Jitzchak Jochanan Melamed ist Professor für Philosophie an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, USA. Als der Israeli bei einem Deutschland-Besuch durch den Bonner Hofgarten lief, schlug ihm ein 20-Jähriger die Kippa vom Kopf. Der Deutsche mit palästinensischen Wurzeln schubste und beleidigte ihn und rief unter anderem: "Kein Jude in Deutschland!" Als die Polizei eintraf, flüchtete der 20-Jährige, Melamed verfolgte ihn, und die Polizei hielt ihn irrtümlich für den Angreifer. Er sei auf Aufforderung nicht stehen geblieben und habe sich gegen die Festnahme gewehrt, sagen die Polizisten. Melamed bestreitet das. Die Beamten überwältigten Melamed und schlugen ihm dabei auch ins Gesicht, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. Auf der Wache hätten die Polizisten versucht, ihn von einer Beschwerde abzubringen, sagt Melamed. Sollte er sich beschweren, würden sie ihn beschuldigen, sich widersetzt zu haben, sollen die Polizisten gesagt haben.

ZEIT ONLINE: Herr Melamed, eine Woche ist seit dem Vorfall im Bonner Hofgarten vergangen. Wie geht es Ihnen?

Jitzchak Jochanan Melamed: Es geht mir gut. Auch körperlich fühle ich mich wieder deutlich besser. Ich habe viele Briefe und Mails vor allem aus Deutschland und anderen Ländern bekommen, in denen mir Freunde, aber auch völlig fremde Menschen ihre Anteilnahme ausgedrückt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Mit dabei waren auch Mails von in Deutschland lebenden Muslimen, von Türken und Arabern. Es gab auch einige Mails, in denen mir die Absender über ihre Erfahrungen mit Polizeigewalt berichtet haben. Und ich habe einige Hassnachrichten bekommen, wenn auch nur sehr wenige.

ZEIT ONLINE: Eine dieser Mails haben Sie auf Facebook veröffentlicht. Darin heißt es zum Beispiel: "Ihr verdammten Juden heult noch immer über eine Zeit, die vor 73 Jahren geendet hat." Wie haben Sie darauf reagiert?

Melamed: Die Mails waren teilweise sehr hässlich und ekelhaft. Sie kamen von Rassisten aller Art. Ein anderer wollte mich beispielsweise davon überzeugen, dass die Polizisten, die an dem Übergriff beteiligt waren, türkischer oder arabischer Herkunft sind. Ein Freund von der Uni Bonn hat mir empfohlen, die Nachrichten weiterzuleiten und sie den Behörden zur Verfügung zu stellen. Aber ich betone noch einmal: Es waren wirklich nur sehr, sehr wenige Mails dieser Art. Dennoch ist es natürlich wichtig, sich mit diesen verrückten Menschen auseinanderzusetzen.

"Deutschland hat ein Problem mit Polizeigewalt"

ZEIT ONLINE: Die vier Polizisten wurden mittlerweile versetzt. Haben sich die Beamten inzwischen bei Ihnen entschuldigt?

Melamed: Auf der Polizeiwache nach dem Vorfall hat sich einer von ihnen bei mir entschuldigt. Aber gleich danach hat er auch diesen Unsinn erzählt: Ich hätte mich gewehrt, obwohl ich mich völlig passiv verhalten habe. Von den übrigen Polizisten habe ich aber bis heute keine Entschuldigung erhalten. Ich habe mich mit zwei Freunden unterhalten, beide Anwälte für Menschenrechte. Sie sagten: "Willkommen im Club. Das ist es, was Polizisten überall tun." Nach den Mails, die ich bekommen habe, bin ich sicher, dass Deutschland ein Problem mit Polizeigewalt hat, das bislang noch nicht diskutiert wurde. Es ist nicht dasselbe Niveau wie in den USA. Aber es gibt ein Problem und ich halte es für notwendig, dass das auch benannt wird.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den Angreifer wahrgenommen, der Ihnen die Kippa vom Kopf geschlagen hat?

Melamed: Ich hatte den Eindruck, dass es eine sehr einfache Person war. Offenbar haben Zeugen ausgesagt, dass er in diesem Park Drogen verkauft hat (er ist der Polizei wegen Drogendelikten bekannt, Anm. d. Red.). Auf der Polizeiwache habe ich die Beamten gefragt, ob ich mit ihm reden kann. Ich wollte ihn fragen, was er sich genau dabei gedacht hat. Aber das war nicht möglich.

ZEIT ONLINE: Als Zeichen der Solidarität hat die Stadt Bonn am Donnerstag den Tag der Kippa veranstaltet. Was bedeutet Ihnen diese Aktion?

Melamed: Das ist eine sehr wichtige Aktion, die ich sehr unterstütze. Die Situation für Juden in Deutschland ist derzeit besorgniserregend. Viele haben Angst, mit der Kippa nach draußen zu gehen. Das ist nicht akzeptabel, und so darf es auch nicht weitergehen. Ich war 1993 oder 1994 das erste Mal in Deutschland, komme zwei- bis dreimal jährlich hierher. Vor ungefähr sechs Jahren hatten mich Leute erstmals gewarnt, draußen auf der Straße eine Kippa zu tragen. Ich hatte bislang selbst nie ein Problem. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass sich die Lage in den vergangenen Monaten geändert hat. Die Atmosphäre ist gewalttätiger geworden.