Wenn aus Heinz Abraham wird – Seite 1

Mansur Seddiqzai unterrichtet an einem Gymnasium im Dortmunder Norden Islamischen Religionsunterricht. Er schreibt für ZEIT ONLINE darüber, wie seine überwiegend muslimischen Schülerinnen und Schüler die Welt sehen. In diesem Text denkt er darüber nach, welchen Gewinn die Jugendlichen daraus ziehen, sich intensiv mit alten religiösen Texten zu beschäftigen.

Heinz ist erst spät Vater geworden. Sein Sohn Fritz ist sein ganzer Stolz. Irgendwann kamen aber die Träume und die Stimmen in seinem Kopf befahlen ihm, Fritz zu töten. In einem abgelegenen Waldstück wird Heinz von der Polizei gestellt, glücklicherweise, bevor er dem Kind etwas antun konnte.

Meine Schülerinnen und Schüler in der Unter- und der Mittelstufe hören der vermeintlichen Kriminalgeschichte gespannt zu. Und auf die Frage, was denn mit Heinz passieren soll, antworten sie meist ohne zu zögern: "Gefängnisstrafe" und "vielleicht zum Psychiater". Die Justiz solle auch abklären, welche Rolle die Mutter bei diesem verhinderten Verbrechen spielt. Und Fritz? Der solle dringend in eine Pflegefamilie kommen. Natürlich wissen die pfiffigeren schon, um was es wirklich geht.

Sobald aus Heinz Abraham wird, erschrecken viele der Jugendlichen zunächst. Ihr klarer, rationaler Blick auf die Geschichte verschwindet. Denn sie haben von klein auf gelernt, den Propheten Abraham zu verehren, der bereit war, sein Kind zu opfern. Sie bewundern auch die Ergebenheit seines Sohnes, der in der jüdischen Version Isaak und in der islamischen Ismael heißt. Das eigene Urteil ruft jetzt Bestürzung hervor. Einer fragt: "Ist es nicht eine Sünde, so etwas zu sagen?" Schließlich würden sie mit ihrem Urteil Abraham ins Gefängnis schicken und Ismael in eine Pflegefamilie.

"Wenn mein Vater das von mir verlangen würde, dann würde ich das nie zulassen"

Gleichzeitig ist den Jugendlichen bewusst, dass diese Geschichte, die sie seit frühester Kindheit kennen, im Widerspruch steht zu unserem modernen Rechtsempfinden und zu ihrem Wunsch, über sich selbst zu bestimmen. "Wenn mein Vater das von mir verlangen würde, dann würde ich das nie zulassen", das ist Konsens.

Die Geschichte ist im Islam, im Judentum und im Christentum prominent. Für Muslime bildet sie die Grundlage für das Opferfest als Abschluss der alljährlichen Pilgerfahrt in Mekka. Ist es aber sinnvoll, sich noch mit religiösen Texten zu befassen, die offensichtlich mit historischen Wertevorstellungen verfasst wurden, die wir nicht mehr teilen? Die Frage stellt sich nicht nur für den Koran, sondern auch für die Thora und das Neue Testament, und beschränkt sich nicht allein auf die Abrahamsgeschichte.

Tatsächlich ist ihre traditionelle religiöse Deutung aber besonders schwierig, nicht nur für meine Schülerinnen und Schüler. Denn Abraham wird gerade deshalb als vorbildlich beschrieben, weil sein Glaube so felsenfest war. Vertreter aller drei Religionen interpretieren sein Verhalten oft als unbedingtes Vertrauen in Gott. Viele meiner Schüler verstehen die Geschichte sogar als Aufruf zum absoluten Gehorsam. "Wenn Gott etwas von dir will, dann musst du ihm alles geben", heißt es dann. Diese Denkweise kann im schlimmsten Fall die Grundlage für gefährliche religiöse Deutungen werden, die in den Extremismus führen können.

Meistens existieren die idealisierten religiösen Vorstellungen meiner Schüler vom blinden Gehorsam allerdings völlig losgelöst von ihrem weltlichen Denken, in dem sie demokratische und rechtsstaatliche Werte für selbstverständlich halten. Kann die Lektüre des Textes diese Zerrissenheit möglicherweise noch verstärken?

Zunächst einmal schon. Aber das ist durchaus sinnvoll. Denn in den religiösen Texten finden sich enorme Widersprüche, die sich auch in unserem Leben wiederfinden. So soll sich der Mensch die Erde untertan machen, aber gleichermaßen akzeptieren, dass er Naturkatastrophen ohnmächtig ausgeliefert ist. Sie werden als Zeichen von Gottes Macht gedeutet. Beides findet sich bis heute im Umgang mit unserer Umwelt wieder. Der moderne Mensch hat sich an die Spitze der Nahrungskette gekämpft. Gleichzeitig fühlt er sich wehrlos gegenüber den menschengemachten Folgen des Klimawandels und des Artensterbens.

