Dieser Text ist Teil unserer Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

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Hinten im Lager stapeln sich Waren, vorn im Laden zeigen sich Lücken, und wenn sie die Lücken gleich mit der Ware füllt, wird es ein guter Tag für sie werden. "Ich muss sehen, was ich arbeite. Das ist das Wichtigste", sagt sie und fährt mit einem Einkaufswagen, bepackt mit Kartons aus dem Lager, in den Laden. Stoppt vor dem Regal mit den Duschgels, zieht ihr Cuttermesser aus der Hüfttasche, schlitzt einen Karton auf, dann das Plastik.

Einstudiert sieht das aus, als könne sie dabei die Augen schließen, fünf Ritzer im Takt. Wenn man zuschaut, will man nicht die Augen schließen, so kunstvoll wirkt es, ein bisschen wie eine Performance. Sie holt Tuben John Player Special hervor, stellt sie ins Regal. Nächster Karton, Nivea Man Energy, auch ins Regal. Dann Isana Men 2 in 1. Sobald der Karton leer ist, sagt sie: "Lücke gefüllt", und zieht weiter. Nun Sebamed. Ritzen, Ritzen, Ritzen, der Karton wird leer, das Regal wird voll. Die Waren aus der Abteilung Duschen gehören zu ihren liebsten. Allerdings mag sie auch die Putzmittel sehr, vielleicht gar lieber, denn die Verpackung der Putzmittel sind so groß, dass sie, aus den Regalen genommen, zu großen Lücken führen. Füllt man die Lücken, sieht man umso mehr, was man geschafft hat. Sie sagt: "So muss das sein."

Sie sagt "wat" statt "was" und "dat" statt "das".

Sie sagt: "Lassen wir mal die Kuh fliegen." Sie sagt: "Ich zeig dir mal, wo der Frosch die Locken hat."

So sagt man es halt im Pott, wo sie 1993 geboren wurde, in der Stadt Datteln. "Ich bin ein Pottkind", sagt sie, "definitiv Pott." Sie war vier, als sie mit ihrer Familie nach Olfen, ins Münsterland zog, aber wat und dat blieben. Vielleicht auch, weil Datteln und Olfen nur neun Kilometer auseinander liegen. Neun Kilometer sind es ebenso von Datteln nach Waltrop, wo diese Geschichte spielt. Und Waltrop ist – umgeben von Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Dortmund, Hamm – auch Pott, definitiv Pott. Waltrop hat knapp 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner, und es schaut nicht so rau aus wie es klingt: Es gibt schönes Fachwerk, eine alte Kornbrennerei, den Curry-Heini, eine Glückauf-Apotheke und ein Reisebüro, das wirbt mit "Von Waltrop in die Welt". Sie arbeitet in einem Klinkerbau am Waltroper Marktplatz. Draußen, am Eingang, lagern Küchentücher, Windeln, Klopapier.

Bis mittags rechnet sie mit 5.000 Schritten

Drinnen steht sie. Gewöhnlich würde sie nun einen weißen Kittel tragen, doch an diesem Tag sind 30 Grad angesagt, und die Bezirksleitung erlaubte: Zieht ihn aus, heute seid ihr kittelbefreit. Also hat sie ihn weggelassen. Sie nennt es "Marscherleichterung". An den Füßen trägt sie Sportschuhe, dazu schwarze Leggins, ein schlichtes T-Shirt in türkis. Geschminkt ist sie kaum, die Nägel dezent lackiert, und auf die Nägel der Ringfinger hat sie silbernes Glitzer aufgetragen, weil sie am Wochenende auf einer Hochzeit eingeladen ist. Aber, bevor man auf falsche Gedanken kommen könnte: ein Bling-Bling-Mädchen sei sie nicht. Um das Handgelenk hat sie eine Uhr mit Schrittzähler gebunden. Es ist noch früh, zehn Uhr am Morgen, bis mittags rechnet sie mit 5.000 Schritten, bis zum Abend mit 12.000. Hat sie die geschafft, gibt es ein Feuerwerk auf der Uhr.

