Wenn Jaafar Abdul Karim durch Berlin-Neukölln läuft, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass er dort erkannt wird. Seine preisgekrönte Sendung "Shababtalk" bei der Deutschen Welle ist unter arabischsprachigen Jugendlichen im Nahen Osten, in Nordafrika, in der Golfregion, aber auch in Deutschland ein Hit. Er spricht in seiner Sendung Themen an, die in einigen arabischen Gesellschaften tabu sind: Liebe, Sexualität, Emanzipation und vieles mehr. Als Reporter hat Jaafar Abdul Karim auch die deutsche Flüchtlingspolitik eng begleitet. Jetzt hat er ein Buch über seine Erlebnisse als Moderator und Journalist geschrieben. "Fremde oder Freunde" heißt es. Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Version des Kapitels "Ein Tag auf der Sonnenallee".

An einem sonnigen Tag setzte ich mich morgens auf mein Fahrrad und radelte zur Sonnenallee, die alle Araber in Deutschland als "Arabische Straße" kennen, um dort die Stimmung einzufangen und mit ein paar Menschen ins Gespräch zu kommen. Dort angekommen, fuhr ich an Brautmodengeschäften mit viel pompösem Glitzer vorbei und staunte wie immer über die bombastischen Auslagen der vielen Obst- und Gemüsehändler. Manche Händler sprachen Einladungen in ihr Geschäft aus und verschenkten Probierportionen Wassermelone, Nektarinen oder Clementinen an Passanten, um sie als Kunden anzuwerben.

Dann setzte ich mich in eines der zahlreichen Straßencafés und schaute, wie auch die anderen Gäste, dem Treiben auf der Straße zu. Um zehn Uhr vormittags herrschte eine gemütliche, ruhige Stimmung im Café. Niemand schien in Eile zu sein oder Termine zu haben. Ich will kein Klischee bedienen, aber es war tatsächlich so: Auch in den anderen Cafés waren Wasserpfeife rauchende und Tee trinkende Männer zu beobachten, während die Frauen – die meisten von ihnen mit Kopftuch – die Einkäufe erledigten und zwischen arabischem Supermarkt, Halal-Fleischer und Bäckerei unterwegs waren. Durch den Nebel des Wasserpfeifenrauches erklang Musik von Fayrouz, der berühmtesten libanesischen Sängerin, sodass man sich wirklich wie in einer arabischen Stadt fühlte. Plötzlich hielt ein Auto mitten auf der Sonnenallee. Der Fahrer sprang heraus und ging zum Gemüsehändler nebenan. Genau wie in Kairo oder einer anderen arabischen Stadt. Dass die anderen blockiert wurden und hupten, schien den Fahrer nicht zu stören.

Ich fand die Atmosphäre und die Stimmung an diesem Vormittag schön und friedlich. Wenn da nicht die Zahlen, die Fakten und die Erzählungen über Neukölln wären … 21,9 Prozent der 18–25-Jährigen (von denen in Neukölln rund 70 Prozent einen Migrationshintergrund haben) gelten als "frühe Schulabgänger" – der Gesamtberliner Durchschnitt der früher "Schulabbrecher" Genannten liegt bei 11,9 Prozent. Die Kriminalstatistik besagt, dass besonders der Hermannplatz – der Ausgangsort der Sonnenallee – und die an ihm liegende Hermannstraße von der Berliner Polizei als "kriminalitätsbelastete Orte" eingestuft werden. Laut Polizeibericht 2017 kommt es in dieser Gegend häufig zu Körperverletzungen, unter anderem zwischen rivalisierenden arabischen Clans. Dazu treten Diebstahl, Drogendelikte, Überfälle, Körperverletzungen und illegales Glücksspiel vermehrt auf.

42,2 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Neuköllns sind Menschen mit Migrationshintergrund. Das sind zum einen Einwohner mit ausländischem Pass, aber auch Inhaber der deutschen Staatsangehörigkeit mit Migrationshintergrund. 47,7 Prozent dieser Menschen mit Migrationshintergrund und deutscher Staatsangehörigkeit weisen einen niedrigen Bildungsstand auf – unter den Ausländern sind es 54,0 Prozent. 19,7 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund und 22,1 Prozent der Ausländer in Neukölln sind arbeitslos. Ich wollte wissen, was die Neuköllner, die Bewohner und Besucher der Sonnenallee zu diesen Zahlen sagen, verließ das Café und wechselte auf die andere, die sonnige Straßenseite. Ich wollte mit den Menschen dort sprechen. Das letzte Mal hatte ich zur Bundestagswahl 2017 von hier berichtet, als ich von den Menschen ihre Gedanken zur deutschen Politik hören wollte. Jetzt interessierte mich, was die Bewohner und die Besucher der Sonnenallee zu Integration, Parallelgesellschaft und vor allem zu den Statistiken sagen. Willkürlich begann ich nun Leute anzusprechen.

