Einmal ging es schief. Der Freier, zu dem Lucia* ins Auto gestiegen war, fuhr mit ihr aus der Stadt heraus. Plötzlich hielt er an. Er schlug ihr ins Gesicht. Sie blutete aus der Nase, es tropfte auf ihr T-Shirt, überallhin. Sie schrie, aber er hörte nicht auf. "Dann hat er aggressiven Sex mit mir gehabt", sagt Lucia. Sie sagt es so, als wäre das etwas Normales. So ist das eben hier in Teplice, einer tschechischen Kleinstadt nahe der deutschen Grenze, in einer Gegend, in der viele Frauen seit Jahrzehnten davon leben, sich zu verkaufen.

Seit der Vergewaltigung passt Lucia besser auf sich auf, sagt sie, jetzt geht sie nur noch in die Pension. Das kostet zehn Euro mehr für die Freier. Sie trägt die Uniform der Frauen auf der Straße in Teplice: Hotpants und Glitzer-T-Shirt. Durch den Ort verlief einst die Europastraße E55. Die Strecke galt als längster Straßenstrich Europas. Bis 2006. Dann kam die Autobahn, die Dresden direkt mit Prag verbindet. 2007 fielen wegen des Schengener Abkommens die Grenzkontrollen weg. Seitdem gibt es keine Lkw-Schlangen mehr vor dem Grenzzoll. 

Trotzdem gibt es noch Freier. Aus Bayern und Sachsen kommen sie in die Orte hinter der Grenze. Dort kaufen sie billige Zigaretten, Sprit und Sex. In Deutschland kosten sexuelle Dienstleistungen mehr und sie werden in Bordellen strenger kontrolliert. In Tschechien ist Prostitution zwar legal wie in Deutschland, gilt aber nicht als reguläre Arbeit. Während sich in Deutschland Prostituierte amtlich melden müssen, hat der tschechische Staat keine Gesetze für das Gewerbe erlassen. Das lässt mehr Spielraum für sexuelle Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch.

Lucia geht auf den Strich seit sie 16 ist. Seit zehn Jahren steht sie auf dem Parkplatz am Supermarkt. Wenn ein Freier kommt, verhandelt sie den Preis mit ihm. Die deutschen Männer, sagt sie, wollen häufig Sex ohne Kondom. Und was die deutschen Freier wollen, bestimmt Lucias Arbeit.

Irgendeine macht es schon

Das deutsch-tschechische Grenzgebiet

Auf der deutschen Seite der Grenze, im sächsischen Plauen, fährt Streetworker Peter Sander* morgens um halb neun mit seinem Auto los. Er kauft Zigaretten und holt dann seine tschechische Kollegin auf der anderen Seite der Grenze ab. Einmal in der Woche fahren die beiden an der Grenze entlang nach Teplice. Die Streetworker sind für Karo im Einsatz, eine spendenfinanzierte Hilfsorganisation, die sich gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen im Grenzgebiet engagiert. Vergleichbare tschechische Organisationen sind im Grenzgebiet kaum aktiv.

Bei Chomutov laufen Frauen am Straßenrand zu ihrem gewohnten Standplatz. Als sie das Auto sehen, winken sie und kommen auf den Kombi zu. Sander hält an, steigt aus, man kennt sich. Seit 2011 fährt er die Straßenstriche ab. "Das ist Rita*. Sie hat länger hier im Wald in einem Zelt gelebt", sagt er. Die Frau mit den fahlen schwarzen Haaren neben Rita kennt er noch nicht.

Die Frauen decken sich mit Secondhandklamotten ein, die Sander für sie im Kofferraum hat, und tauschen alte Spritzen gegen neue aus. Ein Großteil der Frauen auf dem tschechischen Strich ist drogenabhängig, sagen die Streetworker. Sie spritzen Crystal Meth, eine Droge, die ihnen hilft, zwölf Stunden lang am Straßenrand zu stehen, ohne Hunger zu spüren oder zu frieren. Zum Schluss nehmen die beiden noch Kondome und Soft-Tampons mit, die es ermöglichen, dass die Frauen während der Periode weiterarbeiten können. Wie jedes Mal geben die Streetworker ihnen ihre Visitenkarte mit der Notfalltelefonnummer mit.