Ali Ghandour, Jahrgang 1983, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster.

Viele Aspekte des heutigen Diskurses um den Koran werden ihm nicht gerecht. Von manchen wird er als die Ursache für soziale, politische oder gar ökonomische Probleme gesehen. Für andere ist er ein Allheilmittel für alle weltlichen Probleme. Beide Tendenzen sind ideologisch.

Betrachtet man den Koran allerdings als das, was er in der Tat ist, also als eine glaubensstiftende Schrift, dann unterscheidet er sich in seinem Kern nicht von anderen ähnlichen Werken wie der Bibel oder den Veden. Es geht in diesen Schriften vorrangig um Darstellungen des Verhältnisses zwischen dem Göttlichen und den Menschen. Der Koran bildet hier keine Ausnahme.

Von den über 6.000 Versen des Korans sind nur circa 200 normstiftende oder für die Rituale relevante Stellen. Wenn das so ist, worum geht es dann eigentlich in der heiligen Schrift der Muslime? Die meisten Verse im Koran sprechen von Gott und seinen Eigenschaften, von ethischen Werten und vor allem von den Menschen.

Ihm ist nichts gleich

Moderne Leser sind manchmal von der Struktur des Korans verwirrt. Dazu ist er inhaltlich mit Absicht fragmentiert. In seiner Darstellung des Göttlichen steht man vor einer Vielfalt, die die Muslime bis heute theologisch beschäftigt. Einst wurde al-Kharraz, ein Gelehrter aus dem neunten Jahrhundert, danach gefragt, wodurch er Gott erkannt habe. Er erwiderte den Satz: "Dadurch, dass Er die Gegensätze in sich vereint." Diese Aussage fasst die Darstellung Gottes im Koran vortrefflich zusammen. Im Koran lesen wir "Er ist der Erste und der Letzte, der Offenbare und der Verborgene" (Koran 57:3). An einer anderen Stelle steht, dass "Ihm nichts gleich ist" (Koran 42:11) und woanders gilt: "Wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist Gottes Angesicht. Gott ist Allumfassend und Allwissend." (Koran 2:115).

Das Zusammenspiel ist der Unvergleichbarkeit Gottes und dessen Ähnlichkeit mit der Schöpfung grundlegend. Denn während der Verstand stets auf die Unvergleichbarkeit hinweist, tendiert die Imagination dazu, Gott mit dem zu vergleichen, was der Mensch kennt. Der andalusische Theologe Ibn al-ʿArabī (13. Jahrhundert) sowie andere Gelehrte gingen weiter und vertraten die Position, dass alle Gottesvorstellungen ein Produkt des menschlichen Intellektes sind. Hier machten sie einen Unterschied zwischen Gott als dem absoluten Sein und dem von den Menschen in ihren Vorstellungen erschaffenen Gott. Diesen Grundgedanken fasste al-Dschunaid, ein Gelehrter aus dem zehnten Jahrhundert, in seinem unter Muslimen bekannten Spruch "Gott ist stets anders, als du Ihn dir je vorstellen kannst" zusammen.

Der von manchen inzwischen pervertierte Satz "allahu akbar", sprich: "Gott ist größer", will genau das ausdrücken – und zwar, dass wir als Menschen das Göttliche in seiner Absolutheit nicht erkennen können. Allahu akbar ist ursprünglich eine Aussage, mit der der Muslim seine Abhängigkeit vom Sein Gottes und seine Bedürftigkeit nach der Gnade Gottes ausdrückt. Sie ist somit ein Ausdruck der menschlichen Schwäche. Heute ist sie jedoch von manchen Ideologen zum Gegenteil verzerrt. Sie wurde also zum Ausdruck der Selbstverherrlichung und des menschlichen Wahns.

Der Mensch ist schwach erschaffen

Ferner ist der Koran keine "One-Man-Show" Gottes. Denn dem Menschen kommt eine zentrale Rolle zu. Dieser Punkt geht oft unter. Im Koran ist zwar die Rede von Gott, aber in einer menschlichen Sprache und gepackt in menschliche Geschichten. Die Darstellung des Menschen im Koran ist realistisch. Der Mensch wurde zwar als Wesen in der schönsten Form erschaffen, aber der Mensch kennt das Gefühl der Angst (Koran 90:4) und er tendiert zu Voreiligkeit (Koran 21:36) und "Ja der Mensch ist schwach erschaffen" (2:28).  Der Mensch tut Richtiges und Falsches und das macht sein Menschsein aus.

