Von einer "Kommunikationskrise" zwischen neuen und alten Migranten spricht Inana Othman. Sie hat syrische Wurzeln und lebt seit ihrer frühen Kindheit in Deutschland. Othman hat als Migrationsberaterin gearbeitet und promoviert heute am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin. Die Kommunikationskrise sei die Folge gegenseitiger Enttäuschung, sagt sie. Beide Seiten hätten unrealistische Erwartungen gehabt. Zu Anfang eilten viele Migranten ihren neu angekommenen Landsleuten zur Hilfe. Während viele davon sich nach wie vor ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren, waren für andere die großen Differenzen zwischen ihnen und den Geflüchteten ein Schock. Sie verglichen sich mit ihnen.

Die Sozialleistungen sowie die Maßnahmen zur vereinfachten Integration, wie zum Beispiel kostenlose Sprachkurse, die Geflüchtete erhielten, hatten sie bei ihrer Ankunft in Deutschland nicht bekommen. Deshalb erwarteten sie von den Neuen, dass die sich besonders zügig integrieren müssten. Aber: "Die Tatsache, dass Geflüchtete notgedrungen und nicht freiwillig hier sind, macht es schwieriger für sie, kulturelle Unterschiede im Alltag bedingungslos anzunehmen. Außerdem wird gänzlich außer Acht gelassen, unter welchen Bedingungen die Menschen leben mussten; während des Krieges, der Flucht und der Phase des Neubeginns, die mit dem Verlust des sozialen Stellenwerts verbunden ist", sagt Inana Othman.

Manche erwarten zu viel

Sie erkennt in der Haltung mancher früherer Zuwanderer gegenüber den Neuankömmlingen die Postionen rechter Deutscher wieder. "Dass Migranten anderen Migranten, die genau dasselbe erleben, wie sie es einst erlebt haben, mit solch einer Überheblichkeit begegnen, ist für mich unverständlich." Aber es gebe auch auf der anderen Seite Missverständnisse. "Manche Geflüchtete erwarten unendlich viel Hilfestellung von denen, die schon länger hier sind, besonders, wenn es um Übersetzungen geht. Das geht mit dem Verlust der eigenen Selbstständigkeit einher. Der Umgang miteinander ist auf beiden Seiten emotional und nicht rational begründet."

Die Konflikte werden auch in den sozialen Medien ausgetragen, oft in noch schärferer Form. "Ich habe manchmal das Gefühl, dass Facebook zu einem Schlachtfeld geworden ist, auf dem Syrer jene Wut auslassen, die in der Realität keinen Raum hat", sagt Maiada, eine Syrerin Anfang zwanzig, die gerade Deutsch lernt und hier studieren will. Sie und ihr Mitschüler Suleiman konnten den Hass, den sie auf Facebook-Seiten erlebten, nicht mehr aushalten. Deshalb haben sie ihre Accounts gelöscht. "Ich kann nachvollziehen, dass Leute über Politik streiten und dass manche sich im Netz besonders viel trauen, weil sie anonym sind. Was mich aber verblüfft, ist, dass sich die Konflikte auf alle Fragen ausweiten. Es wird gestritten über den Hijab, das Fasten im Ramadan, Freiheiten in Deutschland, Sexualunterricht an Schulen, die Rückkehr nach Syrien, Rassismus, Antisemitismus, es wird sogar über Kunst gestritten. Es gibt so viel Wut," sagt Suleiman.

Soziale Medien können auch helfen

Konflikte, die im Alltag totgeschwiegen werden, kommen in den sozialen Medien zum Vorschein. Der Krieg im Heimatland wird im Internet weiter ausgetragen. Soziale und kulturelle Gräben, die bereits in Syrien vorhanden waren, vertiefen sich hier weiter.

Andererseits können soziale Medien Geflüchteten beim Ankommen in Deutschland auch helfen. So gibt es Gruppen zur Vernetzung von Künstlern und Schriftstellern, andere helfen jungen Leuten dabei, Studienplätze, Stipendien, Ausbildungsplätze, Sprachschulen und Arbeitsmöglichkeiten zu finden, in wieder anderen Gruppen können sich die Nutzer über ihr Leben in Deutschland austauschen. In diesen Gruppen überwiegt das Verbindende, nicht das Trennende. Zu den dominanten Themen gehören etwa das Warten auf den Aufenthaltstitel, die Suche nach Stabilität, die Herausforderung, eine neue Sprache zu lernen, die Angst vor Abschiebung oder Verlagerung in eine andere Unterkunft. An oberster Stelle aber steht, bei allen Unterschieden untereinander, das eine Thema: wie die deutsche Gesellschaft sie aufnimmt oder ablehnt.

 Übersetzung: Serra Al-Deen, Mahara-Kollektiv