In Großbritannien ist eine Frau gestorben, die vergangene Woche mit dem Kampfstoff Nowitschok in Berührung gekommen ist. Das teilte die Polizei in Amesbury mit; sie habe bereits Mordermittlungen aufgenommen. Ihr 45-jähriger Lebensgefährte befinde sich in kritischem Zustand. Die britische Premierministerin Theresa May äußerte sich "entsetzt und geschockt" über den Tod der Frau. Die Frau hinterlässt drei Kinder.

Die Britin und ihr Partner waren vor einer Woche ohnmächtig aufgefunden und mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus von Salisbury eingeliefert worden. Die Polizei glaubt, das Paar habe möglicherweise ein Fläschchen oder eine Injektionsspritze mit Giftresten berührt, die für den Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal verwendet wurden. Zunächst waren sie davon ausgegangen, dass sich die beiden möglicherweise beim Konsum von verunreinigtem Heroin oder Crack vergiftet hatten; britische Medien berichten, die beiden seien Drogenkonsumenten gewesen.

Das Gift ist noch nicht sichergestellt

Solange der kontaminierte Gegenstand nicht gefunden ist, könnten andere Menschen mit dem Gift in Kontakt kommen. Die Polizei sperrte sechs Orte in Amesbury und im 13 Kilometer entfernten Salisbury ab, an denen sich das Paar kurz vor den ersten Symptomen aufgehalten hatte – darunter eine Apotheke, eine Kirche und das Wohnhaus des 45-Jährigen. Das Hostel, in dem die Frau lebte, wurde evakuiert. Mehr als 100 Polizisten waren bislang im Einsatz, um den kontaminierten Gegenstand zu finden.

Das Krankenhaus bezeichnete das Risiko für die Bevölkerung als gering. Zunächst war auch ein Polizist wegen Verdachts auf Vergiftung in dem Krankenhaus untersucht worden, dieser bestätigte sich aber nicht. Die Behörden rechnen mit wochen- oder monatelangen Ermittlungen. 

Amesbury liegt in der Nähe des Ortes, an dem Skripal und seine Tochter im März vergiftet worden waren. Beide hatten überlebt und leben seitdem an einem geheimen Ort. Es war zuletzt unklar, ob das Gift, an dem nun die Frau gestorben ist, aus derselben Charge stammt, der auch die Skripals ausgesetzt waren. Nowitschok – übersetzt Neuling – ist eine Gruppe extrem starker Nervengifte. Die Kampfstoffe bestehen aus mindestens zwei Komponenten, die bei Vermengung zur tödlichen Chemiewaffe werden.

Die britische Regierung wirft Russland vor, für den Anschlag auf Skripal verantwortlich zu sein. Nowitschok wurde in der früheren Sowjetunion entwickelt, später wurde damit aber auch in anderen Ländern experimentiert. Der Kreml streitet die Vorwürfe vehement ab. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus. Mehr als zwei Dutzend Länder wiesen russische Diplomaten aus. Russland reagierte ebenfalls mit Ausweisungen.

Wegen des Falls Skripals hatten das Königshaus und britische Politiker beschlossen, die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland nicht zu besuchen.