Diese Charaktereigenschaften, die jeder Mensch in verschiedenen Maßen besitzt und die zum Menschsein gehören, werden somit im koranischen Text nicht verleugnet. Denn gerade darauf basierend wird eine Beziehung zwischen Gott und dem Menschen gezeichnet. Wenn Gott im Koran als der Mächtige, als der Allwissende oder Gnädige dargestellt wird, dann nicht, weil es nur um eine Selbstdarstellung Gottes geht, sondern damit der Mensch Trost und Beistand bei Ihm sucht. In der 91. Sure, die den Namen "Die Sonne" trägt, lesen wir nach dem längsten Schwur Gottes im Koran, dass der menschliche Geist sowohl zum Guten als auch zum Schlechten fähig ist.

Das Selbst kultivieren

Der Mensch kann jedoch seine negativen Eigenschaften selbst in die Hand nehmen und sie überwinden. Für diesen Prozess gibt es einen Begriff in der muslimischen Theologie, nämlich tazkiyya, den man am passendsten mit Kultivierung übersetzen kann.

Die Kultivierung des Selbst ist hier der Versuch des Menschen, die im Koran beschriebenen Eigenschaften Gottes nachzuahmen, wie beispielsweise Gerechtigkeit, Gnade, Liebe, Mitgefühl und zwar sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber anderen Menschen und Lebewesen. Zentral in der koranischen Sprache im Zusammenhang mit der Kultivierung des Selbst ist auch der Begriff der Maßlosigkeit. "Gewiss liebt Gott nicht die Maßlosen" (Koran 7:31) lesen wir in einer Passage. Nicht der Wohlstand oder das Genießen der Gaben Gottes ist an sich verpönt. Vielmehr ist die Maßlosigkeit, die durch Gier und Unersättlichkeit verursacht wird, das, was verboten ist.

Damit ist allerdings nicht unbedingt ein asketisches Leben gemeint, sondern eher die Fähigkeit, die Dinge als Gegenstände zu betrachten, die zwar Platz in der Hand einnehmen dürfen, aber nicht im Herzen. Das heißt, die Gegenstände und weltlichen Güter sollen keine Anhaftungen im Herzen bilden. Dies geschieht aber nur, wenn der Mensch lernt, die Wesenheit der Dinge zu erfassen, sprich dass ihnen kein dauerhaftes Glück innewohnt. In dem Zusammenhang spricht man im muslimischen Kontext vom Freisein und von Unabhängigkeit. 

Es geht um den Weg und nicht um das Ziel

Damit ist ein Prozess der Befreiung von jenen Gedanken gemeint, die den Menschen unbewusst zu einem maßlosen Leben lenken. Diese Befreiung geschieht sowohl durch die Meditation, das Gebet und das Gedenken als auch durch die Übung des Verzichtes, zum Beispiel in Form des Fastens, aber auch in Form des Gebens und Spendens. Dementsprechend sind die Rituale der Muslime zu verstehen. Denn die Maßlosigkeit kann nicht allein mit rein normativen oder formalistischen Lösungsansätzen überwunden werden. Es ist die innere Einstellung, die das bewirken kann, sprich die Entwicklung eines bestimmten Bewusstseins. 

Diese Transformation des Bewusstseins, um die sich eine Kernbotschaft des Korans dreht, dass der Mensch mit sich selbst und mit der Welt maßvoll umgeht und somit seine Verantwortung vor Gott erfüllt, nennt man Dschihad.

Dschihad, in seiner grundlegenden Bedeutung, ist die Anstrengung. Sich zu bemühen, ein guter und für die anderen Lebewesen nützlicher Mensch zu sein, ist die wichtigste Form des Dschihad, die jeder Muslim im Rahmen seiner Möglichkeiten praktizieren soll. Es geht allerdings dabei nicht um die Erlangung einer Perfektion, sondern um die Bemühung. Es geht um den Weg und nicht um das Ziel.