Ich sah einen großen kräftigen jungen Mann mit Bart. "Wie geht’s?" – "Gut", antwortete er mir. Ich wollte wissen, was "gut" für ihn bedeutet. "Seit drei Tagen bin ich in Freiheit – nach siebeneinhalb Jahren im Gefängnis. Und eigentlich hätten das 14 Jahre sein sollen …" Der 33-Jährige, den ich Mahmoud nenne, wollte eigentlich gar nicht mit der Presse sprechen, da sie "schon zu viel Unfug" über ihn geschrieben hätte. Was denn genau er verbrochen habe, hakte ich nach, was sei der "Unfug"? 14 Jahre bekommt man in Deutschland nicht einfach so … "Es hat mit den Clans zu tun, die die Kontrolle über diese Straße haben, ich kann darüber aber nicht sprechen. Ich weiß einfach zu viel." Nun wollte er vor allem Zeit mit seinen Kindern verbringen und mit ihnen und seiner Frau "ganz neu anfangen und zuerst einmal alles verarbeiten". Ich fragte weiter nach. Mahmoud hatte mich neugierig gemacht, ich wollte wissen, was er sich zuschulden hatte kommen lassen. Aber er wollte partout nicht plaudern, obwohl ich ihm versprach, seinen echten Namen nicht zu nennen. Was er aus der Zeit im Gefängnis gelernt hatte? "Wenn du im Gefängnis bist, denkst du, dass du nie rauskommst. Jetzt möchte ich einfach nur ein ruhiges Leben führen."

Nach dem Gespräch lief ich die arabische Straße weiter entlang und dachte nur: "Wie erstaunlich, dass die erste Person, die ich einfach so anspreche, gleich der typische Neuköllner Gangster ist!" Es ist wohl wirklich nicht einfach nur ein Klischee. Ich ging weiter und kam an der Fahrschule Sonne vorbei. Von dieser Schule hatte ich schon gehört, dass viele Geflüchtete hier ihren Führerschein auf Arabisch machen würden. Ich wollte den Inhaber, Rateb, sprechen, doch weil er gerade mit einem Fahrschüler unterwegs war, setzte ich mich und wartete. Durch meine Sendung war ich bei den Schülern der Fahrschule bekannt, und ich wurde gegrüßt. Von manchen herzlich, von manchen weniger, und andere beschwerten sich gleich über meine Themenauswahl. Ich kam allerdings mit jemandem ins Gespräch, der mich nicht kannte und ziemlich aufgeregt wirkte – Mustafa, ein Palästinenser aus einem libanesischen Flüchtlingslager, stand kurz vor seiner praktischen Fahrprüfung. Der schmale junge Mann in Jeans und T-Shirt, der offenbar gerne Gel in seinen schwarzen Haaren trug, flog im Oktober 2014 vom Libanon in die Türkei. Da sein Status als palästinensischer Flüchtling im Libanon ihm neben zahlreichen Einschränkungen des täglichen Lebens auch keinerlei Reisefreiheit gewährte, konnte er die zur Ausreise benötigten Papiere nur mit Hilfe eines Schmugglers bekommen haben. Das Risiko für ein besseres Leben in Deutschland ist Mustafa eingegangen.

Nach der Ankunft in der Türkei setzte Mustafa mit einem Schlepperboot nach Griechenland über und war dann, zusammen mit Freunden aus dem Libanon und Bekannten aus der Türkei, einen Monat unterwegs, um nach Deutschland zu kommen. Als Palästinenser aus dem Libanon hatte er in Europa keine Chance auf denselben Schutzstatus wie Menschen, die vorm Krieg nach Deutschland fliehen. Seit er hier ist, gilt er daher als "Geduldeter" – er hat eine Aufenthaltsgestattung und bekommt Hartz IV. Weil er keine Bleibeperspektive in Deutschland hat, steht ihm auch kein Deutsch- und Integrationskurs zu, wie zum Beispiel den Syrern, die das ein- oder dreijährige Aufenthaltsrecht erhalten.

