Für den 23. September ruft ZEIT ONLINE gemeinsam mit Partnern zu "Deutschland spricht" auf (hier können Sie sich anmelden). Zehntausende Paare mit extrem unterschiedlichen Meinungen sollen sich überall in Deutschland zum Vier-Augen-Gespräch treffen. Doch was bringen solche Zwiegespräche mit politisch Andersdenkenden? Hier schreiben die Forscher Anatol Itten, Larissa Versloot und Luuc Brans, was von dem Projekt zu halten ist. Die drei Politikwissenschaftler haben in Amsterdam das Disrupted Societies Institut gegründet und beschäftigen sich seit Jahren mit Fragen von Polarisierung und gesellschaftlichem Dialog.

Kennen Sie das? Sie sind vor Jahren in die Großstadt gezogen, vielleicht in den Semesterferien auf Heimatbesuch, sitzen mit Ihrer Familie am Tisch, um einen schönen Abend zu verbringen. Und dann tischt jemand ein kontroverses, politisches Thema auf und will wissen, was die Runde darüber denkt. Das Ergebnis: Die eben noch beschwingte Stimmung kippt ins Drama. Es gibt vielleicht eine heftige Debatte, man streitet sich ein wenig, doch schon zum Nachtisch haben sich die Gemüter wieder beruhigt. 

In den Niederlanden drehten sich solche Diskussionen zuletzt oft um den Zwarte Piet, den "schwarzen Peter". Dieser dunkelhäutige Gehilfe des Sinterklaas – das niederländische Pendant des Nikolaus – ist eine umstrittene Figur: Die einen sagen, Piet sei ein düsteres Erbe kolonialer Zeiten, die anderen finden an der unschuldigen Märchenfigur nichts auszusetzen. Bislang jedoch ist kein Fall bekannt, in dem die Kabbelei über Piet zu einem Zerwürfnis innerhalb einer Familie geführt hätte. Wie kommt das? Warum können wir kontroverse politische Ansichten innerhalb der Familie besser ertragen, als wenn fremde Mitbürger sie äußern?

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Die Frage ist gesellschaftlich relevanter, als wir vielleicht meinen. Eine Antwort lautet: Familienmitglieder verbindet – trotz vieler Streitigkeiten – ein gewisses Vertrauen, ein festes Band, das es einfacher macht, strittige Positionen zu akzeptieren. Studien zeigen immer wieder, dass wir jenen Menschen vertrauen, die uns ähnlichsehen, sich ähnlich kleiden oder ausdrücken wie wir selbst. Es ist genau diese Ähnlichkeit, die in Familien das Vertrauen stiftet, das es uns leichter macht, politische Positionen zu akzeptieren, die uns nicht gefallen.

Wir bleiben unter uns

Untersuchungen aus den vergangenen zehn Jahren zeigen, dass auch die Gruppen, mit denen wir außerhalb der Familie viel Zeit verbringen – Freunde, Partner –, immer homogener werden. Wir umgeben uns gerne mit Menschen, die uns gleichen. Die Bildung dieser "Blasen" wäre eventuell weniger gravierend, wenn Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten oder kulturellen Prägungen weiterhin in direkter Nachbarschaft zusammenlebten und sich immer wieder über den Weg liefen. Das scheint jedoch immer weniger der Fall zu sein. Vor allem in Großstädten nimmt die Konzentration bestimmter Milieus in einzelnen Vierteln zu.

In den meisten Ländern des Westens zeigt sich seit Jahren ein ähnliches Muster. "Eine Wahlentscheidung zeigt heute nicht nur, welche Partei jemand bevorzugt, sondern gibt Auskunft über ihre oder seine Religion, Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, das Geschlecht, den Wohnort und den Lieblingssupermarkt", schreibt die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Liliana Mason in ihrem gerade neu erschienenen Buch. Glaubt man Mason, bekommt die Wechselwirkung zwischen politischer Einstellung und Identität gerade eine neue Qualität.

