Die ersten prägenden Erfahrungen mit Rassismus machen Menschen in der Schule. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man die Berichte unter dem Hashtag #MeTwo liest, die seit einigen Tagen kursieren. Viele erzählen aus ihrer Schulzeit, dass sie wegen ihres Namens gehänselt wurden, dass die Lehrer ihnen nicht zugetraut hätten, dass sie es mal auf eine Universität schafften. Dass sie eine schlechtere Note in Deutsch bekommen hätten – und zwar nicht durch Leistung begründet, sondern allein aufgrund der Tatsache, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache sei.

Viele dieser Posts berichten aus einer Schulzeit, die bereits ein paar Jahre oder Jahrzehnte her ist. Heute hat von elf Millionen Schülern in Deutschland jeder Zehnte keine deutsche Staatsangehörigkeit und jeder Dritte einen Migrationshintergrund. Gibt es diesen weitverbreiteten Alltagsrassismus also immer noch? Oder ist die Realität in den Klassenzimmern längst eine andere?

Erhebung erst seit dem Pisa-Schock

Vergangene Woche veröffentlichte die Universität Mannheim eine Studie, die zeigt, dass sich nicht viel geändert hat. Forscher des Lehrstuhls Pädagogische Psychologie hatten dazu Lehramtsstudenten Diktate vorgelegt. Alle Texte waren identisch, wiesen Fehler an den gleichen Stellen auf. Mal war das Diktat aber angeblich von einem Jungen namens Max, mal von einem Murat verfasst worden. Das Ergebnis: Murat wurde im Schnitt eine halbe Note schlechter bewertet. Ein Jahr zuvor hatte das Team den Einfluss des Migrationshintergrunds auf Mathenoten untersucht. 1.500 Gymnasiasten waren zwei Jahre lang regelmäßig geprüft worden. Auch hier: Trotz gleicher Rahmenbedingungen wie Sprachfähigkeiten und sozialer Herkunft waren die Kinder aus Migrationsfamilien für dieselbe Leistung bis zu einer halben Note schlechter bewertet worden.

In den USA beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen schon seit Langem mit ethnischen Minderheiten in Schulen. Doch in Deutschland stecke der Forschungsstrang "in den Kinderschuhen", sagt Sabine Glock vom Institut für Bildungsforschung der Universität Wuppertal. Hier haben Kinder mit Migrationshintergrund erst nach dem sogenannten Pisa-Schock Einzug in die Forschung gefunden.

Auch Sabine Glocks Studien bestätigen die Aktualität der Vorwürfe von #MeTwo. In einer ihrer Studien legte sie Lehrern fiktive Schülerbeschreibungen vor. Obwohl in den Beschreibungen die Fähigkeiten der Schüler gleich gut waren, stuften die Lehrer die Sprachkompetenz der Schüler mit türkischem Namen schlechter ein als die ihrer Mitschüler. Darüber hinaus fand Glock durch Tests, was Menschen mit bestimmten Gruppen assoziieren, heraus, dass Lehrer und Lehramtsstudentinnen gegenüber einer Gruppe von Schülern mit Migrationshintergrund negativer eingestellt sind als gegenüber anderen. "Anders ist es bei Lehrern, die selbst einen Migrationshintergrund haben oder in der Vergangenheit deutlich stärker Kontakt zu Kindern aus Migrantenfamilien hatten", sagt Sabine Glock. Aktuell versuche sie, weitere Gründe zu finden, warum diese negativen Einstellungen bei manchen weniger ausgeprägt seien.

Dass es eine Benachteiligung in Schulen gibt, belegt auch die Studie Vielfalt im Klassenzimmer des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration aus dem Jahr 2017. In dieser breit angelegten mehrstufigen Untersuchung konnten die Wissenschaftler herausfinden, dass Lehrer gegenüber türkischstämmigen Erstklässlern niedrigere Erwartungen haben als gegenüber anderen Gruppen – selbst, wenn diese objektiv die gleichen Leistungen erbringen. Dabei sei Erwartung ein wichtiger Faktor für den Lernerfolg, sagt Tim Müller, Mitarbeiter am BIM, der an der Studie mitgewirkt hat. "Wer hohe Erwartungen an ein Kind hat, investiert in dieses mehr Zeit, lässt ihm mehr Förderung zukommen", sagt Müller. Kümmern sich Lehrer um Schüler mit Migrationshintergrund weniger, gehe die Leistungsschere weiter auseinander, so Müllers These. Und: Bekämen Schüler ihre Defizite immer wieder vorgeführt, könne das zu Demotivation und Leistungsverschlechterung führen.