Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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An Sachsens Grenze zu Polen endet natürlich nicht die Welt. Aber es sieht trotzdem ein bisschen so aus in Klein Priebus, diesem einsamen Fleckchen in der Oberlausitz, dem letzten Dorf vor der polnischen Grenze.

Es gibt nur eine Straße und nur 95 Klein Priebuser. Die Neiße fließt direkt hinter Gartenzäunen entlang, zu den Nachbarn im anderen Land kann man hinüberwinken. Der Soundtrack des Dorfs, das sind Birken, die im Wind rascheln, tuckernde Traktoren, eine Kreissäge, die irgendwo kurz aufheult. Und alle paar Monate lärmt es nebenan auf dem riesigen Truppenübungsplatz, wenn wieder Bundeswehrmanöver ist. Ansonsten hört man in Klein Priebus nichts. Nur dösende Stille.

Für Großstadtmenschen kann das anstrengend sein. Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach erleben es immer wieder, dass Besucher aus der Stadt vor lauter Stille in der ersten Nacht bei ihnen nicht schlafen können. Für das Paar gibt es nichts Schöneres als diese Ruhe.

Sie ist Anfang 40, er Mitte 50, beide haben schon in vielen Branchen gearbeitet, oft in der Kultur, meist selbstständig. Vor knapp zehn Jahren sind sie nach Klein Priebus gezogen und inzwischen so etwas wie die Dorfexoten. Das liegt daran, dass sie "die Bewohner mit der längsten Metropolerfahrung" sind. Und aus ihrer Liebe zur Provinz eine Mission gemacht haben.

Alternative zum Lärm der Großstadt

Sie nennen sich Raumpioniere, und sie beraten andere auf der Suche nach Möglichkeiten, die es in der Großstadt nicht mehr gibt. Es gab schon immer Menschen, die ihren Frieden in der Provinz gesucht haben. Nun passen sie jedoch in Zeiten, in denen das Leben in Metropolen für viele immer schwieriger wird. In denen manche Menschen an die Stadtränder verdrängt werden oder sich aktiv für Alternativen zum Tosen der Großstadt entscheiden.

Die Rechnung der Raumpioniere geht so: In den Metropolen wird es immer enger, stressiger, teurer. Warum also nicht dorthin ziehen, wo die Dynamik umgekehrt ist? "Dahinter steckt unsere eigene Geschichte", sagt Arielle Kohlschmidt. "Und der Ansatz, dass wir die Entwicklung vieler Dörfer sehen und ausrechnen können, wie leer es hier in zehn, zwanzig Jahren sein wird." Man kann das als apokalyptisches Szenario betrachten. Oder sich wie Kohlschmidt und Hufenbach auf die Chancen konzentrieren, die in solchen Gegenden stecken.

Deshalb sind sie Werber für das Landleben geworden. Für Natur, billigen Wohnraum, kreative Netzwerke. Sie sammeln Geschichten von Menschen, denen es genauso ergangen ist wie ihnen. Sie verbinden sich mit Bürgermeistern und regionalen Wirtschaftsleuten, um zu erfahren, wo es Jobs und Häuser gibt, um diese Infos weiterzugeben. Denn das gehört zum Kern ihrer Mission: Das Paar bietet Pampa-Beratungen an, kostenlos und ehrenamtlich. Sie sind in ihrer Region die erste Anlaufstelle für großstadtmüde Menschen.

Seit das Projekt im vergangenen Jahr gestartet ist, haben sich etwa 100 Interessenten aus ganz Deutschland gemeldet. Die Raumpioniere verstehen sich als Ergänzung zu den Willkommensveranstaltungen für Rückkehrer, die viele schrumpfende Orte inzwischen im Angebot haben. "Viele möchten sich nicht nur an eine Behörde wenden", sagt Jan Hufenbach. "Wer sich fürs Landleben interessiert, will mit Leuten reden, die selbst Erfahrungen gemacht haben. Denen man alle Fragen stellen kann. Auch die vermeintlich bescheuerten, die keine Verwaltung beantworten würde." Die Klassiker: Kann ich in so einem abgeschiedenen Dorf überhaupt leben? Wie finde ich Leute, die so ticken wie ich? Bekomme ich dort einen Kitaplatz? Und, man hat ja so viel gelesen, ist es da draußen im tiefsten Osten wirklich so schlimm mit den Nazis?

Oft sitzen Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach dann in ihrem Garten, hinter ihnen Gemüsebeete, vorn die leere Dorfstraße, und erzählen erst mal ihre eigene Geschichte. Von der großen Freiheit, die für sie früher mal Berlin hieß. Mit Clubs, Cafés, Anschluss an Szenen und Trends. Bis all das für sie immer weniger wert war. Für den Umzug nach Klein Priebus sprach unter anderem ein Haus mit großem Grundstück, das sie für 10.000 Euro bei einer Zwangsversteigerung gekauft haben. Die Ankunft im Dorf war leicht. Schon am zweiten Tag stand ein Kuchen vor ihrer Haustür. Die Nachbarn, die bisher nur die Erfahrung gemacht hatten, dass Menschen ihre Gegend verlassen, freuten sich über die Neuen. "Unsere Künstler", so nennen sie Kohlschmidt und Hufenbach mittlerweile im Dorf.