Kein Bezug zur deutschsprachigen Gesellschaft

Trotzdem vermittelte er mir den Eindruck, dass er wirklich etwas aus seinem Leben machen wollte. Deutsch lernen und arbeiten. Er berichtete mir aber von den Hürden, die er aufgrund seiner Herkunft nicht überwinden kann. Denn palästinensische Flüchtlinge und deren Nachkommen gelten international als "staatenlos".

"Ich war bei den Behörden und habe ihnen gesagt, dass ich Deutsch lernen und arbeiten will, aber sie haben mir gesagt, dass das aufgrund meiner schlechten Bleibeperspektive und meiner Duldung hier nicht geht." Der Druck, Geld zu seiner Familie in den Libanon zu schicken, ist aber für ihn sehr groß. "Was soll ich machen, wenn ich weiß, dass meine Mutter nicht genug Geld hat, um für die Großfamilie Essen zu kaufen? Nicht zu arbeiten wäre keine Option für mich gewesen", erklärte er mir ernst. Da er schon im Libanon im Laden seines Vaters als Friseur gearbeitet hatte, fand er in Berlin schnell Anschluss bei einem arabischen Friseur, der ihn schwarzarbeiten lässt. So verdient Mustafa zwischen 1300 und 1600 Euro monatlich bar auf die Hand. Dazu kommen 416 Euro Hartz IV und die Übernahme seiner Miete durch das Amt in Höhe von 372 Euro für seine Wohnung. Von seinem Gesamteinkommen in Höhe von rund 2000 Euro sendet er die Hälfte an seine Familie.

Seinen jüngeren Bruder konnte er 2017 nachholen. Er flog vom Libanon direkt nach Italien, wo er seinen Asylantrag stellte, und dann "holte" Mustafa ihn nach Deutschland. Die gesamte Reise, organisiert von Fälschern, Schleusern und Schleppern, kostete 11.000 Euro. Sein Bruder lebt jetzt in Berlin in einer Unterkunft für unbegleitete Minderjährige und geht zur Schule, manchmal arbeitet er aber auch schon als Praktikant im selben Friseursalon wie Mustafa mit. Sein Berufsziel steht natürlich schon fest: Ebenso wie sein Vater und sein Bruder will er Friseur werden. 

Mustafa fühlt sich bestens "in die Parallelgesellschaft integriert ", denn um beim arabischen Friseur zu arbeiten, muss er kein einziges deutsches Wort kennen. Er sagte mir, er bekomme manchmal mit, was in der deutschen Gesellschaft passieren würde, auf sein Leben habe das aber "keinen Einfluss". Dann musste er los, zur Führerscheinprüfung.

Als ich Rateb, den Chef der Fahrschule, kurz sah, sprach ich ihn an und wollte sofort mit ihm plaudern. Er als ein in der Sonnenallee bei anderen als "Integrierter" bekannter, in Berlin geborener Deutsch-Araber hatte aber seine Termine – und ich kam unangemeldet und wollte seine Zeit. "Komm um 14:15 Uhr wieder", sagte er. "Nein", erwiderte ich, können wir nicht jetzt schon sprechen, 15 Minuten nur?" – "Keine Chance, die Termine müssen pünktlich wahrgenommen werden!", erläuterte er, worauf ich ihm lachend "Boah, du bist aber integriert!" antwortete. Denn unter Arabern ist dieses "Du bist integriert" mittlerweile ein geflügeltes Scherzwort. Man wirft es dem anderen an den Kopf, wenn der mal nicht, wie normalerweise üblich, im arabischen Laisser-faire-Modus, sondern deutsch und strikt auftritt.

Mein Eindruck ist, dass einige der Menschen, die ich hier sehe, Menschen wie Mustafa, in der Sonnenallee einen Zufluchtsort suchen. Für diese Menschen ist es eine eigene, kleine und abgeschlossene Welt für sich. Ein Anlaufpunkt für Araber, die sich fern der Heimat heimisch fühlen möchten und sich dabei nicht erklären und rechtfertigen wollen. Das trifft vor allem auf Palästinenser und Libanesen zu und auch auf die neu dazugekommenen Syrer. Für viele Deutsche mag die Sonnenallee ein Ort sein, der wie eine Parallelwelt erscheint. Für Mustafa ist es aber einfach die Welt – die einzige, die er in Deutschland kennenlernt. Hier auf der Sonnenallee trifft er auf ähnliche Schicksale wie sein eigenes und muss sich niemandem gegenüber erklären. Niemand will wissen, ob er integriert ist, niemand fragt ihn, ob er Deutsch spricht.

