Eine junge Jesidin, die in Schwäbisch Gmünd ihrem IS-Peiniger begegnet sein soll, hat eine mangelnde Zusammenarbeit mit den deutschen Ermittlern beklagt. Nach ihren Angaben hat sie aus Angst vor dem Mann ihre Flüchtlingsunterkunft in Deutschland verlassen und ist zurück in den Irak gereist. Die deutschen Behörden hätten sie nicht kontaktiert, obwohl sie im Nordirak erreichbar sei, sagte Aschwak T. der Deutschen Presse-Agentur. "Warum rufen die mich nicht an?"

Das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg hatte am Mittwoch getwittert, die Ermittlungen in dem Fall könnten im Moment nicht fortgeführt werden, "da die Zeugin für Rückfragen aktuell nicht erreichbar ist". Auch die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sagte, dass eine Befragung Anfang Juni daran gescheitert sei, dass die 19-Jährige zu dem Zeitpunkt schon außer Landes gewesen sei.

Seit Juni ermittelt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe in dem Fall, über den zuerst die irakische Nachrichtenseite Basnews berichtet hatte.

Als Sklavin verkauft

Aschwak T. gehört der im Nordirak lebenden ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden an. Nach ihren Angaben hatten Einheiten des Islamischen Staates (IS) ihr Dorf 2014 überfallen und die damals 15-Jährige zusammen mit anderen jungen Frauen verschleppt. Auf einem Sklavenmarkt sei sie für 100 Dollar an ein IS-Mitglied verkauft worden. Dieser Mann habe sie monatelang geschlagen und missbraucht. Sie habe jedoch fliehen und zusammen mit anderen Frauen das Sindschargebirge erreichen und dort Teile ihrer Familie wiederfinden können. In die Region westlich von Mossul sind während der Kämpfe viele Jesiden geflohen. Von dort kam Aschwak T. als Flüchtling nach Deutschland.

In ihrer neuen Heimat in Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg traf sie dann nach eigenen Angaben den Mann Jahre später auf der Straße wieder. Im Februar 2018 habe er sie angesprochen. "Er sagt, er kenne mein ganzes Leben in Deutschland. Ich hatte solche Angst, ich konnte nicht mehr reden", berichtet sie auf Deutsch in einem Video, das auf YouTube veröffentlicht wurde.

Die Polizei hatte mit den Angaben der 19-Jährigen ein Phantombild des Mannes erstellt und versucht, ihn zu finden. Leider seien ihre Angaben nicht sehr präzise gewesen und der Name, den sie nannte, habe sich keiner Person zuordnen lassen, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft. Der SWR zitiert einen Sprecher der Stadt Schwäbisch Gmünd, ihr sei damals ein neuer, anonymer Wohnort angeboten worden. Sie habe das Angebot aber nicht angenommen.

Aschwak T. hingegen berichtet laut Basnews einen etwas anderen Ablauf. Sie sei vor diesem Abu Humam in einen nahe gelegenen Laden geflohen. Anschließend habe sie sich im Flüchtlingsheim ihrem Bruder und dem Leiter der Einrichtung anvertraut. Die Polizei sei informiert worden und habe Überwachungsvideos aus dem Laden überprüft und auf den Bildern den Mann entdecken können. "Die Polizei sagte mir, er ist genau wie ich ein Flüchtling und dass sie nicht viel tun könnten. Sie gaben mir nur eine Telefonnummer, die ich kontaktieren könne, wenn Abu Humam mich wieder anspricht." Daraufhin habe sie sich entschlossen, nach Kurdistan zurückzukehren.

Weitere Mädchen sollen ihn wiedererkannt haben

"Sofort nachdem die junge Frau im Februar dieses Jahres den Vorfall geschildert hatte, wurden seitens der Stadt der Staatsschutz und die Ermittlungsbehörden eingeschaltet, die dann die weiteren Schritte übernommen haben." Das zitiert Der Spiegel aus einer Stellungnahme der Stadt Schwäbisch Gmünd. 

Aschwak T. will nicht mehr nach Deutschland zurückkommen, sondern in ihrer Heimat im Nordirak bleiben. "Ich hatte solche Angst, ich konnte nicht mehr in Deutschland bleiben", sagte sie. Sie sei nach Baden-Württemberg gekommen, um ihren Peiniger zu vergessen. Dies sei dort nicht mehr möglich.

Der Zentralrat der Jesiden hat Informationen, die die Aussagen der jungen Frau stützen. Der SWR zitiert Zemfira Dlovani, die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates, mit den Worten, weitere Mädchen hätten den mutmaßlichen IS-Kämpfer wiedererkannt. Genauere Angaben zur Identität der Zeuginnen wolle sie derzeit nicht machen.