Das Cuttermesser, das sie nun erst mal nicht mehr braucht, steckt sie zurück in die Hüfttasche, es ist ihr wichtigstes Arbeitsutensil. Sie hatte nie ein anderes, aber sie sagt, es sei das beste: Multi Cut, Nr. 5044, Solingen, Germany. Einmal, als sie die Verpackung des Nagellacks öffnete, schnitt sie sich, aber nicht schlimm, sowas passiert. In der Hüfttasche sind noch ein Kugelschreiber und eine Karte, mit der sie schnell an die Kasse muss, wenn ein Kunde eine Retoure hat. Mit der Karte meldet sie sich an, macht die Retoure, zurück an die Regale.

Und, auch wichtig: weiße, dünne Stoffhandschuhe, wie Zaubererhandschuhe sehen sie aus. Sie braucht sie zum "Vorziehen", so sagt sie es. Vorziehen wird nötig, wenn sie keine Tuben zum Auffüllen hat. Dann rückt sie alle Tuben im Regal, die nicht bis an den Rand stehen, so nah an den Rand, dass man keine Lücken sieht. Vorziehen bedeutet nicht Lückenfüllen, sondern Lückenverdecken. Man könnte auch sagen: Sie zaubert sie kurz mal weg. Vor allem abends, kurz vor Ladenschluss, zieht sie viel vor. Nebenbei geht sie mit ihren Handschuhen auch mal eben über die Leisten, wischt den Staub weg, der Laden wird wieder schön für den nächsten Tag. Ein schönes Ladenbild hat keine Lücken. So mag sie es.

Überhaupt mag sie recht viel. Sie mag Aufstehen und zur Arbeit gehen. Sie mag ihre Arbeit und sie mag ihren Arbeitgeber. Sie sagt über ihn einen Satz, den jeder Arbeitgeber gern von seiner Arbeiterin hört: "Ich bin 100 Prozent Rossmann." Sie mag die Produkte, die Rossmann verkauft, so sehr, dass sie sich in ihrem Badezimmer zu Hause ein kleines Rossmann nachbaute, ihre Familie nennt es den Rossmann-Schrein. Ein Schrank mit sechs Fächern, erste Reihe: Seifen, Handcremes, Bodylotion, Zahnpflege, Gesichtspflege, Deo, Fußpflege; zweite Reihe: Shampoos, Gesichtsmasken, Rasierer, Duschgels; dritte Reihe: Abschminktücher, Slipeinlagen, Sonnenschutz, Kulturbeutel.

Sie mag es, sich nach dem Duschen einzucremen, sie nennt sich die "Cremerin vor dem Herren". Sie mag es, "nah am Produkt" zu arbeiten und "nah am Kunden". Sie mag vor allem bei der Haarfarbe und beim Make-up zu beraten. Und wenn sie sieht, dass ein Kunde sich nicht traut, sie anzusprechen, mag sie es zu fragen: Kann ich Ihnen helfen? Sie mag, sich zu überlegen, ob ein Kunde sich bei der Wahl eines Produkts eher am Preis oder am Prestige orientiert. Sie mag, wenn Kunden Hallo und Tschüss sagen und wenn sie ihr beim Kassieren in die Augen schauen statt auf ihr Smartphone. Sie mag Kundinnen, die immer wieder kommen: Eine Frau braucht jeden Freitag zwei Packungen Küchenrollen, man kann die Uhr danach stellen. Und als eine andere, die immer Kinder Bueno kaufte, nicht mehr kam, machte sie sich Sorgen. Die Frau hatte sich den Arm gebrochen.

