Kurze Zeit sah es so aus, als würde die CSU die Unionsfraktion spalten – und damit auch die Regierungskoalition. Der Asylstreit zwischen CSU und CDU ist vorerst beruhigt, Kanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer haben einen Kompromiss gefunden. Aber wie stehen die Wählerinnen und Wähler der CSU zu den Vorgängen der vergangenen Wochen? Viele der Befragten unseres Leseraufrufes äußerten sich ablehnend zu den aktuellen Entwicklungen ihrer Partei. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ. Sie spiegeln jedoch die sinkenden Umfragewerte der CSU-Spitze wider. Hier veröffentlichen wir zehn ausgewählte Antworten aus gut 150 Einsendungen und zahlreichen Postings.


Die CSU stellt für mich keine Volkspartei mehr dar.

"Ich wähle die CSU, seit ich 18 bin. Mittlerweile bin ich 51 Jahre alt und werde in diesem Jahr erstmals nicht Schwarz wählen. Diese Partei stellt für mich keine Volkspartei mehr dar, sondern agiert rein populistisch. Herr Seehofer diskreditiert sich mit seinen unchristlichen Aussagen. Herr Söder stellt sich als Gutmensch dar, verkauft aber Genossenschaftswohnungen, die nach der Sanierung für die derzeitigen Mieter nicht mehr bezahlbar sein werden.

Wann werden die Bürger in Bayern endlich das Recht haben, die CDU zu wählen? 
Es wäre höchste Zeit, denn eine Schwesterpartei darf sich nicht so verhalten, wie es die CSU in den letzten Monaten getan hat. Menschen, die auf der Flucht sind, haben es schon schwer genug: Nicht nur, dass die meisten ihre Heimat unfreiwillig verlassen, unsere Sprache nicht sprechen, sich mit unseren Gesetzen und Gepflogenheiten nicht auskennen, nein – sie werden von der CSU auch noch dafür bestraft, dass sie ohne Hab und Gut irgendwo im Niemandsland der Grenze auf ihren zeitlich nicht absehbaren Rücktransport warten müssen. Absolut unmenschlich – schämt euch!" Giorgio Morena


Ich hätte mir mehr Konsequenz von Seehofer gewünscht.

"Erst der Druck der CSU hat die aktuelle Lösung ermöglicht. Erst die innenpolitische Situation hat die Prozesse bei den Verhandlungen in Brüssel beschleunigt. Ich hätte mir jedoch noch mehr Konsequenz von Seehofer gewünscht. Ein angekündigter Rücktritt hätte in einen Rücktritt münden sollen. Das hätte der Glaubwürdigkeit gutgetan.

CSU wie auch CDU werden nicht darum herumkommen, sich in den kommenden Monaten den unbequemen Fragen der eigenen Ausrichtung offen zu stellen. Welche Art von Gesellschaft, Partei wollen wir sein? Welches Europa wollen wir? Wie können wir wieder Brücken bauen und versöhnen? Nicht nur die CSU, besonders die CDU wird sich diesen Fragen stellen müssen." Anonym


Die CSU springt auf den glänzenden Zug der Populisten auf.

"Plakativer Populismus kommt bei einer wachsenden Wählergruppe in unserem Land gut an. Er ist ja auch leichter zu verstehen als eine konstruktive Politik. So weit gut aufgepasst, Herr Seehofer.

Ein Großteil Ihrer Wähler, Herr Seehofer, hat Ihnen dennoch ihre Stimme geliehen, um den Problemen unserer Zeit mit weitsichtigen Lösungen entgegenzutreten. Stattdessen springt die CSU jedoch auf den glänzenden Zug der Populisten auf, um nach rechts driftende Stimmen wieder einzufangen. Dadurch hat sie ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Demgegenüber steht eine Kanzlerin, die sich nicht zu unüberlegten Kurzschlüssen hinreißen lässt, trotz zahlreicher Krisen weiter an ihrem europäischen Plan festhält und Lösungen präsentiert, die weiter gedacht sind, als die Türen des eigenen Hauses von innen und außen zu vernageln.