Gerade weil wir uns immer stärker mit bestimmen Gruppen identifizieren, verbringen wir immer weniger Zeit mit Menschen, die anders sind als wir selbst – oder die wir für anders halten. Studien zeigen auch: Je extremer die politische Einstellung eines Menschen ist, desto wichtiger ist es ihm, an einem Ort zu leben, an dem die meisten anderen Menschen genauso denken wir er oder sie selbst.

Es ist diese Distanz, aus der Unverständnis entsteht. Wer sozial gespaltene Gruppen, deren Mitglieder selten auf Mitglieder der anderen Seite treffen, fragt, was die anderen wohl von ihm halten, bekommt teilweise erschütternde Antworten. Menschen nehmen gerne an, dass ihre Gegner viel extremere Ansichten über sie haben, als das tatsächlich der Fall ist. Zugleich finden sie oftmals die Meinung des jeweils anderen unbegreiflich. Wenn wir uns selbst für den Guten halten, müssen alle anderen eben böse sein.

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Das schwindende Vermögen, in komplexen politischen Fragen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, ist eine Gefahr für die Demokratie. Die Tage nach dem Brexit-Referendum, in denen Hasskriminalität und Belästigungen sprunghaft anstiegen, haben zudem gezeigt, dass soziale Spaltung in reale Aggression umschlagen kann. Warum aber lassen wir unsere "guten Manieren" unter den Tisch fallen, wenn wir politische Themen innerhalb der Gesellschaft und nicht nur mit Vertrauten oder der Familie diskutieren?

Albert Bandura, einer der einflussreichsten Sozialpsychologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, widmete solchen und ähnlichen Fragen einen Großteil seiner Forschung. In seiner Theorie der Selbstwirksamkeit beschreibt er, warum Menschen unangenehme oder gar bedrohliche Situationen fürchten und sie zu vermeiden versuchen. Das gilt besonders dann, wenn sie glauben, dass ihnen das Rüstzeug dafür fehlt, gut mit dieser einschüchternden Situation umzugehen. Fühlen sie sich jedoch gewappnet, lassen sich Menschen durchaus auf Unbekanntes ein.

Weil die Welt kompliziert ist, müssen wir vereinfachen

Wenn Bürger also fälschlicherweise annehmen, dass Menschen aus anderen Teilen der Gesellschaft sie verachten, ist es nur logisch, dass sie eine Begegnung mit diesen Leuten vermeiden. Diese Tendenz wird durch die tägliche Ladung provozierender Kommentare, reißerischer Überschriften und Social-Media-Postings noch verstärkt. In der Folge versuchen immer mehr Menschen, einem Gespräch über Politik außerhalb der eigenen sozialen Wohlfühl-Gruppe aus dem Weg zu gehen.

Um genau solche Begegnungen zu provozieren, hat ZEIT ONLINE während des Bundestagswahlkampfs 2017 ein Experiment gestartet. Die Redaktion bat ihre Leserinnen und Leser, fünf kontroverse Fragen zu politischen Themen zu beantworten und brachte anschließend je zwei Teilnehmer mit gegensätzlichen Ansichten zu einem Eins-zu-Eins-Gespräch zusammen. Nach den Gesprächen sagten viele der Teilnehmer, sie wären vorher nervös, ja ängstlich gewesen, jemanden mit so gänzlich anderen Ansichten zu treffen. Und das, obwohl die Leserinnen und Leser auf Menschen trafen, die das gleiche Medium lasen.

In der am Mittwoch gestarteten Neuauflage der Aktion, rufen diesmal elf Medienhäuser gemeinsam zur Teilnahme auf, damit am 23. September möglicherweise Zehntausende solcher Zwiegespräche überall in Deutschland stattfinden. Doch welchen Effekt wird das Gespräch für die Teilnehmenden haben? Was passiert, wenn sie auf einen Fremden aus der Nachbarschaft treffen, um bei einem Kaffee oder Bier zu debattieren?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Schritt zurücktreten und die Dynamiken eines solchen Gesprächs betrachten. Die Welt ist eine komplizierte Umgebung für uns Menschen. Um darin zu funktionieren, verknüpfen wir neue Informationen unablässig mit bereits vorhandenem Wissen und Erfahrung. Eine Mechanik, die wir dabei verwenden, sind Kategorisierungen – umgangssprachlich nennen wir das "Schubladendenken".

