Vor 30 Jahren berichteten Medien zum ersten Mal über den Tod eines Bootsflüchtlings an der spanischen Südküste. Drei Jahre später schlossen sich in der Hafenstadt Algeciras mehrere Hilfsorganisationen zum Verband Algeciras acoge – Algeciras nimmt auf – zusammen. Ihr Sprecher Jesús Mancilla warnt davor, aus den Flüchtlingszahlen politisches Kapital zu schlagen und sie in Migranten erster und zweiter Klasse einzuteilen.

ZEIT ONLINE: Herr Mancilla, in Spanien kommen gerade viele Flüchtlinge per Boot an, die positive Stimmung in der Bevölkerung erinnert an die in Deutschland im Sommer 2015. Inzwischen hat sich die Stimmung in Deutschland verändert. Besteht in Spanien auch die Gefahr?

Jesús Mancilla: Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Ankunft der Flüchtlinge ist bisher von großer Solidarität geprägt. Sie bringen jede Menge Kleidung zu den Aufnahmezentren, auch Nahrung. In sozialen Medien liest man zwar viele fremdenfeindliche Botschaften, aber ich glaube, dass es sich dabei um die Stimmen einer lauten Minderheit handelt. Es gibt in Spanien allerdings seit einigen Jahren schon eine rechtsradikale Partei namens Vox. Sie ist nicht im Parlament vertreten, aber am Mittwoch will sie hier in Algeciras ein großes Meeting abhalten. Das ist sehr beunruhigend. Ich denke, dass der Mittwoch einen Eindruck geben wird, auf wie viel Zustimmung fremdenfeindliche Aussagen hier treffen.

ZEIT ONLINE: Auch eine Volkspartei wie die konservative Partido Popular tut sich neuerdings mit Warnungen vor der Ankunft von angeblich Millionen von Migranten hervor. Will und kann der neue Vorsitzende Pablo Casado daraus politisches Kapital schlagen?

Mancilla: Die Absicht ist ganz offensichtlich. Das Spiel mit den Zahlen der ankommenden Migranten gehört zu dieser Politik. Da wird dann gerne darauf verwiesen, dass dieses Jahr bereits 24.000 Migranten ankamen, mehr als in ganz 2017. Aber schauen wird doch nur mal ein paar Jahre zurück: 2006 erreichten 40.000 Migranten Spanien. Es ist also total unangemessen, mit den aktuellen Zahlen eine solche Alarmstimmung anzufachen. Was Politiker wie Casado und auch der Vorsitzende der liberalen Bürgerpartei Albert Rivera außerdem verschweigen, ist die Tatsache, dass mehr Menschen Spanien verlassen als ankommen. Studien zufolge müssten wir die Zahl der Einwanderer sogar verdoppeln, um unser Sozialsystem in der heutigen Form aufrechtzuerhalten.

ZEIT ONLINE: Spaniens neuer Premier Pedro Sánchez hat das Seenotrettungschiff Aquariusmit 600 Bootsflüchtlingen an Bord anlanden lassen, nachdem Italien ihm die Einfahrt in seine Häfen verweigert hatte. Die konservative Opposition wirft ihm vor, damit einen Sogeffekt bewirkt zu haben.

Mancilla: Die Abschottung Italiens ist sicher ein Faktor, aber nicht der entscheidende. Menschen aus der Region südlich der Sahara sind nicht erst seit vergangenen Juni unterwegs. Sie sind schon vor Monaten aufgebrochen, vielleicht sogar vor Jahren.

ZEIT ONLINE: Trotzdem scheint Sánchez auf die Macht der Bilder zu reagieren und zu bremsen.

Mancilla: Wir als Organisation hatten nach der Entscheidung, die Aquarius in den Hafen von Valencia einfahren zu lassen, gehofft, dass sich die Situation der Migranten in Spanien grundsätzlich zum Besseren wenden würde. Das ist leider nicht der Fall. Ihre Versorgung ist ungenügend. Es gibt nach wie vor nicht ausreichend Juristen, Ärzte und Psychologen, die sich um sie kümmern könnten. Und das, obwohl wir hier im Süden fast jeden Tag eine Aquarius ankommen sehen. Migration wird man nicht dadurch stoppen, dass man nicht auf sie vorbereitet ist.