Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Neun Lokalreporterinnen und -reporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Die Luft flirrt vor Hitze und die Sonne strahlt, als Heiko Bockelmann aus seinem Bulli steigt und auf den Acker tritt. Schweiß rinnt von seiner Stirn. Im April hat der Landwirt 80.000 Maispflanzen pro Hektar Land gesät. Jetzt zerfallen unter seinen Schuhen Erdbrocken zu Staub, daumenbreit ziehen sich Risse durch den ausgetrockneten Marschboden. Ein einziges Mal ist hier in den vergangenen sechs Wochen Regen gefallen. 19 Liter pro Quadratmeter, am Morgen des 9. Juni. Mehr als anderthalb Monate ist das her. 

Bockelmann geht ein paar Schritte, vorbei an mickrigen Maispflanzen, die aus dem Boden ragen. "20.000 von 80.000 Pflanzen", sagt er und vergräbt die Hände in den Taschen seiner kurzen Hose. "Mehr ist nicht übrig." Die Ernte, das weiß er schon jetzt, wird so gering ausfallen, dass sich der Diesel für die Erntemaschinen nicht lohnen wird.

Doch Bockelmann muss ernten, jedes Kilogramm Mais, jede Fuhre Gras – alles, was trotz der Hitze und Trockenheit in den vergangenen Wochen gewachsen ist. Reichen wird es trotzdem nicht, um seine 660 Milchkühe, Rinder, Bullen und Kälber durch den Winter zu bringen. Also kauft er jede Wagenladung Futter, die er kriegen kann. Egal wie teuer. Egal welche Qualität. "Für uns zählt nur noch eins", sagt er, "Masse, Masse, Masse."

Bockelmann, 36 Jahre alt, ist klein und kräftig. Er hat zuerst Maurer gelernt, seine Kuhställe hat er selbst gebaut. Er ist es gewohnt, hart zu arbeiten, um auf den schweren Lehmböden in der Nähe der Elbe zu überleben. Als bei der letzten großen Flut 2013 das Wasser bis an die Deichkrone schwappte, lud er als einziger Bauer im Dorf seine Tiere auf den Hänger und fuhr sie in Sicherheit. Bockelmann war es gewohnt, für Probleme eine Lösung zu finden. Bis zum letzten Sommer.

Da machte das Wetter zum ersten Mal Probleme. Damals war es nicht trocken wie jetzt, es regnete, über Wochen und Monate. Ein Teil der Ernte verrottete auf den Feldern, weil Bockelmann mit den schweren Maschinen nicht mehr auf die durchnässten Äcker kam. Das, was er retten konnte, war zu mickrig und feucht. Ein Drittel des Ertrages fehlte. Raps und Wintergetreide für die nächste Ernte konnte er im Herbst nicht säen, weil sich auf den Feldern kniehoch das Wasser staute. Bockelmann nahm es hin und hoffte auf 2018. "Schlimmer", dachte er, "kann's ja nicht werden."

Bauer Bockelmann auf einem seiner Felder

Doch es wurde schlimmer. Nicht nur der Mais vertrocknete, auch Teile des Sommergetreides, das Ackergras. Das Gras auf den Wiesen hörte auf zu wachsen und Bockelmann konnte zusehen, wie sich die Felder braun färbten. In den Lokalzeitungen und Branchenblättern las er fast täglich von Rekorddürre, brennenden Getreidefeldern und zunehmender Futternot. Über den Artikeln standen Schlagzeilen wie "Schlechteste Ernte seit 20 Jahren", "Bauern rufen um Hilfe" oder "Soforthilfe für Landwirte: Wann ist ein Notstand ein Notstand?".

Der Notstand der Bauern ist so groß geworden, dass sich Ende Juli die Experten aus allen deutschen Agrarministerien zum Krisengipfel in Berlin treffen wollen. Die drängende Frage: Wie kann Bauern wie Bockelmann geholfen werden?