Einen Monat nach Beginn meines Deutschkurses in Berlin kam es zu einem Zwischenfall. Als ich den Klassenraum betrat, war es lauter als gewöhnlich. Aus den Wortfetzen, die ich aufschnappte, wurde mir klar, dass es diesmal nicht um Fragen deutscher Grammatik ging. Sondern um die tiefsitzenden Konflikte zwischen Befürwortern und Gegnern des syrischen Regimes.

Isam, ein junger Syrer, versuchte, zwei Männer zu beruhigen. Der eine schimpfte auf Assad, der Syrien zerstört habe, um an der Macht zu bleiben. Seine Augen waren vor Wut weit aufgerissen. Er zitierte jenen Spruch, den Assad-Anhänger an die Wände schreiben: "Assad, oder wir brennen das Land nieder!" Ihm gegenüber stand ein Assad-Anhänger, der den Mann wiederum als Terroristen und IS-Anhänger verhöhnte. "Aber er ist doch nicht mal Moslem", versuchte Isam den Streit zwischen den beiden zu beenden.

Ein Schleier des Schweigens

Genauso wie Syrien waren auch die Syrer im Klassenraum in zwei Gruppen gespalten. Diesmal schaffte es die Klasse gemeinsam, eine Eskalation zu verhindern. Unser Unterricht konnte beginnen. Aber nach diesem Tag legte sich ein Schleier des Schweigens über das Thema, ganz so, als sei nie etwas passiert.

In der Diaspora sind auch jene Syrer gezwungen, einander auf engstem Raum zu begegnen, die im Heimatland nur sehr wenig einte. Denn auf kultureller, intellektueller und wirtschaftlicher Ebene gibt es große Differenzen zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung. Es heißt, dass Syrer erst während der Revolution begannen, ihr Land kennenzulernen. Als sie sich dann notgedrungen in Aufnahmelagern und Gemeinschaftsunterkünften von Angesicht zu Angesicht begegneten, wurde ihnen klar, dass nationale Zugehörigkeit weniger verbindet als geteilte politische oder religiöse Auffassungen. In ihrem Aufnahmeland aber, zum Beispiel hier in Deutschland, werden sie trotzdem als eine einheitliche Gruppe betrachtet.

Politische Diskussionen darüber, wer die Verantwortung für die enorme Zerstörung und Vertreibung in Syrien trägt, eskalieren schnell. Aus diesem Grund neigen viele dazu, Gespräche vorsorglich schon abzubrechen. Oft sagen sie dann: "Gott allein weiß es". In den Gesprächen gibt es das stille Einverständnis, dass Gott die Probleme lösen muss, da man selbst nicht in der Lage ist, sich zu einigen.

Ehestreit im Flüchtlingsheim

Isam Mahmoud erzählt, dass der Konflikt im Deutschkurs nicht der erste unter Syrern war, den er in Deutschland erlebt hat. Nach dem morgendlichen Streit in der Sprachschule machte Isam sich auf den Weg zurück in die Unterkunft. Auf seinem Rückweg durch den Park begegnet er Haschisch-Verkäufern. Er begrüßt einen von ihnen beiläufig, es ist einer der drei jungen Männer, mit denen Isam sich das Schlafzimmer teilt. Er weicht den Kindern aus, die am Eingang und auf den Treppen spielen und ignoriert die lauten Stimmen aus dem berüchtigten Zimmer Nr. 28. Dort streitet sich Rada wieder einmal mit ihrem Ehemann. Die fehlende Privatsphäre und der Umstand, dass die Nachbarn alles mithören können, heizen den Streit zusätzlich an und erhöhen den Druck auf die Beziehung. Einige Nachbarn glauben, sich vermittelnd einmischen zu müssen, während andere die Unterkunftsleitung einschalten.

Rada ist nicht die erste Frau, die sich nach langer Ehe von ihrem Mann trennen möchte. Ein anderes Ehepaar ließ sich kurz nach dem Auszug aus der Unterkunft scheiden. Die widrigen Umstände im Exil sind aber nicht der einzige Grund für Beziehungskonflikte. Rada sagt, weil sie jetzt von ihren Rechten wisse, könne sie sich nicht mehr einfach so in die Dinge fügen, die in Syrien noch Normalität gewesen seien.