Kohlschmidt und Hufenbach auf ihrem Grundstück in Klein Priebus © Doreen Reinhard für ZEIT ONLINE

"Man darf nicht hinter der eigenen Gardine hocken", sagt Arielle Kohlschmidt. "Man muss auf die Menschen zugehen, bei Vereinen mitmachen, sich unter die Leute mischen." Ohne Vorurteile. Der tiefe Osten hat bei manchen keinen besonders guten Ruf, das merken sie bei ihren Beratungen ab und zu.

"Kennt ihr denn Rechte bei euch?", fragen einige. Ihre Antwort: Jein. Nein, weil in ihrem direkten Umfeld keine leben. Ja, weil sie in einem Wahlkreis wohnen, in dem die AfD bei der Bundestagswahl gewonnen hat. Das hohe Ergebnis hat damals viele schockiert, auch Kohlschmidt und Hufenbach. Aber deshalb wegziehen? Niemals. Sie bleiben stattdessen mit vielen Leuten im Gespräch, auch über Politik. "Was wir machen können: andere Impulse und Gedanken in Debatten einbringen", sagt Arielle Kohlschmidt. Ansonsten plädieren sie dafür: "Lernt die Leute erst mal kennen, lasst euch auf sie ein. Sie sind viel facettenreicher, als ihr vielleicht irgendwo gehört oder gelesen habt."

Das Paar hat mittlerweile viele Kontakte in der Region. Die beiden haben eine Agentur aufgebaut, von den Aufträgen können sie gut leben. Mal produzieren sie eine Zeitschrift für eine Wohnungsgenossenschaft, mal bereiten sie eine Ausstellung vor. Kohlschmidt arbeitet außerdem als Yogalehrerin und könnte allein in Klein Priebus einen eigenen Kurs füllen. Die Leute schätzen an ihnen, dass sie alte Fotos restaurieren oder auch mal einen Film über Trecker produzieren können. Der Bürgermeister der Gemeinde ist ebenfalls ein Fan von ihnen. Rüdiger Mönch plagen viele Sorgen: Wie erhält man Infrastruktur in einer extrem dünn besiedelten Gegend? "Da ist es toll, wenn mit Menschen wie Arielle und Jan frischer Wind und Ideen in die Region kommen", sagt er. "Sie zeigen, dass man auf dem Land gut leben kann."

Ohne Auto geht es nicht

Man kann das Landleben lieben oder hassen. Es ist jedenfalls überladen mit Assoziationen: hinterwäldlerische No-go-Area für die einen, idealisierter Sehnsuchtsort für andere. Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach sind geerdete Fans des Dorflebens. Sie wissen, dass man auf dem Land auch scheitern kann. Sie selbst hatten nie große Krisen. Doch "bei unseren Beratungen müssen wir den Leuten auch ein paar Zähne ziehen", sagt Jan Hufenbach. Zum Beispiel, dass man nicht einfach nur Hausbesitzer ist, sondern ständig reparieren und investieren muss, dafür zig Geräte braucht. Dass einiges in der Abgeschiedenheit doch komplizierter ist als in der Stadt.

In Klein Priebus sind die beiden damals ohne Auto angekommen. Brauchen wir nicht, dachten sie, es fahren doch Busse und Züge. Immerhin ein Jahr haben sie das durchgehalten. Als sie zu einem Termin in einer nahen Kleinstadt über zwei Stunden brauchten, haben sie dieses Kapitel endgültig abgeschlossen. Inzwischen stehen zwei Fahrzeuge auf dem Hof. Und ein Opel Blitz, Baujahr 1962, der gerade zum Raumpioniermobil umgebaut wird, damit sie potenzielle Zuwanderer aus der Großstadt durch die Lausitz fahren können.

Neuankömmlinge staunen oft über die teils langen Wege. "Aber in Berlin braucht man doch auch ein bisschen Zeit von einem Bezirk in den nächsten", antworten sie dann. Bei den wichtigsten Anlaufstellen, im Supermarkt, beim Landarzt, in der Gemeindeverwaltung, sind sie ebenso schnell. "Und einen Spätshop brauchen wir nicht", sagt Arielle Kohlschmidt. "Das ist bei uns der Nachbar, bei dem man sich mal Zucker borgt oder ein Ei aus dem Hühnerstall holt."

Ein paar Großstadtsehnsüchte bleiben trotzdem. Die Lust, sich mal eben in ein Straßencafé zu setzen. Oder in einem Restaurant zu essen, in dem nicht nur Schnitzel und Würzfleisch auf der Speisekarte stehen. Solche Adressen muss man auf dem Land lange suchen. Gut 40 Kilometer entfernt liegen Görlitz und seine polnische Partnerstadt Zgorzelec, beides lebhafte Städte mit vielfältiger Kultur. "Wir haben gejubelt, als dort endlich ein Sushi-Restaurant aufgemacht hat, sind sofort losgefahren und haben uns vollgestopft, bis wir fast geplatzt sind", sagt Arielle Kohlschmidt.

In Görlitz gibt es außerdem verschiedene Schulen – ein Thema, über das sich das Paar gerade den Kopf zerbricht. Ihr Sohn hat bisher einen staatlichen Kindergarten in der Nähe besucht, mit dem sie zufrieden waren. Nun würden sie ihn am liebsten in einer freien Schule anmelden, doch in ihrer Nachbarschaft gibt es nur wenige solcher Einrichtungen. Sie haben bei vielen Faktoren keine riesige Auswahl, sondern müssen Prioritäten setzen – das gehört zu ihrem Alltag dazu.

Oft gibt es Tipps von anderen Raumpionieren. Gut zwei Dutzend gehören inzwischen zum Kern ihres Netzwerks. Kleinunternehmer und Selbstständige sind darunter, die nicht auf feste Strukturen angewiesen sind, sondern sich ihren Arbeitsplatz aussuchen können. Kunsthandwerkerinnen, Köche, Therapeutinnen, Designer, die Dörfer für sich entdeckt haben und nun Werbung für die Provinz machen. Einige haben Raumpionier-Fahnen vor ihren Häusern in die Erde gesteckt. Ein Zeichen, dass man klingeln kann, um sich mit ihnen auszutauschen.

Wie werden Dörfer wie Klein Priebus in ein paar Jahren aussehen? Verwaist oder gefüllt mit neuem Leben? Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach zucken mit den Schultern. An einer der schlimmsten Prognosen arbeitet Jan Hufenbach gerade mit, theoretisch jedenfalls. Regelmäßig fährt er nach Göttingen, wo sich lokale Akteure aus ganz Deutschland, vom Bürgermeister bis zum Künstler, zu einem Planspiel treffen. Dort brüten sie über einem Papierdorf, in dem es immer weniger Einwohner gibt. Wie kann man die notwendigste Versorgung sichern, von der Feuerwehr bis zum Arzt, wenn das immer aufwendiger und teurer wird?

Natürlich könnte solch eine Dystopie Realität werden in Klein Priebus. Doch die Raumpioniere haben weniger düstere Visionen. "In einem Meer von Schrumpfung wird es immer Oasen des Wachstums geben. Und die werden rund um Macher entstehen." Diese Sätze haben sie von einem Forscher gehört und nun ständig im Kopf. Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach glauben, dass sich auch außerhalb von Schwarmstädten Schwärme bilden werden. Kleine Planeten, entdeckt und bevölkert von Pionieren wie ihnen.