Sein Buch wurde 1,5 Millionen Mal verkauft und führte 21 Wochen lang die Bestsellerlisten an. Die Thesen des Autors Thilo Sarrazin: Juden teilen ein bestimmtes Gen. Muslimische Migranten sind, genetisch bedingt, schlechter in der Schule, häufiger arbeitslos und leben eher von Sozialleistungen. Sie sind deshalb per se eine Bedrohung für Deutschland. Deutschland schafft sich ab erschien im August 2010 und löste eine heftige Debatte aus. Nun, vier Sarrazin-Bücher später, ist das Land teilweise ein anderes. Die AfD gründete sich drei Jahre nach Sarrazins Buch, sitzt inzwischen im Bundestag und liegt in Umfragen bei 17 Prozent. Rechte jagen Menschen durch Chemnitz' Straßen, CSU-Politiker reden von "Asyltourismus". Es scheint, als hätten die fremdenfeindlichen Kräfte in Deutschland Oberwasser.

Für viele Beobachter ist längst selbstverständlich, dass Sarrazin daran großen Anteil hatte. Dass er am Anfang eines Rechtsrucks stand. Er verknüpfte Zuwanderung mit Begriffen wie Verfall, Armut, Arbeit und Bildung. Damit setzte er Themen, die zu zentralen gesellschaftlichen Konfliktthemen wurden. Erst diese Woche wieder heißt es in der taz, dass Sarrazin mit seinem ersten Buch "den Humus für den diskursiven Rechtsruck in der Republik schuf".

Stimmt das? Lässt sich belegen, dass dieses Buch die Einstellungen der Menschen in Deutschland verändert hat? In diesen Tagen ist Sarrazins neues Buch erschienen, das vermeintlich vom Koran handelt: Eine gute Gelegenheit, um in Studien nachzusehen und Wissenschaftler zu fragen, wie groß er denn ist, der Sarrazin-Effekt.

Hat Sarrazins Buch die Einstellungen der Deutschen verändert?

Es beginnt ernüchternd: "Den Sarrazin-Effekt im Nachhinein methodisch sauber zu isolieren, ist wohl illusorisch", sagt der Soziologe Frank Kalter, Leiter des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung. Dafür hätten Forscher vor der Debatte mit einer Panelbefragung beginnen müssen, bei der sie zu unterschiedlichen Messzeitpunkten die Einstellungen derselben Personen erfassen. Zudem hätten die Forscher per Zufallsauswahl einem Teil der Befragten Medienverbot erteilen müssen, um eine Kontrollgruppe zu haben. Und selbst dann müssten noch andere gesellschaftliche Prozesse, wie etwa der generelle Trend zu mehr oder weniger Offenheit, "rausgerechnet" werden. Kalters Fazit: "Dass zunehmende Fremdenfeindlichkeit heute auch eine Spätfolge von den damaligen Diskussionen ist, liegt nahe, stützt sich aber eher auf Indizien."


Also eine Indiziensammlung. Eine Umfrage ergab kurz nach Veröffentlichung des Buches, dass 18 Prozent der Deutschen eine neue Partei wählen würden, wenn Sarrazin ihr Chef wäre. Dazu ist es nicht gekommen. Aber die Einstellungen, die in dieser Umfrage zum Ausdruck kamen, wurden sehr wohl weiter untersucht.

Die Soziologin Claudia Diehl analysierte damals gemeinsam mit ihrem Kollegen Jan-Philip Steinmann Daten, die der Thinktank German Marshall Fund vor, während und nach der Debatte erhoben hatte. Ihre Frage: Hat Sarrazins Buch die Einstellungen der Deutschen zu Migration beeinflusst? Heute sagt Diehl: "Die Debatte hat laut unserer Ergebnisse nicht viel verändert." Einzig die Polarisierung zwischen Deutschen mit hohem und niedrigem Bildungsniveau ist etwas stärker geworden. Deutsche mit niedrigem Bildungsniveau sahen die Integration muslimischer Migranten nach Veröffentlichung des Buches etwas negativer als vorher. Deutsche mit hohem Bildungsniveau wurden in ihren Einstellungen eher etwas optimistischer.

Dass seit Sarrazin Fremdenfeindlichkeit auch im deutschen Bildungsbürgertum angekommen ist, bestätigt die Studie also nicht. "Wir wissen in der Sozialwissenschaft: Ein wichtiger Prädiktor für Fremdenfeindlichkeit ist geringe Bildung."

Es gibt aber noch eine weitere interessante Studie aus der Zeit. Der Kommunikationspsychologe Wolfgang Frindte stellte nach der Sarrazin-Veröffentlichung unter Muslimen in Deutschland signifikant stärker ausgeprägte Vorurteile gegenüber dem Westen und Juden fest. Es lehnten jetzt auch mehr von ihnen die Aussage ab, dass Muslime die deutsche Kultur übernehmen sollten.