Hoffnungslosigkeit lässt sich in Worte fassen, zwei reichen: selbst wenn. Selbst wenn, sagt Jörg Dechow. Selbst wenn wider jede Wahrscheinlichkeit bald alles wieder gut würde und endlich einmal Wasser vom Himmel fallen sollte, was Dechow seit Monaten herbeiwünscht, gar nichts würde dann gut. Denn dann ist da immer noch der Befeuchtungswiderstand. "Die Böden haben Befeuchtungswiderstand entwickelt", sagt Dechow. Die Böden sind längst so trocken, dass sie kaum nass würden, falls es regnen sollte. Aber es regnet ja nicht. Das einzige Wasser weit und breit ist salzig und schimmert an Dechows Nacken. Denn die Hundstage haben begonnen.

Die ersten, für viele besonders feindlichen, für viele aber auch besonders kostbaren jener Tage im Juli und August brechen an, es wird früh hell und spät dunkel. Dazwischen ist es heiß und an den Abenden immer noch so warm, dass sie sich anfühlen können wie ein Geschenk. Menschen hören auf, der Hitze wegen zu stöhnen, sie nehmen sie hin. Sie machen: nichts, wenn sie können. Sie gehen in den Schatten und abends irgendwohin, auf jeden Fall raus, sie überwinden – so sie ihn überhaupt haben – ihren eigenen Befeuchtungswiderstand und setzen sich neben ihre Rasensprenger und in ihre glühend heißen Autos und fahren raus ans Wasser, das ja trotz aller Hitze noch da ist.

Dechow lenkt seinen grünen Allrad-Skoda über Waldwege, hält an, steigt aus, steigt wieder ein und wieder aus, schürft immer wieder mit dem Fuß über die Erde, die hier nichts anderes als hellgrauer Sand ist mit zehn Zentimetern Humus obendrauf. Brikettharter, festgebackener Sand. Dechow bückt sich, greift ins Moos, das knistert und in seinen Händen zerkrümelt. Der Steinzeitmensch hat mit solchem Moos Feuer entfacht. "Mir schlägt das aufs Gemüt", sagt Dechow. Da hat er die Blaubeerkrautkatastrophe noch gar nicht gesehen.

Jörg Dechow ist Förster. Die Abwesenheit von Hoffnung ist in seinem Beruf normalerweise nicht vorgesehen, im Gegenteil: Der Försterberuf besteht aus nichts anderem, Hoffnung und Waldarbeit sind Synonyme. Dechow hat sich als Chef der Oberförsterei Lehnin um das Gedeihen von 46.000 Hektar Wald in West-Brandenburg zu kümmern. Und Wald nimmt sich Zeit.

Die Früchte seiner Arbeit wird Dechow deshalb nie zu Gesicht bekommen. Sein Leben wird zu kurz dafür sein. Wenn, dann werden frühestens die Nachgeborenen etwas von Dechows Dienst an diesen Wäldern haben.

Sein Leben ist auch zu kurz, um sich an etwas Ähnliches wie das, was derzeit hier geschieht, erinnern zu können. Meteorologen konstatieren für Teile Ostdeutschlands eine der "schlimmsten Trockenperioden seit Beginn der Aufzeichnungen" vor 55 Jahren. Östlich der Weser begann sie flächendeckend bereits Ende April.

Schon jener April war in Deutschland fast fünf Grad wärmer als der langjährige Mittelwert, der Mai lag vier Grad darüber und der Juni zweieinhalb. Die sonst in der ersten Junihälfte über das Land kommende Schafskälte fiel aus. Alle drei Monate brachten – außer in Süddeutschland – kaum Regen. Im Juni fiel deutschlandweit knapp die Hälfte des Mittelwerts, in Erfurt waren es mit 4,9 Litern pro Quadratmeter sieben Prozent davon, in Magdeburg mit 6,7 Litern elf.