Was sie für ihr Glück braucht, ist Ware

Linda Dördelmann schminkt sich für den Arbeitstag. © Julia Sellmann für ZEIT ONLINE

Es gibt Kunden, vor allem ältere, die sie Kindchen nennen. Kindchen, darf ich mal unterbrechen; Kindchen, ich habe 'ne Frage; komm mal mit, Kindchen. Und wenn sie ihnen gibt, was sie suchten: Danke, Kindchen. Manchmal wird sie dabei von ihnen am Arm getätschelt. Das mag sie nicht, weder das Tätscheln noch das Kindchen. Sie heißt Linda Dördelmann. Wer genau hinschaut, kann das auf einem Anstecker an ihrer Kleidung lesen. Aber wer schaut schon genau hin? Wer schaut schon die kartonaufreißenden, plastikaufritzenden, lückenfüllenden, vorziehenden Menschen an, wenn die Wanduhr, die es mal im Angebot gab, nicht mehr da ist? Oder man nicht weiß, wie man die Fotoautomaten bedienen soll? Wenn man nach japanischem Heilpflanzenöl sucht, nach Steckdosenschutz, Fettlöser, Massageölen, Kondomen, Babynahrung, Weichspüler, 3D-Saugschwämmen oder Lippenstiften, die 16 Stunden lang halten sollen?

Was Linda Dördelmann auch nicht mag: Kunden, die ihr nicht zutrauen, dass sie im Kopf die Prozente einer Rabattaktion umrechnen kann; Kunden, die ein Produkt nehmen, sich umentscheiden und es in einem anderen Regal stehen lassen; Kunden, die an Flaschen riechen und den Verschluss nicht wieder festdrehen. Kürzlich erst gab es eine große Weichspülerpfütze auf dem Boden. Und, an Weihnachten, wurde Waschmittel aufs Band gelegt, der Verschluss ging auf und das Waschmittel lief in die Kasse, die Technik war hinüber. An der Kasse sitzen mag sie auch nicht so gern. Der Grund: "Man sieht nicht so, was man gemacht hat."

Am meisten Spaß hat sie, wenn viele Kundinnen da sind

Es war der Wunsch von ZEIT ONLINE, eine Auszubildende im Einzelhandel zu porträtieren, und es war ihr Arbeitgeber Rossmann, der auf Anfrage seine Arbeiterin Linda Dördelmann empfahl.  Man versteht schnell, warum. Sie ist unternehmenstreu und unternehmensverbunden, dazu "fleißig" und "ambitioniert", wie ihr Chef sie charakterisiert. Eine der hundert besten Auszubildenden des Unternehmens, Notenschnitt: 1,0. Sie übernimmt viel Verantwortung in ihrer Filiale. Sie beaufsichtigt den Tresor, wenn der Chef nicht da ist. Sie teilt dann auch die Kollegen ein, macht die Abrechnung am Abend und schließt den Laden ab. Sie wird ihre Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzen, und dann, das wurde ihr bereits im zweiten Lehrjahr signalisiert, wird die Karriere steil nach oben gehen. Man sprach bereits darüber, dass sie bald nach der Prüfung die Leitung einer Filiale übernehmen könne.

Bedeutender aber ist, dass sie während des Packungenaufreißens und Regaleeinräumens ständig davon spricht, wie viel Spaß sie hat. Am meisten Spaß mache es, wenn viele Kundinnen da seien, zu Weihnachten, zu Ostern, zum Monatsanfang und am späten Nachmittag. Man muss sich Linda Dördelmann, eine von drei Millionen Beschäftigten im deutschen Einzelhandel, als glücklichen Menschen vorstellen.

Der letzte Satz ist nicht ganz selbst ausgedacht. Er ist leicht abgewandelt von Albert Camus, der ihn einmal über Sisyphos schrieb. Sisyphos, jener bemitleidenswerte Kerl aus der griechischen Mythologie, rollt einen Stein auf einen Berg. Oben angekommen rollt der Stein wieder den Berg hinab. Sisyphos rollt den Stein wieder hinauf. Der Stein rollt wieder hinab. Temporärer Erfolg, Handlung auf Endlosschleife gestellt. Sisyphos aber, befindet Camus, geht in dieser Sache auf, er hat eine Aufgabe, einen Plan, er nimmt sein Dasein an, mit aller Absurdität: "Der Kampf gegen Gipfel", konstatiert er, "vermag ein Menschenherz auszufüllen." Bei Linda Dördelmann sind die Regale leer, voll, leer, voll – temporärer Erfolg, Handlung auf Endlosschleife. Sie wirkt wie eine moderne Version des Sisyphos vor einem Duschregal bei Rossmann.