Wir können einen Bus von einem Auto unterscheiden, eine Lehrerin von einer Schülerin, einen Burger von einer Pizza, und zwar deshalb, weil wir sie in unterschiedliche Schubladen stecken. Die Bildung einer kollektiven Identität ist das Ergebnis einer solchen Form von Kategorisierung. Wir nehmen geistige Abkürzungen, um mit der Überfülle an Eindrücken umzugehen, die wir täglich verarbeiten müssen.

Ähnlich verfahren wir mit Menschen. Wir neigen dazu, einzelne Individuen mit Stereotypen zu verbinden, um anschließend zu entscheiden, ob diese zu "unserer" Gruppe gehören oder nicht. Diese Grenzziehungen zwischen "denen" und "uns" werden permanent durch politische Rhetorik und mediale Berichterstattung verstärkt. Diese Art zu Denken wiederum hat großen Einfluss darauf, wie wir uns mit politischen Themen und gewissen sozialen Gruppen (etwa Flüchtlingen) beschäftigen. Und es bestimmt im großen Maße unser politisches Verhalten.

Um das zu erläutern, machen wir ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, Sie würden bei "Deutschland spricht" mitmachen. Nehmen wir ferner an, sie bekommen vom Algorithmus jemanden zugeteilt, von dem sie anhand ihres Kategoriendenkens annehmen müssen, dass er Wähler einer rechtspopulistischen Partei ist. Ihr Gegenüber hat schließlich im Fragebogen angeben, dass er für strikte Grenzkontrollen ist. Außerdem findet er, dass Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland nicht gut zusammenleben können. Was könnte der Effekt eines Gespräches mit dieser Person sein?

Es muss nicht immer ein Kompromiss sein

Es könnte etwa sein, dass Sie tatsächlich herausfinden, dass ihr Gegenüber eine rechtspopulistische Partei wählt. Gleichzeitig aber bemerken sie, dass er viele andere Eigenschaften aufweist, die gar nicht in die Kategorie "Wähler einer rechtspopulistischen Partei" passen. Ihr Gegenüber könnte etwa Katzennarr sein, Fußballfan oder Vater, alles Dinge, die ihnen vertraut sind, denn solche Eigenschaften kennen sie aus ihrem direkten Umfeld auch. Vielleicht neigen Sie selbst zu diesen Eigenschaften und finden Gemeinsamkeiten. Das wiederum könnte ihr generelles Bild auf die Kategorie und Schublade "Wähler einer rechtspopulistischen Partei" verändern. Ihr Vertrauen in diese Gruppe der Gesellschaft steigt.

Es kann aber auch das Gegenteil geschehen: Ihr Gegenüber ist nicht nur wie erwartet Wähler einer rechtspopulistischen Partei. Er passt auch sonst nur in Kategorien, die in ihrem eigenen gewohnten Umfeld nicht auftauchen. In diesem Fall verstärkt sich ihr Eindruck, dass dieser Mensch mit seinen Meinungen und Ansichten unverständlich und wenig vertrauenserweckend ist.

Kurz gesagt: Die Treffen von "Deutschland spricht" können sehr unterschiedliche Effekte haben. Sie können helfen, Vorurteile abzubauen und das Vertrauen zwischen sozialen Gruppen zu erhöhen. Sie können aber auch Stereotype vertiefen und das Misstrauen erhöhen.

Eine weitere Herausforderung, vor der Sie als Teilnehmer stehen könnten, ist, dass es manchmal sinnvoller ist, keinen Kompromiss zu suchen, sondern die Uneinigkeit auszuhalten. 