Ich habe das Gefühl, dass viele – wenn auch nicht alle – Menschen, die hier leben, nur physisch in Deutschland sind. Psychisch, kulturell, intellektuell sind sie in einem arabischen Land geblieben. Sie haben zu der deutschsprachigen Gesellschaft keinen Bezug. Sie waren nie ein Teil der deutschen Gesellschaft und identifizieren sich nicht mit ihr und ihren Werten. Daher haben sie auch kein Problem damit, wenn die Mehrheitsgesellschaft sie nicht als integriert betrachtet. 

Fahrschulchef Rateb, 38, und ich gingen in ein nahegelegenes Café in einer Seitenstraße. Jeder grüßte ihn, mal auf Türkisch, mal auf Arabisch. Hier schien jeder ihn, der immer ein Lächeln auf den Lippen trägt, zu kennen. Während ich an seiner Seite lief, kam es mir fast so vor, als begleitete ich den König der Sonnenallee. Rateb ist ein in Berlin geborener Deutscher, dessen Eltern 1978 mit einem Arbeitsvisum aus Syrien einwanderten. Er hat sein ganzes Leben lang auf der Sonnenallee gelebt. Ihm gehört die Fahrschule Sonne, in der in allen möglichen Sprachen, vor allem  aber auf Arabisch, unterrichtet wird. "Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich natürlich, dass ich Berliner, Deutscher bin", aber oft werde er gefragt, wo er denn "wirklich herkomme". Das tue schon ein bisschen weh, schließlich hat Rateb nicht nur deutsches Abitur gemacht, sondern auch in der Bundeswehr gedient. Jetzt ist er selbständig, schafft Arbeitsplätze und zahlt Steuern. Mit seiner Frau, einer libanesischstämmigen Berlinerin, die als OP-Assistentin und auch als Fahrlehrerin arbeitet, hat er zwei Kinder. Für die Araber ist er der Integrierte, für die Deutschen bleibt er der Ausländer. Mich interessierte, warum er diesen anständigen Weg gegangen ist – ob er in dieser nachweislich kriminellen Gegend nie in die Versuchung gekommen sei, Gangster zu werden. "Klar musste ich mich früher auch mal prügeln – man ist ja kein Weichei –, aber mein Bruder war von aggressiver Natur und ist Gangster geworden, da habe ich gesehen, wohin das führt. Knast rein, Knast raus, Knast rein – das wollte ich nicht für mich." Immerhin, sagte Rateb, habe sein Bruder die Kurve doch noch hinbekommen. Heute lebt er in Norwegen und ist Inhaber einer Reinigungsfirma.

"Bist du gut zu mir, bin ich besser zu dir!"

Ich fragte Rateb, ob er den Ruf der Neuköllner Schulen kennen würde und was er zur hohen Schulabbrecherquote – mit fast 20 Prozent immerhin doppelt so hoch wie der Berliner Durchschnitt – sagen würde. "Es gibt viele Problemkinder. Viele Eltern sind nicht sehr gebildet, die Migrantenquote ist an den Schulen sehr hoch, und es ist ja klar: Wenn man 20 Kinder aus arabischen Ländern in eine Klasse steckt, sprechen die eben Arabisch untereinander. " Um die Integration zu stemmen, brauche es seiner Ansicht nach mehr Förderlehrer. "Bildung, Bildung, Bildung" ist sein Plan. "Wer kein Deutsch lernt, soll Leistungskürzungen bekommen, wer nicht zur Schule will, muss zur Zwangsschule, und wer Drogen verkauft, soll Zwangsarbeit machen." Dass die Sonnenallee ein "sozialer Brennpunkt" sein soll, schiebt er auf die Fantasie der Medien. Dass sie eine Parallelwelt darstellt, will Rateb nicht infrage stellen, aber "klar" würden Mädchen mit 15, 16 verheiratet, und "klar" gäbe es Männer, die vor dem Standesamt eine, in ihrer Wirklichkeit aber mehrere islamisch angetraute Ehefrauen hätten. "Aber auch bei uns werden die Frauen immer stärker", erzählt er lachend. Bei ihm merke ich, wie gut er die Probleme dieses Bezirks kennt – offenbar aber nicht alle benennt –, weil er genug davon hat, sich rechtfertigen zu müssen, und weil er eher der Typ ist, der optimistisch denkt.

