Als am frühen Morgen die Skyline von Barcelona zu sehen ist, springt Tagnabou Elvis auf, klatscht in die Hände und singt auf Englisch: "Ich bin froh, in Barcelona leben zu dürfen." Der Mann mit den kurzen Zöpfchen ist einer von 60 Menschen, die das Rettungsschiff der spanischen Organisation Open Arms vor der libyschen Küste aufgenommen hat und die jetzt innerhalb von 30 Tagen in Spanien Asyl beantragen können oder weiterreisen werden – ähnlich wie die Flüchtlinge der Aquarius im Juni. 

Tagnabou Elvis' Geschichte ist bekannt, noch bevor das von der Küstenwache eskortierte Schiff am Hafen anlegt. Er hat sie mitreisenden Journalisten spanischer Medien erzählt, ihre Dramatik macht den Mann aus Burkina Faso zur Symbolfigur. Als Katholik sei er vor den Dschihadisten durch die Wüste geflohen, sei nach Libyen verschleppt worden und habe ein Jahr und zehn Monate in einem Kerker verbracht. Die Männer, die ihn dort festgehalten hätten, hätten ihn täglich gefoltert, um von seiner Familie Geld zu erpressen. Eine große Narbe auf der Schulter und am Kopf zeuge von den Schlägen.

Irgendwann sei ihm die Flucht gelungen und er habe Schlepper für die Überfahrt nach Europa bezahlt. 33 Seemeilen vor der libyschen Küste sichteten die Flüchtlinge das rot-weiße Rettungsschiff von Open Arms. "Hätte uns die libysche Küstenwache aufgelesen, wäre ich ins Wasser gesprungen", sagt Tagnabou Elvis. Laut Open Arms wurden viele der Flüchtlinge in Libyen misshandelt.

Zuwanderung nach Spanien gestiegen

Am Hafen von Barcelona erwarten 70 Mitarbeiter des Roten Kreuzes an diesem Mittwoch die Geretteten. Vor der Kulisse des Kreuzfahrtdampfers MSC Fantasia mit seinen 18 Decks nimmt sich das rot-weiße Boot von Open Arms aus wie eine Nussschale. Elf der Flüchtlinge werden vor Ort wegen leichter Verletzungen behandelt, Verbrennungen wegen der Mischung aus Salzwasser, Sonne und Maschinenöl. Ein Mann wird wegen traumaähnlichen Symptomen in ein psychosoziales Zentrum eingeliefert. Ansonsten gibt es wenig zu tun, der Gesundheitszustand der Passagiere ist überwiegend gut. "Auf der Open Arms wurden diese Menschen fast während der gesamten Überfahrt betreut", sagt Inigo Vila vom Roten Kreuz. "Bei Rettungseinsätzen an der andalusischen Küste wissen wir oft so gut wie nichts über den Zustand der Insassen."

Die Zuwanderung nach Spanien ist seit 2017 gestiegen. Damals versorgte das Rote Kreuz 25.000 Personen, die versuchten, die Iberische Halbinsel übers Meer zu erreichen. In diesem Jahr waren es bisher bereits 16.451 Menschen, allein im Juni mehr als 4.800. Dabei steuern die Boote nicht mehr, wie noch in den Zweitausenderjahren, vor allem die Kanarischen Inseln an, sondern überwiegend Cádiz und Almería direkt an der Festlandküste Spaniens. Allein in diesem Jahr sind auf diesen Überfahrten etwa 1.000 Menschen ertrunken. Íñigo Vila vom Roten Kreuz fasst es so zusammen: "Was wir dort derzeit erleben, ist ein Drama."

Ein Helfer des Schiffs verabschiedet sich bei einem der geretteten Kinder. © Olmo Calvo/AP/dpa

Mit Teleobjektiv versuchen ein paar Fotografen an Bilder der von Bord steigenden Menschen zu kommen, Fernsehreporter bereiten sich auf ihre Liveschaltungen vor. Das Medieninteresse ist nicht mehr ganz so gewaltig wie bei der Ankunft der Aquarius, als auf jeden der Flüchtlinge ungefähr ein Journalist kam, aber immer noch groß. Auch weil Barcelona seit dem Amtsantritt von Bürgermeisterin Ada Colau versucht hat, sich als flüchtlingsfreundliche Stadt zu profilieren. Zur Ankunft des Open-Arms-Bootes hängt vor dem Rathaus ein Transparent mit der Aufschrift "Barcelona – ein sicherer Hafen". 