Was sie für ihr Glück braucht, ist Ware. Neue Ware wird jeden Dienstagabend und Mittwochmittag geliefert, Mittwoch ist Räumtag; Donnerstag wird wieder Ware geliefert, Freitag Räumtag. 45 bis 70 Gitterwagen treffen jede Woche ein. Ein Wagen ist etwa 1,80 Meter hoch, ein Meter breit, Gewicht: 50 Kilogramm bis zu einer halben Tonne und nie "sortenrein", so sagt man es. Auf ihm sind also nicht nur alle Sorten Klopapier geladen, meist ist alles durchmischt: Pampers, Perwoll, Palmolive. Und sowas Kleines wie Zahnpasta ist immer dazwischen gesteckt. Die Ware wird im Lager in Kisten vorsortiert und die Kisten werden dann an die passenden Stellen im Laden geschoben. So hat man kürzere Wege, spart Zeit zwischen den Gängen, und seine Gänge, sagt sie, kenne man ja. 17 Schritte entlang des Regals mit Duschgels, Seifen, Handpflege; 17 Schritte entlang der Haarpflege; 17 Schritte für die Fotowelt, Romane, Schreibwaren; und bis ganz nach vorn zur Kasse, rechts vorbei an der Kosmetik, dem Wein, den Bioprodukten, links die Regale mit den Reinigungsmitteln, Partyzubehör, Taschentüchern, Probiergrößen, Süßwaren: 52 Schritte.

Ware, die im Laden keinen Platz mehr findet, wird erst mal zurück ins Lager gepackt. "Rückpack", nennt sie es. Waren, die es vorher im Laden noch nicht gab, müssen in den Regalen neuen Platz finden. Zunächst kann sie selbst einen suchen, bis aus der Unternehmenszentrale ein Plan mit einem Foto kommt, wie das Regal auszusehen hat. Damit stellt sie sich dann vor das Regal, gleicht ab, überlegt, wie sie es am geschicktesten umsortiert. Sie stöpselt Haken um, denn die Wärmflaschen sollen hängen statt liegen. Ein Massagehandschuh muss von unten nach oben gelegt werden. Die Nagelbürsten kommen ganz woanders hin. "Layout umbauen", nennt sie diese Tätigkeit, und natürlich macht sie es "sehr, sehr gerne", "ich liebe es", "ich habe so ein Glück, dass ich viel umbauen darf".

"Mach was, mach was", sagte ihr Vater.

"Ich bin 100 Prozent Rossmann", sagt Linda Dördelmann. © Julia Sellmann für ZEIT ONLINE

Glück ist ein Wort, das Linda Dördelmann häufig benutzt.

Sie erzählt davon, wie sie sich vor drei Jahren bei Rossmann bewarb, "versuch mal dein Glück", habe sie gedacht, aber natürlich nicht, dass es so ein "Glücksgriff" werde. Sie selbst findet: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied."

Als sie diesen Satz sagt, sitzt sie auf einem roten Drehstuhl. Der Ventilator summt, ein schmuckloser Pausenraum mit kleiner Küchenzeile. Sie isst zu Mittag einen Salat, den sie sich am Abend zubereitet hat: Thunfisch, Gurke, Tomate, Mais.

Wie bekommt man es denn, das Glück?

"Vielleicht", sagt Linda Dördelmann, "muss man dafür mal Scheiße fressen."

Es ist nicht mal drei Jahre her, da saß Linda Dördelmann weinend in ihrem Zimmer in einem Reihenmittelhaus. Früher hatte sie in diesem Haus auf dem Nintendo 64 Mario Kart gespielt und war wiehernd als Pferdchen über die Straße gelaufen. Fast alle ihre Geburtstage hat sie hier gefeiert, mit zerzaustem Haar war sie die Treppen runter zum Geburtstagstisch gelaufen, der Geburtstagstisch immer mit der gleichen bunten Tischdecke, und am Stuhl hing ein Herzluftballon. Sie hatte hier Liebesperlenketten um den Hals getragen und viel Hubba Bubba gekaut. In diesem Haus hatte sie ihre Kindheit verbracht, nun war sie gerade wieder bei ihren Eltern eingezogen. Sie saß nicht weit entfernt von der Harry-Potter-Gedächtnisecke mit Harry-Potter-Spieluhr und Harry-Potter-Make-up-Pinsel und wusste nichts mit sich anzufangen. "Rotz und Wasser heulte ich", sagt sie. Es war kurz vor einem Termin, Vorstellungsgespräch bei Rossmann, und sie hatte keine Ahnung, wie sie da auftreten sollte. Was sollte sie sagen, wenn vieles in ihr dagegen sprach, oder, noch schlimmer, wenn es in ihr stumm war?

