Für den 23. September ruft ZEIT ONLINE gemeinsam mit Partnern zu "Deutschland spricht" auf (hier können Sie sich anmelden). Zehntausende Paare mit extrem unterschiedlichen Meinungen sollen sich überall in Deutschland zum Vier-Augen-Gespräch treffen. Doch was bringen solche Zwiegespräche mit politisch Andersdenkenden? Hier schreibt Laura-Kristine Krause, die Geschäftsführerin der Organisation More in Common in Deutschland, welche Wirkungen die Diskussionen haben könnten.  

Seit dem Herbst 2015 ist in Deutschland kein anderes Thema so gegenwärtig wie die Diskussion über Flüchtlinge und Migration. Die Debatte wird nicht nur öffentlich geführt, sondern auch in Freundeskreisen, in Familien, unter Kolleginnen und Kollegen. Das Thema ist für viele sehr persönlich und eine anstrengende Angelegenheit, vor allem dann, wenn das Gegenüber ganz andere Einstellungen zu vertreten scheint als man selbst. Eine Gesprächsstrategie ist es deshalb, abzuklopfen, wo die andere Person politisch steht: Denkt er oder sie in der Flüchtlingsfrage genau so wie man selbst, ist es gefahrlos, das Gespräch – auch differenziert – fortzusetzen. Denkt er oder sie anders, ist es ratsamer, seinen Energiehaushalt zu schonen und das Thema zu vermeiden.

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Dahinter steht ein Gedanke, den auch die öffentliche Diskussion immer wieder nahelegt: dass die deutsche Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager gespalten sei, wobei eine Fraktion bedingungslos für die Aufnahme von Flüchtlingen sei und die andere dagegen. Das Institut Ipsos hat für die Organisation More in Common die Einstellungen zu nationaler Identität, Einwanderung und Flüchtlingen in Deutschland untersucht. Demnach teilt sich die deutsche Gesellschaft keineswegs in zwei, sondern vielmehr in fünf etwa gleich große Gruppen auf (siehe Grafik). In jeder dieser Gruppen gibt es zur Flüchtlingsfrage – aber auch darüber hinaus – sehr unterschiedliche grundsätzliche Werte und Einstellungen.

Während Politik und Medien vor allem den radikalen Gegnern von Einwanderung viel Aufmerksamkeit widmen, bleibt die Mitte der Gesellschaft weitgehend unbeachtet. Etwa die Gruppe der sogenannten humanitären Skeptiker. Diese Bürgerinnen und Bürger sind zwar humanitär eingestellt und wünschen sich Hilfe für Menschen, die vor Krieg und Not nach Deutschland fliehen. Dennoch haben sie Ängste, etwa hinsichtlich der Integration von Flüchtlingen oder möglicher negativer Folgen für Deutschland. Ihre Sorgen beziehen sich also nicht auf die Einwanderung selbst, sondern auf die Zeit danach. Die Debatte über die Begrenzung von Einwanderung der vergangenen Jahre dürfte diese Gruppe verfehlt haben.

Ähnlich verhält es sich mit den ökonomischen Pragmatikern. Diese begrüßen Einwanderung fast ausschließlich wegen der ökonomischen Effekte, sehen es aber skeptisch, wenn Flüchtlinge ihre eigenen Traditionen aufrechterhalten. Beide Gruppen lassen sich als "zerrissene Mitte" beschreiben, als ein Personenkreis, der sich nicht eindeutig in das Lager der Flüchtlingsbefürworter oder -gegner einordnen lässt.

Die Untersuchung von More in Common zeigt nicht nur, dass die Grundeinstellungen zur Flüchtlingsfrage in Deutschland komplexer sind, als viele denken. Sie zeigt auch, dass es lohnt, den Blick jenseits von tagespolitischen Debatten auf Werte und grundsätzliche Einstellungen zu weiten, um zu verstehen, warum Menschen eine gewisse Auffassung vertreten. Wer also schon beim Anschein, sein Gegenüber könnte anderer Meinung sein, das Gespräch abbricht, verpasst diese Differenzierung und damit auch mögliche Gemeinsamkeiten. So entsteht der Eindruck, die Gesellschaft teile sich zunehmend in ein "Wir" und "Die"

Die psychologische Forschung hat gezeigt, dass Menschen bereits auf Basis minimaler Informationen andere Menschen auf diese Weise einteilen – und zwar mit nachweislichen Folgen für ihr Sozialverhalten. Der türkische Sozialpsychologe Muzafer Sherif zeigte bereits in den Fünfzigerjahren, dass wir unserer eigenen Gruppe positive Eigenschaften und anderen Gruppen negative Eigenschaften zuschreiben, ohne dass es dafür inhaltliche Anhaltspunkte gibt. Die Forschung zur "Empathielücke" geht noch weiter: Gegenüber Menschen, die wir nicht als Mitglieder unserer eigenen sozialen Gruppe wahrnehmen, verspüren wir nachweislich weniger Empathie.