Dies alles erzeugt eine gesellschaftliche Stimmung, in der sich plötzlich Menschen im Recht fühlen, die etwas gegen andere haben, und die sich sogar aufgefordert fühlen, das jetzt doch endlich mal zum Ausdruck zu bringen. Es sind eben nicht nur die "echten" Neonazis mit ihrem Hitlergruß, die da hetzbereit marschieren, sondern Biedermänner und -frauen mit ganz unbiederen Gewaltwünschen, die sich jetzt auf die Straße trauen.

Dies alles geschieht in Zeiten von Hochkonjunktur, steigenden Steuereinnahmen, quasi Vollbeschäftigung und exzessivem Konsum. Man möchte fast Abbitte leisten für das routinierte Bashing jener Menschen, die 1930 und 1932 die NSDAP gewählt haben. Da herrschte nämlich Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, und einen Holocaust hatte es auch noch nicht gegeben. Die klassische Frage "Wie konnten sie nur?" ist heute im Präsens zu stellen. Viel beunruhigender muss man fragen: Was treibt Menschen, denen es sehr gut geht, zu Hass und Gewalt ausgerechnet gegen alle, denen es schlechter geht?

Eine Konsensverschiebung auf allen Ebenen

Sicher: Da sind jene Medien, die aufhetzen, und soziale Netzwerke, die Hass verbreiten. Aber auch in denen spiegelt sich nur, was insgesamt als Konsensverschiebung zu beobachten ist. Natürlich ließen sich in den Kommentarspalten unter den Facebook-Posts großer deutscher Nachrichtenportale seit Langem ausländerfeindliche Aussagen von Usern finden. Aber heute werden Kommentare, die die rechte Gewalt in Chemnitz relativieren, ähnlich oft gelikt wie jene, die sich für die Achtung des Rechtsstaats, Toleranz und ein friedliches Miteinander aussprechen.

Die Konsensverschiebung findet auf allen Ebenen der Gesellschaft statt, in den alten und den neuen Medien, in den Unis, in den Betrieben, auf der Straße, in der Politik. Wer hat im Alltag nicht schon Begriffe wie "Viehzeug" gehört – und gleich weggehört, als sei es nicht gesagt worden?

So verändert sich die Gesellschaft: im falschen Einverständnis, im fehlenden Einspruch, im Nachlässigsein mit den eigenen Überzeugungen. Die an der Demokratie zündelnden politischen Eliten und die Revolte auf der Straße bilden einen Zusammenhang der wechselseitigen Legitimation.

Und noch etwas ist überdeutlich: Je mehr man den Rechten politisch entgegenkommt, desto mehr fühlen sie sich berechtigt, weiter anzugreifen. Wer sich selbst als Demokratin oder Demokrat versteht, muss spätestens nach diesem Wochenende lernen, sich gemeint zu fühlen.