Dördelmann hatte Abitur und eine Lehre zur Friseurin gemacht. Sie hatte einige Monate in Hamburg gelebt, sich zum Make-up-Artist ausbilden lassen und mit Bestnote bestanden. Dafür habe sie gebrannt, sagt sie, denn auch das Schminken anderer Menschen gehöre zu den Sachen, die sie sehr glücklich machen. Doch dann entschied sie, ihr Leben in Hamburg abzubrechen und zurück nach Olfen zu ziehen. Ihr damaliger Freund, sagt sie, wollte es so. Sie dachte nicht an sich, nur an die Beziehung. Die Beziehung ging in die Brüche, und in der kleinen Stadt im Münsterland und in der kleinen Stadt im Ruhrgebiet konnte niemand etwas anfangen mit einem Make-up-Artist. "Auf einmal war ich im Loch", sagt sie, "ich hatte keine Arbeit, keine Aufgabe, ich wurde nicht gebraucht, ich unternahm nichts mehr, ich dachte: 'Wozu?'"

"Mach was, mach was", sagte ihr Vater.

"Ich kann nicht, alles scheiße", sagte sie.

"Mensch Linda, es reicht, komm da raus", sagte ihre Mutter.

Änder' dich, keiner kann es für dich tun, sagte sie sich selbst.

Es klingt wie eine simple Formel. Aber nur wenn man die Formel immer und immer wieder anwendet, so hat es Linda Dördelmann gelernt, kommt am Ende etwas heraus. Auf ihren Oberkörper, auf Höhe der Rippen, ließ sie sich in dieser Zeit ein Tattoo stechen – Wellen. Weil es hoch und runter geht im Leben. Wenn sie mal unten ist, will sie sich daran erinnern: Es geht wieder hinauf.

Fragt man sie, was ihr nach oben half, zählt sie auf:

  • 30 Kilo weniger zu wiegen und Sport zu machen. Früher, so beschreibt es ihre Schwester, war ihr Teller blond: nur Frittiertes und Paniertes. Heute ist er bunt: Gemüse, Obst, Hühnchen, Quark.
  • Felix Klemme, ein Life Coach, dem sie bei RTL II zugesehen hatte, wie er übergewichtigen Menschen beim Abnehmen half. Sie mochte ihn so sehr, dass sie sich wünschte, ihn einmal zu treffen. Sie las sein Buch, fuhr zu einer seiner Veranstaltungen, reihte sich in die Signierschlange ein und wollte ihm dafür danken, dass er mit seinen Worten dazu beigetragen hatte, zu ihr selbst zu finden. Als sie vor ihm stand, kamen ihr die Tränen. Einer seiner Sätze, der sie besonders berührte: "Es liegt an dir, wie du mit deiner Energie umgehst, und für was, wen und wie oft du sie einsetzt."
  • Das Unternehmen Rossmann. Sie hatte ein Plakat in der Filiale in Olfen gesehen. Darauf stand etwas von Ausbildung, von Zukunft, und sie erfuhr, dass die besten Auszubildenden einen Segeltörn geschenkt bekommen. Sie bewarb sich, weil sie dachte, sie könne nichts verlieren, und weil Rossmann ein Laden war, in dem sie immer gern einkaufen ging, oft täglich. Süchtig sei sie danach gewesen, sagt ihre Mutter, ihr ganzes Geld habe sie dort gelassen. Sie selbst sagt es so: "Zu Rewe geht man mit dem Verstand, weil man muss, zu Rossmann mit dem Herz, weil man kann." Als sie im Mai 2016 die Zusage bekam, wusste sie wieder, was zu tun war. Gib alles, sagte sie sich. 

