In der ZEIT vom 16. August hatte Bildungskorrespondent Thomas Kerstan unter der Überschrift "Wir brauchen einen neuen Kanon" (für Abonnenten) eine Liste von 100 Werken veröffentlicht, die jede und jeder kennen solle. Der Kanon hat eine Debatte ausgelöst, neben viel Zustimmung gab es auch deutliche Kritik: Wo sind die Frauen, die People of Color, die Queeren und Angehörigen anderer marginalisierter Gruppen?

Auch wir glauben: In einer globalisierten Welt, in der alte Gewissheiten infrage gestellt werden und in der sich der Zugang zu Wissen durch das Internet demokratisiert hat, in einer Zeit, in der Debatten zu Geschlechtergleichheit, zu strukturellem Rassismus, zu Zuwanderung und zu LGBTQIA zumindest in Deutschland immer mehr zum Alltag gehören, ist ein Kanon, der sich auf männliche, weiße Stimmen konzentriert, fragwürdig und unbefriedigend. 

100 Stimmen

"Jeder Kanon ist auch subjektiv und zeigt die Vorlieben dessen, der auswählt", sagte einst ein weißer, heterosexueller und inzwischen verstorbener Mann. Warum also nicht, den Kanonexperten Marcel Reich-Ranicki im Hinterkopf, möglichst viele subjektive Stimmen einfangen? ZEIT ONLINE hatte Sie gebeten, uns die für Sie prägendsten und wichtigsten Songs, Filme, Romane, Bauwerke, Gemälde und theoretischen Werke zuzusenden.

Unter den Einsendungen fanden sich zahlreiche Klassiker, die auch Thomas Kerstans Kanon bereits enthielt: George Orwells 1984 wurde ebenso häufig vorgeschlagen wie Goethes Faust, Anne Franks Tagebuch war für viele unserer Leserinnen und Leser genauso bedeutend wie die Bibel und das Grundgesetz. Das ist nicht überraschend, sind diese Werke doch kulturgeschichtlich unumstritten von großer Bedeutung und gelten längst als kanonisch.

Wir haben uns jedoch gegen eine quantitative Auswahl entschieden. Unsere Auswahl reagiert insofern auf die Vorwürfe, als sie bevorzugt jene Vorschläge der Leserinnen und Leser präsentiert, die stärker auf gesellschaftliche Vielfalt eingeht. Sie werden in dieser Auswahl Werke weißer Männer finden, solche, die bereits als kanonisch gelten, in Kerstans Kanon jedoch nicht vorkommen. Sie werden auch Werke finden, die für ein junges, emanzipatorisches Anliegen stehen. Sie werden bekannte und weniger bekannte weibliche Stimmen vorfinden. Populärkulturelle Werke, die Sehgewohnheiten heutiger Generationen geprägt haben. Die Auswahl ist in zweierlei Hinsicht subjektiv: Sie vereint 100 Einzelstimmen der Leserschaft von ZEIT ONLINE, die wiederum nach den erläuterten Kriterien unter 1.000 Zuschriften redaktionell ausgesucht wurden.