Kaum Futter fürs Vieh

Bauern holten ihr Getreide vor der Zeit ein. Das Futter fürs Vieh wächst kaum. Waldbesitzer schlafen schlecht, Gärtner und Baumschuleninhaber wässern sich arm oder sehen zu, wie ihre Arbeit verdorrt. Und jetzt ist es eben auch noch heiß geworden. Spätestens in diesen Tagen holt das Wetter auch jene Menschen ein, die ihren Lebensunterhalt nicht mit Pflanzen und Tieren verdienen.

Das Gefühl des Ausgeliefertseins, die Gewissheit, nichts tun zu können gegen das Wetter außer sich ihm zu ergeben, erreicht die Büros, Straßen und Wohnungen in den Städten. Das Leben backt sich fest, so wie Oberförster Dechows Boden.

Es ist Dienstagmorgen, Dechow scharrt mit den Füßen und zerkrümelt das Moos, und dann hebt er den Blick vom Boden, schaut hinein in den Lehniner Kiefernwald und erschrickt. Das Blaubeerkraut ist braun, so weit das Auge reicht. "Sowas habe ich noch nie gesehen", sagt er. Dechow ist 58 Jahre alt, seit dem 1. Januar 1989 arbeitet er hier. Die Buchensetzlinge einige hundert Meter weiter: braun. Junge Eichen: braun. Birkenblätter: schlaff oder längst abgefallen. An manchen Stellen sind die Wege übersät mit winzig kleinen Eicheln, "seit zwei Wochen geht das so", die Bäume trennen sich von allem, was sie nicht mehr versorgen können.

Leute, die ein Stück Wald besitzen, rufen Dechow an und berichten ihm, dass sie nachts wachliegen und nur einen Gedanken haben: ihre Bäume brennen. "Es ist das erste Jahr, in dem ich solche Anrufe bekomme", sagt Dechow. Er kennt einen, der vor ein paar Jahren Setzlinge gepflanzt hat und nun einmal in der Woche mit einem Wassertank raus in seinen Wald fährt. Der Wald selbst indes, "wie soll ich sagen, er klagt leise."

Oder er verschwindet. Am Abend dieses Tages brennt 20 Kilometer nordöstlich von hier eine 100 Quadratmeter große Fläche und noch einmal so viel zur gleichen Zeit im Spree-Neiße-Kreis. Am Nachmittag gehen 600 Quadratmeter bei Finsterwalde in Flammen auf und 600 im Erzgebirge bei Aue. Es brennen 500 Quadratmeter Mischwald bei Sangerhausen in Sachsen-Anhalt und eine Streuobstwiese. In der Lieberoser Heide im Südosten Brandenburgs brannte es in den vergangenen Wochen zweimal, einmal auf 400 Hektar, einmal auf 80.

Das vorerst letzte Feuer brennt am Donnerstagnachmittag auf 50 Hektar nahe Lehnins Nachbarort Fichtenwalde. Die Autobahn 9 ist gesperrt, die Gemeinde bittet ihre Bewohner, sich auf eine Evakuierung vorzubereiten.

"Wir haben bis jetzt Glück gehabt", sagt Dechow, er hatte bisher sechs Feuer in seinen Wäldern in diesem Jahr. Beim letzten, eine Woche zuvor bei Brandenburg an der Havel, werden zwei Hektar zerstört. Der Waldbrand an sich, "man riecht ihn früher als man ihn sieht", sagt Dechow.

Aber man sieht ihn. In einem der Zimmer eines Flachbaus 25 Kilometer südlich, in Bad Belzig, stehen vier Schreibtische voller Monitore. Der Flachbau ist das Dienstgebäude der hiesigen Landeswaldoberförsterei, das Zimmer eine der sechs brandenburgischen Waldbrandzentralen. Die Monitore zeigen Schwarz-Weiß-Panoramen brandenburgischer Landschaften – Dechows Wälder sind dabei – gemacht von Kameras auf 14 Türmen. In diesen Tagen, von vormittags um zehn bis abends um acht, sitzen vier Menschen vor den Bildschirmen, die üblicherweise draußen in den Wäldern arbeiten.