Die Gesellschaft zerfällt und braucht Vertrauen und Respekt

Der Harvard-Professor Yascha Mounk, der in Bayern groß geworden ist, hat diese Erfahrung gerade selbst gemacht. Mounk hatte sich einige Tage mit einer Gruppe von liberalen und konservativen Intellektuellen und Aktivisten getroffen, um intensiv über die aktuellen Gefahren für die Demokratie zu diskutieren. Am Ende stellte er fest, dass die Zeit auch deshalb wertvoll für ihn war, weil die anderen Teilnehmer Menschen gewesen waren, mit denen er bisher uneins in wichtigen politischen Fragen war. 

"Je länger ich mit ihnen sprach", schreibt Mounk, "desto mehr drängte sich die unbestreitbare Erkenntnis auf, dass viele der Menschen, die ich bis vor wenigen Jahren als meine politischen Gegner betrachtet hatte, sich als geistreich und moralisch integer erwiesen." Und einer seiner Gegenspieler, der konservative Autor David French bemerkte: "Der große Wert dieser Gruppe war, dass niemand gebeten wurde, sich zu mäßigen oder seine politischen Grundüberzeugungen zugunsten eines Kompromisses aufzugeben. Wir waren lediglich aufgefordert, uns mit Anstand und Höflichkeit zu begegnen."

Eine ähnliche Erfahrung machten auch die Teilnehmer von "Deutschland spricht" im vergangenen Jahr. Viele schrieben später an die Redaktion, das Gespräch sei respektvoll gewesen, obwohl man in vielen wichtigen Fragen anderer Meinung gewesen sei. Viele hatten das Gefühl, der Gesprächspartner sei gar nicht so extrem anders gewesen, wie sie anfangs befürchtet hatten.

Der Sozialpsychologe Albert Bandura glaubt, dass solche Gespräche auch eine Lernerfahrung sind. Debatten mit politisch Andersdenkenden, zumal mit Fremden, sind immer schwer und eine Herausforderung. Wenn wir diese meistern, fühlen wir uns womöglich bestärkt, das unbequeme Gespräch mit Menschen außerhalb unseres Umfelds noch einmal zu suchen. Und nicht nur das: Auch unsere Fähigkeiten, solche Situationen zu meistern, verbessern sich. Wir werden souveräner im Umgang mit anderen Meinungen, wenn sie von Fremden geäußert werden und lernen, die andere Meinung auszuhalten, ohne den anderen zu verurteilen.

Viele Debatten, wenig Konkretes

Das Wissen darum, wie man solche Debatten führt, kann einen immensen Einfluss auf eine Gesellschaft haben. Bereits 2004 sah der berühmte Soziologe Robert Putnam und sein Kollege Lewis Feldstein den hohen Wert von dem voraus, was die Wissenschaftler "bridging social capital" nannten, also dem Kitt aus Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Respekt, der sozial weit entfernte Gruppen zusammenhält.

Der Aufbau eines solchen Kapitals brauche Zeit und Anstrengung, schrieben Putnam und Feldstein. Herstellen ließe es sich unter anderem durch ausgiebige Gespräche zwischen Individuen oder kleinen Gruppen. Das Soziale Kapital entstehe hingegen nicht durch anonyme Dialoge, es lasse sich nicht in Massen verordnen und schon gar nicht über Nacht. Beide waren sich sicher, dass Soziales Kapital notwendig ist, um die Demokratie am Laufen zu halten und eine Balkanisierung der Gesellschaft zu verhindern.

Seit der Warnung von Putnam und Feldstein sind Jahre vergangen. Politiker und Wissenschaftler haben die These vom Sozialen Kapital viel debattiert, doch wenig Konkretes ist geschehen. Stattdessen haben sich die gesellschaftlichen Themen, an denen sich Konflikte entzünden können, verschärft: der Klimawandel, die Herausforderungen der globalen Migration, die Folgen der Digitalisierung. Initiativen wie "Deutschland spricht" sind vor diesem Hintergrund ein enorm wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die westlichen Gesellschaften werden fragmentiert bleiben, schon bald werden kontroverse, schwierige Entscheidungen zu treffen sein. Das Leben ist kurz. Kehren wir zurück zum Essenstisch, den wir uns mit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern teilen, und genießen den Nachtisch. 

Aus dem Englischen übersetzt von Maria Exner und Philip Faigle.