Das mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftete Paar aus Südengland war vermutlich nicht Opfer eines gezielten Anschlags. Das sagte der britische Sicherheitsstaatssekretär Ben Wallace dem Sender BBC. Experten halten es für möglich, dass das Paar zufällig mit einem kontaminierten Gegenstand in Kontakt kam, der beim Anschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal genutzt worden war.

Bei den jüngsten Opfern handelt es sich nach Polizeiangaben um einen 45-jährigen Mann und eine 44-jährige Frau aus der Region. Zunächst sei die Frau am Samstag in ihrem Wohnhaus in Amesbury kollabiert, später mussten die Ärzte auch den Mann ins Krankenhaus in das wenige Kilometer entfernte Salisbury bringen.

Die Polizei hat nun fünf Areale in Amesbury und Salisbury identifiziert, die sie genauer untersucht. Das Paar hatte sich kurz vor der Erkrankung in beiden Ortschaften aufgehalten. Wer kürzlich in diesen Arealen gewesen sei, solle Sicherheitsmaßnahmen einhalten und etwa seine Kleidung waschen und Handys abwischen.

Paar möglicherweise mit Transportgefäß in Berührung gekommen

Erst vor vier Monaten waren der 67-jährige Skripal und seine Tochter Julija bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury entdeckt worden. Nach langer Therapie leben sie heute an einem geheimen Ort. Die britische Regierung wirft der russischen Regierung vor, den Anschlag verübt zu haben. Das Attentat löste eine diplomatische Krise aus. Zahlreiche westliche Staaten, auch Deutschland, wiesen russische Diplomaten aus. Moskau reagierte mit ähnlichen Maßnahmen. Nowitschok wurde in der früheren Sowjetunion hergestellt, später tauchte es in anderen Ländern auf.

Das bei den Skripals verwendete Nowitschok war sehr rein. "Das erhöht die Lagerfähigkeit", sagte der Chemiewaffenexperte Ralf Trapp der Deutschen Presse-Agentur. Die Substanz war laut Trapp ein hochgereinigter Kampfstoff aus einem Labor, der noch viele Jahre wirksam sein könnte. Daher sei es denkbar, dass im neuen Fall das Paar etwa mit Nowitschok-Resten an einem Transportgefäß unabsichtlich in Berührung gekommen sei. "Bislang ist das aber nur ein Szenario. Es fehlen noch Fakten", sagt der Toxikologe.

Der vor dem Anschlag auf die Skripals verwendete Behälter zur Aufbewahrung des Nervengifts sei bis heute nicht gefunden worden, berichtete die Nachrichtenagentur PA.

Regierung beruft Sicherheitsrat ein

Das in Lebensgefahr schwebende Paar liegt in derselben Klinik der Stadt Salisbury, in der die Skripals behandelt wurden. Als Reaktion auf den neuen Fall trat der Sicherheitsrat der Regierung, das Cobra-Komitee, zu einer Krisensitzung zusammen.

Im März hatte die Polizei Teile der Innenstadt von Salisbury abgeriegelt, nachdem die Skripals mit dem Kampfstoff vergiftet worden waren. Nach dem jüngsten Vorfall wurden einige Bereiche in Salisbury und in dem Wohnort des Paares vorsichtshalber abgesperrt. Bewohner forderten mehr Informationen von den Behörden. Das Paar soll unter anderem eine Veranstaltung in einer Kirche besucht haben, bevor es am Samstag erkrankte. Die Beamten waren zunächst davon ausgegangen, dass die beiden möglicherweise Drogen eingenommen haben könnten.