"Imma Spassss inne Backn."

Linda Dördelmann und ihre Schwester bei einem Ausflug am See © Julia Sellmann für ZEIT ONLINE

Dieses Jahr im Juni stieg sie mit den anderen besten Auszubildenden in Eckernförde auf ein Segelschiff, eine Woche lang waren sie unterwegs, sie schaute aufs Meer und dachte: Was für ein Glück.

Noch mal: Wie bekommt man es denn, das Glück?

"Glücklich ist man mit dem, was man hat. Das predigten schon meine Eltern. Ich versuche nicht, nach was Größerem zu streben. Ich akzeptiere, was ich nicht ändern kann, und was ich ändern kann, ändere ich."

Gar keinen unerfüllten Wunsch?

"Och, einen schönen Ford Mustang hätte ich schon gerne mal. Ich weiß nicht warum, ich steh nicht auf materielle Dinge, ich brauche kein Haus, keine Million auf dem Konto, aber das Auto hat es mir angetan. Ich muss ihn auch nicht fahren, ich würde ihn einfach nur gern putzen."

"Ist das nicht schön?"

Ein paar Tage später, ein Freitagmittag im August. Ihre Schwester holt sie von der Arbeit ab, Urlaubsbeginn, nächste Woche fahren sie gemeinsam auf einen Reiterhof. Draußen sind es über 30 Grad, die Schwester sitzt am Steuer und Linda Dördelmann sagt: "Gib volle Möhre." Sie meint die Klimaanlage. Es geht gut 20 Minuten über Land, sie parken an einem Kornfeld, an dem ein Schild den Weg zu Heidelbeeren und Frühkartoffeln weist. Sie nehmen die andere Richtung, gehen einen schmalen Weg entlang, bis zu einem Platz im Schatten, von dem man auf einen Stausee schauen kann. Linda Dördelmann breitet die Arme aus und sagt: "Ist das nicht schön? Das ist doch schön, oder? Ist das nicht schön?"

Abends, nach Feierabend, joggt sie mit ihrer Schwester oft um den See. Auf dem schmalen Weg zum Auto beschleunigen sie in den Sprint. "Das ist auch Glück", sagt sie, "eine Stunde trainieren und danach so fertig zu sein wie ein Brötchen." Vor ein paar Tagen kam sie allein zum Joggen her. Die Sonne ging gerade unter, sie setzte sich auf die Bank, machte ein Foto, schickte es ihrer Schwester Melissa und dazu eine Sprachnachricht. "Melissa, ich glaube", sagte sie in sehr langsamen Ton, unterbrochen durch viele Pausen: "Ich werde mich… auf dem Reiterhof… einfach mal… so 'ne halbe Stunde nur hinsetzen… und nichts denken… nichts… keine Ahnung, nichts machen… einfach nur 'ne halbe Stunde… auf den Boden setzen und nichts machen… so nichts denken, so gar nichts."

Glück, wiederholt sie nun am Stausee, sei auch einfach mal nur sitzen, gucken, nichts denken, und wenn, dann ans Glück. "Glück", sagt sie, "bekommt man, wenn man Spaß hat an allem." Sie sagt nicht Spaß, sie sagt Spassss, sehr schnell gesprochen.

Melissa: "Genau. Imma Spassss inne Backn."

Linda: "So sagt man das im Pott, Spassss inne Backn: Dass man immer lacht, dass man gern macht, was man macht, egal ob es Geld bringt oder Ansehen."

Es war einer ihrer ehemaligen Lehrer, der sie letztens bei einem Klassentreffen fragte: "Du gehst aber schon weiter nach oben bei Rossmann, oder?" Sie sagte: "Schauen wir mal." Ihre ehrliche Antwort ist: Sie will für die Karriere nicht raus aus dem Laden, sie will nah am Kunden bleiben, nah am Produkt. "Denn den Spassss zu verlieren", sagt sie, "warum soll ich das machen?"