#MeTwo tut gut. Denn natürlich hat Deutschland ein Rassismusproblem. Ich habe haufenweise persönliche #MeTwo-Geschichten auf Lager: Als schwarze Deutsche verkneife ich mir nach zahlreichen schlimmen Erfahrungen mit Rechtsradikalen Reisen nach Usedom. Wenn ich im Zug in der ersten Klasse sitze, nimmt das Bahnpersonal automatisch an, ich hätte mich im Waggon geirrt. Und seit ich Mutter bin, werde ich häufig für das Kindermädchen meiner hellhäutigen Tochter gehalten.

Aber ich habe Diskriminierung auch schon anders herum erlebt: Vor knapp zehn Jahren absolvierte ich ein Praktikum in der Redaktion einer großen Zeitung. Außer mir gab es einen weiteren Praktikanten. Er kam wie ich frisch von der Journalistenschule, aber im Gegensatz zu mir war er männlich, weiß und kein notorischer Zu-spät-Kommer. Ich bekam alle tollen Jobs, durfte an großen Geschichten mitschreiben und eigene Ideen umsetzen. Der andere Praktikant durfte trotz nahezu identischer Qualifikation Kaffee kochen und kopieren.

Irgendwann hat mir ein Kollege erklärt, warum: Ich hätte den Exotenbonus. Die Belegschaft des Blattes war ziemlich homogen: männlich, weiß, 40 bis 55, verheiratet. Unter rund 30 Redakteuren gab es nur zwei Frauen – und ich war nicht nur eine Frau, sondern auch noch schwarz. Gleichzeitig war ich aber so deutsch (deutsche Muttersprachlerin, in der westdeutschen Provinz aufgewachsen, kein Kopftuch), dass keiner mit mir gefremdelt hat. Mein nicht biodeutsches Aussehen hat mir Vorteile verschafft. Ich wurde positiv diskriminiert – wahrscheinlich nur, weil sich die Redaktion mit einer Schwarzen schmücken wollte. Auch wenn sich das nicht richtig anfühlte: Ich habe davon profitiert.

Guter Migrant, schlechter Migrant

Allerdings hat ein erwünschter Migrant deutlich häufiger etwas von dieser eher zufälligen, nicht institutionellen positiven Diskriminierung als der unerwünschte. So gelten etwa Asiaten als gut integrierbar und leistungsfähig, Muslime nicht. Nord- und westeuropäische Migranten werden als Gewinn betrachtet, türkische und arabische als Bürde. Das fängt schon im Kleinkindalter an: Wenn Kindergärten ein Problem haben, weil mehr als 90 Prozent der Kinder keine deutschen Muttersprachler sind, ist das in aller Regel ein Synonym dafür, dass diese Türkisch oder Arabisch sprechen. Twitter-Nutzerin Anna Banana fasst das folgendermaßen zusammen: "Mama in Krabbelgruppe spricht mit Kind englisch (native speaker). Alle entzückt: "Des isch ja subba. Sprachen sen ja so wichdig." Ich sage meinem Kind etwas auf Kroatisch. "Meinsch net, es wär besser, ihm erschdmol richtig deitsch beizubringe?"

Im Berufsleben wird es noch deutlicher. Deutsche Unternehmen nutzen kaum das sprachliche Potenzial der Millionen Menschen mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Andererseits ist es in der Tech-Start-up-Szene vollkommen normal, dass ganze Belegschaften nur auf Englisch miteinander kommunizieren, wenn einzelne Ingenieure und Entwickler aus den Vereinigten Staaten, Asien oder dem europäischen Ausland mit im Team sitzen.

In anderen Ländern gibt es institutionelle Maßnahmen, benachteiligte Bevölkerungsgruppen positiv zu diskriminieren. In den USA heißt dieses Prinzip affirmative action. So ist es dort seit Jahrzehnten Praxis, neben Noten auch die ethnische Zugehörigkeit angehender Studierender bei der Zulassung zu berücksichtigen. Die Methode geht auf die Bürgerrechtsbewegungen zurück, die den Auswirkungen der Segregation entgegenwirken und insbesondere die Benachteiligung von Afroamerikanern ausgleichen sollte.