Irgendwie ironisch, dass ich als Bayer meine Stimme den Vertretern der CSU geben muss, um mich weiterhin für konstruktive und glaubwürdige Politik in meinem Land einzusetzen." Student 22

Die passive Art der Bundeskanzlerin hat der CSU wenig entgegengesetzt.

"Ich finde den Kompromiss im Asylstreit zwischen CDU und CSU in Ordnung. Er ist die Antwort auf eine Sachfrage. Zu dieser Sachfrage kann man unterschiedlicher Meinung sein. Man kann diese Meinungen diskutieren, miteinander abwägen, und dann sollte man zusammen über Kompromisse streiten. Das klingt selbstverständlich und banal. Nach den letzten Tagen ist es dies aber scheinbar nicht mehr. Mich beschäftigen weniger die Sachfrage und der jetzige Kompromiss. Vielmehr beschäftigt mich die Entwicklung der beiden Schwesterparteien zueinander.

Hier wurde binnen weniger Tage das riskiert und vielleicht sogar schon verspielt, was über Jahrzehnte das Verhältnis von CDU und CSU ausgemacht hat. Eine Union ist kaum mehr zu erkennen im Durcheinander der schwelenden Machtkämpfe und Drohgebärden.

Die CSU ist hier sicherlich als Aggressor aufgetreten. Der bayerische Löwe 'brüllt' eben manchmal. Aber auch die CDU und vor allem Angela Merkel sind den Streit nicht optimal angegangen. Die eher passive, abwartende Art der Bundeskanzlerin hat dem Schwung und der Eigendynamik des CSU-Vorgehens wenig entgegengesetzt.

Nun bleibt eine hoffentlich gelöste Sachfrage und eine strapazierte, aufgewühlte Union. Die kommenden Wochen werden die Wogen vermutlich etwas abklingen lassen, aber trotzdem wird der Streit in der Union kaum Gewinner hervorgebracht haben." Anonym


Die CSU bedient sich rechtsradikaler Ausdrucksformen.

"Ich bin überhaupt nicht zufrieden. Die CSU driftet nach rechts und bedient sich rechtsradikaler Ausdrucksformen. Es geht nicht um die Suche nach konstruktiven Lösungen, sondern lediglich um Abschiebung, Wegsperren, Ausgrenzung, Grenzen – anstelle von Integration, Zusammenhalt, Flüchtlingshilfe, integrativen Wohnkonzepten, wirklichen europäischen Lösungen und der Bekämpfung von Fluchtursachen." Anonym


"Selten so betrogen gefühlt wie von diesem egomanischen Gehabe"

Selten so betrogen gefühlt wie von diesem egomanischen Gehabe von Herrn Seehofer.

"Bei der letzten Bundestagswahl habe ich CSU gewählt, um der Union zu einem guten Ergebnis zu verhelfen. Damit ist seit Montagabend Schluss. Ich habe mich selten so betrogen gefühlt wie von diesem machtgeilen, egomanischen Gehabe von Herrn Seehofer. Und nun macht die CDU noch mit. Sie sollen sich alle schämen. Aber was soll man denn noch wählen?" rikkitik


Endlich schärft die CSU ihr konservatives Profil.

"Ich hätte mir noch deutlich schärfere Regelungen gewünscht, freue mich jedoch, dass die CSU ihr konservatives Profil endlich schärft und einen Anfang gemacht hat. Das geschieht zwar deutlich zu spät, aber wenigstens geschieht es. Ein beträchtlicher Teil der deutschen Wähler ist bereit, für eine striktere Regulierung von unkontrollierter und illegaler Einwanderung sogar die AfD zu wählen.

Die Wichtigkeit dieses Themas für viele Wähler zeigt, dass es im unzweifelhaft demokratischen Teil der Parteienlandschaft eine Partei geben muss, die dies in ihrem Wahlprogramm und Verhalten anbietet. Wenn das keine Partei tut, besteht die Gefahr, die AfD-Wähler langfristig zu verlieren.