Die linksalternative Politikerin hat bereits 2015 ein städtisches Flüchtlingsnetzwerk gegründet. Auf ihre Initiative ist es auch zurückzuführen, dass die 60 Schiffbrüchigen jetzt nicht, wie von der spanischen Regierung erwägt, in die umstrittenen geschlossenen Internierungsheime für Einwanderer ohne Papiere kommen, sondern in städtischen und regionalen Einrichtungen untergebracht werden: die knapp 50 Männer in einer Sportlerresidenz, die fünf Frauen – zwei mit Kindern – in einem Frauenhaus, die drei Minderjährigen ohne Begleitung kommen in die Obhut der katalanischen Regionalregierung.

"Die EU-Staaten verhalten sich wie Bodyguards in einer Diskothek"

Porträts der 60 Geretteten © Olmo Calvo/AP/dpa

Die gemeinsame Pressekonferenz von Hilfsorganisation sowie Stadt- und Regionalregierung gerät zur Abrechnung mit der EU-Politik. "Wir haben immer gesagt, dass die EU statt ihrer Politik des Todes das machen sollte, was Open Arms tut: Menschenleben retten", sagt die kämpferische Bürgermeisterin. "Dass wir heute endlich 'willkommen zu Hause' sagen können, ist ein Grund zur Freude. Entweder wir sind eine den Menschenrechten verpflichtete Demokratie, oder wir sind es nicht." Òscar Camps, der Gründer von Open Arms, lächelt still im Hintergrund. Er weiß, dass er in Colau eine Verbündete hat. Die Politikerin hat seine Organisation immer gegen Schleppervorwürfe verteidigt, auch nachdem Italien ihn der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung beschuldigte.

"Wir retten Menschen – das ist unsere Pflicht", sagt Camps. Dass Malta derzeit aus seinen Häfen die Rettungsschiffe nicht auslaufen lasse, sei ein ungeheuerlicher Skandal. "Die EU-Staaten verhalten sich wie Bodyguards in einer Diskothek. Es war Spaniens Pflicht, uns einlaufen zu lassen." Die Klage in Italien gegen Camps findet auch Miguel Urbán lächerlich, der Podemos-Politiker begleitete als einer von vier Europaabgeordneten die Rettungsaktion. "50.000 Menschen stehen vor Europas Grenzen, 2015 war es eine Million", sagt Urban. "Was wir derzeit erleben, ist keine Flüchtlingskrise, sondern eine Krise der Menschenrechte."

Während die Helfer der Open Arms sich im Museu Marítim zum Familienfoto aufstellen, kommen in Esplugues, an Barcelonas Stadtgrenze, die zwei Busse mit den aus dem Mittelmeer geretteten Männern an. Schüchtern lächelnd spazieren sie durch den Garten des im Sommer verwaisten Sportlerheims, in der Hand eine Tasche mit Kleidern, Hygieneartikeln und den geretteten Habseligkeiten. 30 Tage haben sie nun Zeit, in Spanien Asyl zu beantragen. Freiwillige der katalanischen Flüchtlingshilfsorganisation CCRA haben ihnen bei der Ankunft das Prozedere erklärt. Spanien hat im vergangenen Jahr lediglich 30 Prozent der Anträge positiv beschieden, Chancen darauf haben vor allem die Flüchtlinge aus Konfliktgebieten wie Syrien, Palästina und Eritrea. 

Viele von ihnen wollen weiterreisen, nach Frankreich oder, wie Hussein, ein 52-jähriger Syrer mit grauem Schnauzbart, nach Deutschland. Dort lebten seine beiden Söhne. "Germany", sagt er und hebt den Daumen.

Flüchtlinge im Mittelmeer - Das Sterben geht weiter Weniger Menschen flüchten in die EU, dennoch fordern Politiker verschärfte Maßnahmen an den Grenzen. Flüchtlingshelfer warnen vor noch mehr Toten. Ein Überblick im Video © Foto: Aris Messinis/AFP/Getty