Wir sollten die Interpretation nicht den Extremisten überlassen

Die religiösen Texte konfrontieren die Menschen seit jeher mit ihrer Hilflosigkeit gegenüber dem Unverständlichen und Übernatürlichen, oft verpackt in aufregende Geschichten. In einer Zeit ohne Superhelden wurden Meere gespalten, Tote zum Leben erweckt, Waisenkinder zu Fürsten gemacht. Viele der Figuren und Handlungsmuster prägen noch heute unser Denken und unsere Kultur. Die Idee des Teufels, der drohenden Apokalypse, die Figur eines Heilands oder des ultimativen Guten – all das findet sich in unseren aktuellen Büchern, Filmen oder Computerspielen wieder.

In den alten religiösen Geschichten steckt oft eine Moral, die uns immer etwas über das Leben unserer Vorfahren lehrt und manchmal etwas Zeitübergreifendes, über unser Menschsein. Tatsächlich wäre die Abrahamsgeschichte nicht mehr bemerkenswert, wenn es nur um reine Gottergebenheit ginge. Schließlich lebte Abraham in einer Zeit, als der Pater Familias noch über Leben und Tod bestimmte und der einzelne Mensch nicht viel wert war. Was die Geschichte noch interessant macht, ist, dass es seither und für alle Zeit keine Menschenopfer mehr geben darf. Damit wird die Erzählung zu einem Einschnitt in die erbarmungslose Stammesgeschichte des Menschen durch das Vertrauen in Gottes Gerechtigkeit.

Manchmal deute ich die Geschichte mit meinen Schülern aber auch psychologisch. Abraham träumt nämlich in der koranischen Version lediglich davon, dass sein Sohn sich zur Opferung niederkniet. Sein Kind für Gott opfern zu müssen, ist seine eigene Deutung. Vielleicht, weil er selbst noch ein gewalttätiges Gottesbild hat? Sein eigener Vater hatte ihn schließlich töten wollen und dann vertrieben, weil Abraham den alten Göttern abgeschworen hatte. Ist Abraham also ein traumatisierter Prophet? Ein Mensch, der aus dem Teufelskreis der familiären Gewalt erst durch göttliche Hilfe ausbrechen kann?

"Woher weiß ich, dass das die richtige Interpretation ist?"

Der Respekt vor den älteren Auslegungen wiegt allerdings schwer. "Woher weiß ich, dass das die richtige Interpretation ist?", fragen meine Schüler misstrauisch. Es fällt ihnen nicht leicht, über religiöse Texte zu spekulieren und zu akzeptieren, dass die Kategorien richtig und falsch nicht immer weiterhelfen.

Wir Lehrer sollten deshalb die Interpretation der alten Texte nicht den Esoterikern oder den religiösen Extremisten überlassen, die behaupten, das uralte Stammesdenken in Bibel oder Koran gelte unverändert. Wir sollten auch nicht auf Thilo Sarrazin vertrauen, der in seinem neuen Buch Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht nur nach den gewalttätigen Stellen fahndet und behauptet, alle Muslime würden sie wörtlich lesen. Denn das haben die modernen Propheten gemeinsam: Sie propagieren einfache Wahrheiten, die sie mit Eifer und Zorn vortragen. Sie verwehren sich gegen das, was meine Schüler bei der Diskussion der Abrahamsgeschichte erfahren: dass verschiedene Interpretationen nebeneinander existieren können – und sollten.

Ja, das Patriarchat zieht seine Kraft noch immer aus der Religion. Gleichzeitig ist aber auch der Kampf gegen die Männerherrschaft immer auch ein Kampf um die heute angemessene Auslegung religiöser Texte. Wer die Komplexität unserer Zeit verstehen will, der sollte sich an den Widersprüchen und verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten in den dichten und spannungsreichen Texten unserer Vorfahren üben.

Die Schülerinnen und Schüler verstehen schließlich, dass die verhinderte Opferung Ismaels eine Parabel ist und verehren Abraham weiterhin als Propheten. Die Opferfestgeschichte ist für sie ein Bezugspunkt, der das Leben ihrer Vorfahren mit ihrem modernen Alltag verbindet, ihnen zeigt, woher sie kommen und sie verstehen lässt, wo sie jetzt sind.

Nur wenige der Jugendlichen klammern sich danach weiter an die Idee vom blinden Gehorsam. "Der Traum ist doch eine Eingebung Gottes", sagen sie. Sie glauben, wer Gott blind folgt, den bewahre er vor Fehlern. Ich versuche, ihnen klar zu machen, dass sie damit ihre Mündigkeit und Verantwortung an eine höhere Instanz abtreten.

Der Großteil der Schüler bleibt jedoch trotz Religiosität dabei: Abrahams Verhalten müsste nach heutigen Maßstäben strafrechtlich verfolgt werden. Alle Schüler – auch die konservativen und die skeptischen – sind jedenfalls froh, im modernen Rechtsstaat zu leben und nicht in einer primitiven Stammesgesellschaft.