Obwohl es "echt ganz schön voll" auf der Sonnenallee geworden sei, freue er sich über die Neuen aus Syrien: 70–80 Prozent der Leute sind seiner Meinung nach "Akademiker, Ärzte, die uns helfen". Er hat Verständnis für diejenigen Syrer, die aufgrund der familiären Belastungen noch keinen Kopf frei zum Deutschlernen hätten. Emotional gesehen bringt er Verständnis für sie auf – im Widerspruch zu seinen Ausführungen über Zwangsschule ein paar Sätze zuvor scheint er nun Gefühl sprechen zu lassen. "Wie soll man denn lernen, wenn man weiß, dass die Mutter zu Hause am Verhungern ist? Viele stehen auch unter Druck, arbeiten zu müssen, um Geld nach Hause zu senden." Viele würden auch heiraten wollen, und das ist ja "bei uns Orientalen bekanntermaßen teuer". Obwohl Rateb ein Herz für die Geflüchteten hat, heißt er Schwarzarbeit nicht gut. "Schließlich zahle ich selber Steuern, meine Angestellten ebenso – und wer soll dann später mal unsere Rente bezahlen?"

Er würde verstehen, dass viele Menschen der zweiten Generation, zu der er sich auch zählt, Schwierigkeiten beim Ankommen in Deutschland hätten. "Zu Hause hört man von den Eltern 'Wir sind so, wir sind anders als die Deutschen', aber als Kind will man sich in der Schule zurechtfinden und dazugehören, nicht der Fremde, der Andere sein."

Die Integrationsunlust merke man seiner Ansicht nach daran, dass viele dächten: "Ich habe meinen arabischen Arzt, meine arabische Schule und meine arabische Fahrschule – wozu brauche ich die deutsche Sprache oder die Gesellschaft?" Ich konfrontierte ihn geradewegs mit den Zahlen und Fakten zu Neukölln: Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Sozialarbeiter, die eine Parallelgesellschaft bestätigen. "Vielleicht sehe ich das alles nicht so, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Viele Flüchtlinge haben sich schon integriert, und das in kürzester Zeit nach zwei, drei Jahren. Ein Pharmazeut, den ich als Schüler hatte, spricht schon richtig gut Deutsch und arbeitet in einer Apotheke. Nach nur drei Jahren!"

Dann berichtete er mir noch ein wenig von sich selbst und seinen Einstellungen. So sei er zum Beispiel gegen Polygamie, würde sich aber an die Regeln des Islam, "und da ist auch Gleichberechtigung ein Thema", halten. Alkohol sei für ihn tabu, aber ob seine jetzt vierjährige Tochter später mal mit Jungs schwimmen gehen würde, das sollte sie dann selbst entscheiden. Genauso wie über ein Kopftuch. "Jeder soll seinen Glauben ausleben, wie er möchte, egal ob Jude, Kurde, Sunnit oder Schiit", erklärte er und stellte sich damit auch klar gegen Antisemitismus. "Für mich als Muslim gilt: Bist du gut zu mir, bin ich besser zu dir!"

Dass der Islam zu Deutschland gehöre – so wie er als deutscher Muslim, der Steuern zahlt und wie auch seine Eltern "das Land hier aufbaut", das steht für ihn außer Frage, genauso, wie es auch manchmal so sei, dass die deutsche und die arabische Gesellschaft kollidieren würden. Er würde natürlich auch sehen, dass es durch die "Neuen" hier in Neukölln immer voller und enger würde und das Gründe für Unzufriedenheit schüren könnte. Allerdings würde sich das Problem der Ghettoisierung durch die steigenden Mieten aus seiner Sicht bald von selbst lösen, da die Menschen, deren Mieten vom Amt gezahlt werden, dann wegziehen müssten. Abschließend frage ich Rateb, was er Menschen, die vielleicht noch Berührungsängste mit der "Arabischen Straße" haben, sagen würde. "Kommt her, ihr werdet sehen, es ist ganz anders, als ihr denkt, und man kann sehr viel Spaß hier haben!"