Auswahl anpassen
Weniger zeigen
Stanley Kubrick: »2001: Odyssee im Weltraum« (1968)
 › 
Hannah Arendt: »Eichmann in Jerusalem« (1963)
 › 
Miles Davis: »Kind of Blue« (1959)
 › 
Joss Whedon: »Buffy Im Bann der Dämonen« (1997)
 › 
Raoul Peck: »I am not your negro« (2017)
 › 
Zaha Hadid: »phæno« (2005)
 › 
Astrid Lindgren: »Pippi Langstrumpf« (1945)
 › 
Erich Maria Remarque: »Im Westen nichts Neues« (1929)
 › 
Chimamanda Ngozi Adichie: »Americanah« (2013)
 › 
Jostein Gaarder: »Sofies Welt« (1991)
 › 
Emily Brontë: »Sturmhöhe« (1847)
 › 
Suzanne Collins: »Die Tribute von Panem« (2008)
 › 
Karl Marx: »Das Kapital« (1867)
 › 
Maren Ade: »Alle anderen« (2009)
 › 
Toni Morrison: »Menschenkind« (1987)
 › 
Jean-Paul Sartre: »Der Existenzialismus ist ein Humanismus« (1946)
 › 
Saul Friedländer: »Das Dritte Reich und die Juden« (1998)
 › 
Michael Jackson: »Thriller« (1982)
 › 
Dante Alighieri: »Göttliche Komödie« (1321)
 › 
Ta-Nehisi Coates: »Zwischen mir und der Welt« (2015)
 › 
Ödön von Horváth: »Jugend ohne Gott« (1937)
 › 
Zadie Smith: »Zähne zeigen« (2000)
 › 
Claude Lanzmann: »Shoah« (1985)
 › 
Niki de Saint Phalle: »Gwendolyn« (1966)
 › 
Roland Barthes: »Mythen des Alltags« (1957)
 › 
Grace Jones: »Slave To The Rhythm« (1985)
 › 
Beyoncé: »Lemonade« (2016)
 › 
Joseph Heller: »Catch-22« (1961)
 › 
Charlie Chaplin: »Moderne Zeiten« (1936)
 › 
Yuval Noah Harari: »Eine kurze Geschichte der Menschheit« (2011)
 › 
Lion Feuchtwanger: Erfolg (1930)
 › 
Ingmar Bergman: »Das siebente Siegel« (1957)
 › 
John Steinbeck: Früchte des Zorns (1940)
 › 
Federico Fellini: »La Strada« (1954)
 › 
Elias Canetti: »Masse und Macht« (1960)
 › 
Houda Benyamina: »Divines« (2016)
 › 
Jane Campion: »Das Piano« (1993)
 › 
David Chase: »The Sopranos« (1999–2007)
 › 
Mary Shelley: »Frankenstein« (1818)
 › 
Hans Fallada: »Jeder stirbt für sich allein« (1947)
 › 
Oscar Wilde: »Das Bildnis des Dorian Gray« (1890)
 › 
Virginia Woolf: »Ein Zimmer für sich allein« (1929)
 › 
Jack Kerouac: »On the Road« (1957)
 › 
David Simon: »The Wire« (2002–2008)
 › 
Patti Smith: »Horses« (1975)
 › 
Jürgen Habermas: »Erkenntnis und Interesse« (1968)
 › 
Der Koran (ab etwa 632 n. Chr.)
 › 
Simone de Beauvoir: »Das andere Geschlecht« (1949)
 › 
F. Scott Fitzgerald: »Der große Gatsby« (1925)
 › 
Lucia Berlin: »Was ich sonst noch verpasst habe« (2015)
 › 
David Foster Wallace: »Unendlicher Spaß« (1996)
 › 
Gustave Le Bon: »Psychologie der Massen« (1895)
 › 
Walter Gropius und andere: Das Bauhaus (ab 1919)
 › 
Sigmund Freud: »Die Traumdeutung« (1899)
 › 
Thomas Bauer: »Die Vereindeutigung der Welt« (2018)
 › 
Pink Floyd: »Dark Side Of The Moon« (1973)
 › 
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: »Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug« (1944)
 › 
Judith Kerr: »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl« (1971)
 › 
Juli Zeh: »Corpus Delicti« (2009)
 › 
Arundhati Roy: »Der Gott der kleinen Dinge« (1997)
 › 
Madonna: Musikvideo zu »Open your Heart« (1986)
 › 
Frei Otto: Das Münchner Olympiastadion (1972)
 › 
Jean Rhys: »Sargassomeer« (1966)
 › 
Elena Ferrante: »Meine geniale Freundin« (2011)
 › 
Rio Reiser: »Für immer und dich« (1986)
 › 
Fatma Aydemir: »Ellbogen« (2017)
 › 
Fatih Akin: »Gegen die Wand« (2004)
 › 
Tocotronic: »Schall und Wahn« (2010)
 › 
Elfriede Jelinek: »Prinzessinnendramen« (2003)
 › 
Ang Lee: »Brokeback Mountain« (2005)
 › 
Taiye Selasi: »Ghana must go« (2013)
 › 
David Hockney: »A Bigger Splash« (1967)
 › 
Hank Williams: »Cold, Cold Heart« (1951)
 › 
Prince: »Sign o‹ the Times« (1987)
 › 
Greta Gerwig: »Frances Ha« (2012)
 › 
Renée Gailhoustet: »Ivry« (1969)
 › 
Artemisia Gentileschi: »Judith und Holofernes« (1620)
 › 
Judith Butler: »Das Unbehagen der Geschlechter« (1990)
 › 
John Waters: »Female Trouble« (1974)
 › 
Paula Modersohn-Becker: »Selbstporträt mit Kamelienzweig« (1907)
 › 
Marina Abramović: »Seven Easy Pieces« (2005)
 › 
Shirin Neshat: »Fervor« (1999)
 › 
Jonathan Meese: »Die Humpty-Dumpty-Maschine der totalen Zukunft« (2010)
 › 
Anna Seghers: »Das siebte Kreuz« (1942)
 › 
David Lynch: »Twin Peaks« (1990–1991)
 › 
Christine Nöstlinger: »Gretchen Sackmeier« (1981)
 › 
Childish Gambino: »This is America« (2018)
 › 
Oasis: »(What’s the Story) Morning Glory?« (1995)
 › 
Agnès Varda: »Das Glück« (1965)
 › 
Yasushi Inoue: »Das Jagdgewehr« (1964)
 › 
Margarethe von Trotta: »Die bleierne Zeit« (1981)
 › 
Kurt Tucholsky: »Gesamtausgabe« (1966)
 › 
Christa Wolf: »Der geteilte Himmel« (1963)
 › 
Susan Sontag: »Kunst und Antikunst« (1966)
 › 
Ingeborg Bachmann: »Die gestundete Zeit« (1953)
 › 
Harper Lee: »Wer die Nachtigall stört« (1960)
 › 
T.C. Boyle: »Wassermusik« (1982)
 › 
Chinua Achebe: »Alles zerfällt« (1958)
 › 
Alice Walker: »Die Farbe Lila« (1982)
 › 
Aretha Franklin: »Think« (1968)
 › 

Es geht weiter

Trotz aller Bemühungen: Auch dieser Kanon bleibt einer westlichen Kulturproduktion verhaftet, repräsentiert weniger Frauen als Männer und macht längst nicht alle gesellschaftlich marginalisierten Gruppen sichtbar. Ebenfalls aufgrund weniger entsprechender Einsendungen lässt er zudem die Naturwissenschaften vollkommen außen vor.

Somit bleibt auch diese Auswahl unfertig, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Sie ist Annäherung und Versuch. Jeder Kanon ist subjektiv. Das wusste schon Marcel Reich-Ranicki.

Dieser Artikel ist eine aktualisierte Version des Artikels "Ein Kanon der Vielstimmigkeit" aus der ZEIT Nr. 36 vom 30.08.2018