Eigentlich, so dachte Ünsal Arik, sei er nicht mehr zu überraschen. Der Profiboxer ist bekannt für seine Abneigung gegen Recep Tayyip Erdoğan. Anfeindungen von türkischen Nationalisten ist er gewohnt. Aber was in den vergangenen Tagen geschehen ist, habe ihn sehr getroffen, erzählt er.

Arik hatte am Montag in einem Interview Mesut Özil und den türkischen Staatspräsidenten kritisiert. Schon am Dienstag habe ihm einer seiner Sponsoren den Vertrag gekündigt, erzählt er. "Mir wurde gesagt, dass man meine klaren Worte schätze, aber zu große Angst habe, sich mit Erdoğan anzulegen", sagt Arik mit erregter Stimme. Auch viele seiner türkischen Fans würden ihn jetzt anfeinden. "Die haben mich gerade noch bejubelt", sagt der Boxer. "Ich werde von allen Seiten alleine gelassen. Viele sehen Özil als Opfer deutscher Rassisten, aber es wird vergessen, dass er sich zu dem Autokraten Erdoğan bekannt hat."

Der Europa- und Weltmeister im Boxen wurde im bayerischen Parsberg geboren, er boxt aber für die Türkei. "Weil ich mich als Türke sehe und mein Land liebe", sagt er im oberpfälzischen Dialekt. "Ich sehe aber auch, was Furchtbares in diesem Land geschieht – und ich treffe mich nicht mit bösen Menschen und unterstütze keine Diktatur", kritisiert er das Verhalten von Özil.

In seiner aufsehenerregenden Erklärung am Sonntag hatte Özil zu dem Fototermin geschrieben: "Mein Beruf ist Fußballer, nicht Politiker, und unser Treffen war keine Befürwortung irgendeiner Politik." Und weiter: "Für mich hat es keine Rolle gespielt, wer der Präsident war, sondern dass es der Präsident war."

Wie wirkt das auf Erdoğans Opfer?

Er will das Treffen also als ein unpolitisches verstanden wissen. Doch wie unpolitisch kann ein Bild mit einem Staatsmann sein, dessen Kurs immer repressiver wird und der seit dem vereitelten Putschversuch vor zwei Jahren konsequent gegen Regierungskritiker vorgeht? Und wie wirkt es auf die Menschen, die unter der Erdoğan-Politik leiden?

Auch der Migrationsforscher und Psychologe Hacı-Halil Uslucan hat ein wenig Zweifel an Özils Beteuerung, der Termin sei unpolitisch gewesen. "Selbstverständlich hat Özil Sympathien für die AKP und Erdoğan, aber wie weit diese gehen, können wir nicht mit Gewissheit sagen." In Özils Haltung erkennt er "ein weitverbreitetes Phänomen unter Türkeistämmigen: Die Haltung zu Autoritäten ist weniger kritisch, als es unseren deutschen Vorstellungen von Gleichberechtigung entspricht", sagt er.

Das Bild mit Erdoğan sei politisch unsensibel gewesen, so Uslucan. "Doch wie so viele AKP- und Erdoğan-Sympathisanten ist auch Özil nicht von den nachteiligen Effekten der AKP-Politik betroffen. Er kann nicht wirklich nachvollziehen, was die Repressalien gegen Andersdenkende in der Türkei für Auswirkungen haben. Menschenrechte sind nur für eine kleinere Elite ein Maßstab, an dem sie die türkische Regierung messen."

Ein wenig Selbstkritik hätte dem Sportler nicht geschadet, findet Uslucan, der Özils Rücktritt trotz der Bilder-Affäre menschlich nachvollziehbar findet. "Dieses sadistische Bedürfnis, immer weiter nachzutreten, hörte ja nicht mehr auf. Plötzlich war das Land von Uli Hoeneß bis Reinhard Grindel voller Demokratietheoretiker."

Kritik auch von Deniz Naki

Für den Profiboxer Arik sind solche Aussagen unverständlich. Wenn es nach ihm ginge, dann hätte der DFB Özil rauswerfen müssen. Durch seine zahlreichen Treffen mit Erdoğan habe er genau gezeigt, auf wessen Seite er stehe. Ja, die Debatte um Özil sei teils rassistisch gewesen, räumt Arik ein. "Aber Rassismus gibt es überall." Er erinnert an den deutschkurdischen Fußballer Deniz Naki, der sich mit dem mittlerweile inhaftierten kurdischen Oppositionspolitiker Selahattin Demirtaş traf und daraufhin von der türkischen Fußballföderation lebenslang gesperrt wurde. Grund sei "Diskriminierung und ideologische Propaganda". 

Naki selbst hat sich mittlerweile auch an Özil und die Öffentlichkeit gewandt. Er schreibt: "Diejenigen, die dich bei der nächsten Reise in die Türkei mit offenen Armen empfangen, werden genau dieselben sein, die mich rassistisch angreifen. Zwischen Faschisten unterscheidet man nicht, diese sind überall, in jedem Land gleich." Im Januar wurde Naki von Unbekannten auf der Autobahn angeschossen.

Hat der Boxer Ünsal Arik keine Angst, wegen seiner harten Worte ebenfalls angegriffen zu werden, zum Beispiel von türkischen Nationalisten? Arik muss nicht lange nachdenken: "Dann lade ich sie zu meiner Beerdigung ein", sagt er ruhig.