Strandhafer und tut das, was ihm höchstrichterlich zugesprochen wurde: Er genießt die Natur, ungehindert und unentgeltlich. Aktenzeichen 10 C 7.16, Bundesverwaltungsgericht.

In Deutschland soll Landschaft frei zugänglich sein, jeder Feldweg, jeder Wald und jeder See. So regeln es mehrere Bundesgesetze "zum Zweck der Erholung", wie es beispielsweise im Bundesnaturschutzgesetz heißt. In Bayern hat der freie "Genuss der Naturschönheiten" sogar Verfassungsrang, Artikel 141. An der niedersächsischen Nordseeküste aber – Weltnaturerbe, Nationalpark, einzigartige Landschaft – galt das lange nicht. Hier stehen Zäune und Kassenhäuschen, drei sind es allein am Deich von Hooksiel in der Gemeinde Wangerland im Landkreis Friesland. Wer hier baden, spazieren oder wattwandern wollte, musste zahlen: drei Euro pro Person, 1,30 die Kinder.

Bis Janto Just dagegen vor Gericht zog und recht bekam.

Just ist ein kantiger Mann, die Haut bereits im Mai sonnenverbrannt. Er nennt sich selbst einen doppelten Achtundsechziger: 68 Jahre alt, politisch geprägt von der Studentenbewegung. Aber an der Uni hielt es ihn nicht lange, er wollte kein Lehrer werden, lieber übernahm er das Taxiunternehmen seines Vaters in Schortens, einer Nachbargemeinde von Wangerland. Mit 48 Jahren verkaufte er den Betrieb, "bisschen früh, aber ich hatte ein gutes Angebot", sagt er, nun ist er Rentner.

Rentner haben mehr Zeit für Politik als Taxiunternehmer und seit 20 Jahren mischt Just munter den Gemeinderat mit einer örtlichen Wählergruppe auf. Just sagt, er gehe dabei nach dem Motto vor: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Soll heißen: "Wenn sich irgendwo mehr als drei Leute über etwas beklagen, dann steckt da was dahinter." So war es bei der Gaspreiserhöhung des örtlichen Energieversorgers, so war es bei den Plänen für den neuen Windpark. Just mischte sich ein, protestierte, klagte – und gewann. Der Energieversorger musste Millionen zurückzahlen, der Windpark wurde nicht gebaut.

Und der Strandeintritt? "Ich wusste immer, dass das eine Schweinerei ist", sagt Just, "das wussten wir alle."

Das Loch am Eiswagen

Von Schortens sind es nur ein paar Autokilometer nach Hooksiel. Ein Strandspaziergang mit dem Hund? Ein schneller Sprung in die frühlingswarme Nordsee? Wattwandern vor der Vogelschutzinsel Minsener Oog? Das alles ging lange nicht, ohne Eintritt zu berappen.

Das heißt, es ging schon, irgendwie. Just zahlte nie. "Ich kannte ja die Löcher im Zaun", sagt er und grinst. Er zeigt nach oben zum Hafenparkplatz, da stand im Sommer früher immer der Eiswagen. Weil die Kinder zum Eis wollten, drückten ihre Eltern den Zaun herunter, im Lauf der Saison sackte die Zaunoberkante tiefer und tiefer. Immer mehr Kinder liefen vom Strand zum Eiswagen, entgegen kam ihnen Just. Er lief vom Eiswagen zum Strand.