Es gibt kluge Schweizer, die behaupten, ihre Landsleute würden sich nur verstehen, weil sie sich gegenseitig nicht verstehen. In der Westschweiz sprechen sie eine andere Sprache als in der Deutschschweiz oder im Tessin. Auf dem konservativen Land wählen sie anders als in der rot-grünen Stadt. Und am Anfang der modernen Eidgenossenschaft stand kein Schwur, sondern ein Bürgerkrieg.

Ja, die Schweiz ist ein Land der Gräben. Und es waren die ausgefochtenen Konflikte, die das Land weiterbrachten. Langsam, aber stetig. Doch seit einigen Jahren vertiefen sich die politischen Gräben im Land. Manche behaupten, sie seien so tief wie nie zuvor.

Deshalb veranstalten DIE ZEIT und ZEIT ONLINE gemeinsam mit fünf Schweizer Medienhäusern die Aktion Die Schweiz spricht. Mit dabei sind: Schweizer Radio und Fernsehen, Radio Télévision Suisse, Tages-Anzeiger, Bund, Berner Zeitung, Le Matin Dimanche, 24heures, Tribune de Genève, Republik, Watson und die Wochenzeitung WOZ.

Die Schweiz spricht will gesellschaftliche Gräben überwinden und den gepflegten Streit dorthin zurückbringen, wo er hingehört: an einen Tisch, an dem sich zwei Menschen ihre Meinung sagen. Direkt, offen, ehrlich, aber immer anständig und freundlich.

Klar, früher passte der Pfarrer auf, dass seine Schäfchen beim richtigen Bäcker ihre Brötchen kaufen. Beim reformierten, nicht beim katholischen. Aber gab es mal Streit, dann kannte man sein Gegenüber. Die Konflikte wurden von Angesicht zu Angesicht ausgetragen. Das ist heute anders. Immer häufiger bewegen wir uns nur noch in unseren eigenen Lebenswelten. Am Arbeitsplatz, am Wohnort, im Yogastudio. Und so segensreich das Internet und die sozialen Medien sind: Wir treffen auf Facebook, Twitter oder Instagram meist, wen wir sowieso schon kennen und wessen Meinung wir teilen.

Am 21. Oktober werden sich in der ganzen Schweiz Tausende Diskussionspaare mit möglichst unterschiedlichen Ansichten zum politischen Rendez-vous treffen. Zusammengebracht werden sie durch einen Algorithmus, der diejenigen Teilnehmer einander vermittelt, die politisch möglichst weit voneinander entfernt sind, dafür aber nah beieinander wohnen. Die Diskussionspartner können sich zu einem Gespräch verabreden, zum Beispiel in einem Café, einer Beiz oder auf einem Sonntagsspaziergang.

Sie wollen bei Die Schweiz spricht mitmachen? Wenn Sie in der Schweiz wohnen und ZEIT ONLINE besuchen, finden Sie ab heute in vielen Artikeln eine kleine Box, die Ihnen eine Frage zu einem umstrittenen politischen Thema stellt. Zum Beispiel: Soll sich die Schweiz stärker der EU annähern? Oder: Wird in der Schweiz zu viel Land überbaut? Insgesamt sind es sechs Fragen. (Sie wohnen in Deutschland? Dann melden Sie sich hier für Deutschland spricht an. Sie wohnen in Österreich? Dann registrieren Sie sich bei den Kollegen von Standard.at für Österreich spricht.)

Leserinnen und Lesern, die alle Fragen beantworten, schlagen wir in wenigen Wochen jemanden aus der näheren Umgebung vor, der politisch möglichst anders denkt. Wir brauchen dazu einige wenige persönliche Daten von Ihnen, unter anderem Ihre Schweizer Handynummer, damit wir Ihre Anmeldung verifizieren können. Wenn Sie und Ihr Gegenüber später dem Treffen zustimmen, bringen wir Sie miteinander in Kontakt.

Zum ersten Mal hat ZEIT ONLINE im vergangenen Jahr zu einer solchen Aktion aufgerufen. Damals meldeten sich bei Deutschland spricht 12.000 Menschen an, am Ende diskutierten 600 Paare im ganzen Land. Heuer haben sich bereits 24.000 angemeldet. In Österreich, wo die Aktion vor einigen Tagen gestartet ist, interessieren sich bisher rund 5.000 Teilnehmer für ein Vieraugengespräch mit einem politisch Andersdenkenden.

Wir freuen uns, wenn die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ebenso gesprächsfreudig sind. Machen Sie mit!