Im Gegensatz zur AfD steht die CSU klar und tief verwurzelt zu unserem Staat und wird nicht in eine rassistische, antidemokratische und staatsverachtende Rhetorik einschwenken.

Abgesehen von dieser programmatisch wichtigen Entscheidung, die ich begrüße, sieht die personelle Situation in der Partei leider desaströs aus: Keiner der Parteioberen ist charismatisch genug, um breite Wählerschaften zu begeistern." Anonym


Ich möchte eine CSU aber nicht näher an der AfD sehen.

"Ich bin wenig zufrieden. Inhaltlich ist die CSU zwar ein paar überfällige Themen angegangen, aber die Art und Weise halte ich für unterirdisch. Repräsentiert fühle ich mich nicht, da mir das Gespann aus Söder, Seehofer und Dobrindt deutlich zu populistisch ist. Ich vermisse die besonnenen Europäer, die ich mir in der CSU wünsche.

Stattdessen hat diese Partei ein Thema, das seinen Zenit längst überschritten hat, extrem hochgekocht, um Landtagswahlkampf zu machen. Ich möchte eine CSU aber nicht näher an der AfD sehen, sondern bereit für eine mögliche Koalition mit den Grünen: im Bund oder eben auch in Bayern." vane303


Alles Fremde eine Gefahr für den heimatlichen Kaninchenzüchterverein

"In den letzten drei Jahren ist bei mir die Erkenntnis gereift, dass die CSU (im Gegensatz zur CDU und Frau Merkel) für mich nicht mehr wählbar ist. Der CSU-Kurs in der Flüchtlingspolitik hat nichts mehr mit den Realitäten an den bayerischen Grenzen zu tun, sondern nur noch mit Panikmache und der Sorge um Macht- und Postenerhalt. 

Mit diesem Kurs schielt die CSU vor allem nach den Befindlichkeiten eines Teils der bayerischen Bevölkerung, der jeden Fremden, egal ob er "nur" aus Norddeutschland kommt, anderen Glaubens (evangelisch! Jesusmariaundjosef!) oder gar anderer Hautfarbe ist, als eine Gefahr für das heimatliche Dorf und den heimatlichen Kaninchenzüchterverein ansieht. Dass Wechsel in der Regierungsverantwortung zum normalen demokratischen Geschäft gehört, hat die CSU dabei völlig ausgeblendet.  

Mich ärgern die Horrorszenarien, mit denen die CSU auf Stimmenfang geht, weil auf diese Weise keine nachhaltige Flüchtlings- und Migrationspolitik möglich ist. Unser Land – und auch Europa – wird so dauerhaft Schaden erleiden." Salsicciofilo


Nicht nur ungeeignet, sondern auch gefährlich für den Frieden

"Ich habe die CSU in der Vergangenheit gewählt, denn ich habe Verständnis für die lokalpatriotische Klientelpolitik, wie sie die CSU sehr gern in der Landespolitik praktiziert. Ich erkenne darin einen Zusammenhang zum bayerischen Erfolg – sofern dies der Wahrung ausschließlich regionaler Interessen in einem föderalen System dient, ist das vertretbar.

In der Fähigkeit von Herrn Seehofer und seiner Fraktion zu politischen Entscheidungen mit außenpolitischer Tragweite habe ich mich allerdings grundlegend geirrt: Wer in einer Welt, in der bereits diverse nationale Alleingänge vorherrschen, die Errungenschaften der letzten 70 Jahre für ein gemeinschaftliches und soziales Leben mit dem alleinigen Blick auf Bayern aufs Spiel setzt, der ist für die Aufgabe eines Bundesministers nicht nur ungeeignet, sondern auch gefährlich für den Frieden.

Die Geschichte hat uns Deutsche ganz besonders deutlich gelehrt, welche Folgen eine Politik nach sich zieht, die ausschließlich auf den eigenen nationalen Vorteil oder gar ausschließlich auf den Machtausbau der eigenen Partei oder einer Person aus ist." kuehnale