Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Die Gruppe sammelt sich zur Gehmeditation, Treffpunkt ist oben auf der Apfelwiese, auf einer Anhöhe über dem monströsen Bau, wo die Deutsche Arbeitsfront der Nazis Kraft durch Freude tanken sollte. Angeleitet von einem buddhistischen Mönch in dunkelbrauner Kutte schreiten Menschen inmitten der Obstbäume im Kreis und kehren in sich. Danach verschwinden sie schweigend in den sattgrünen Wäldern des Bergischen Landes, bevor sie mit dem Zug oder dem Auto in den Irrsinn des Alltags zurückkehren.

Vier Tage haben die 20 Menschen im European Institute of applied Buddhism (EIAB) in Waldbröl verbracht, die Frauen und Männer haben ein Wander-Retreat gebucht. Das Programm hat es in sich: 5 Uhr aufstehen, 5.30 Uhr Sitzmeditation, 6.30 Uhr Körperübungen, 7.30 Uhr Frühstück und dann Wandern. Gesprochen wird dabei nicht, nur in den Pausen. Die Teilnehmer, die aus ganz Deutschland angereist sind, wollen Stress vergessen und Achtsamkeit lernen, die Begegnung mit der Natur genießen, die Bäume und die Vögel. Zwischendurch knien sie, berühren in Demut die Erde und praktizieren die alte chinesische Kunst des Qigong, bei der durch Bewegung Körper und Geist harmonisiert werden sollen. 

"Ich konnte mich fallen lassen. Die Gruppe hat mir gut gefallen. Geborgenheit, Flow, die Natur. Vielen Dank an Euch alle", sagt eine Frau beim Sharing am Sonntagvormittag. Ein anderer, der privat unruhige Zeiten durchlebt, fühlt sich beseelt und erfüllt. Beim Sharing sitzen die Teilnehmer im Kreis und teilen ihre Erfahrungen der vergangenen Tage. Jeder darf reden, so lange er will. Am Ende jeder Äußerung falten alle die Hände, verbeugen sich, ein Mönch schlägt die goldene Klangschale und ein tiefer erdiger Ton erfüllt den Raum. In der Mitte der Gruppe, auf dem hellbraunen Parkett, steht eine Blumenvase mit frischen gelben und roten Rosen, drumherum ein Kreis aus Blütenblättern.

Die Menschen Achtsamkeit lehren

Bruder Phap Xa © Sandra Stein für ZEIT ONLINE

"In dieser Zeit, die voller Stress und Ängste ist, werden unsere Wander-Retreats immer beliebter", sagt Bruder Phap Xa, der die Gruppe vier Tage geleitet hat. Phap Xa, Glatze und tiefenentspannte Stimme, hieß früher einmal Theo Frederiks. Er kommt aus Holland, hat in Enschede Mathematik studiert und sich irgendwann für den Zen-Buddhismus interessiert. Dabei stieß er auf die Lehren des Thich Nhat Hanh, eines Mönches und Zen-Meisters aus Vietnam. 2008 kaufte Thich Nhat Hanh, von seinen Schülern Thay genannt, das leer stehende Haus in Waldbröl und gründete das EIAB, um die Menschen Achtsamkeit zu lehren.

"Ich bin damals gekommen, um beim Aufbau zu helfen", erzählt Frederiks. Seitdem lebt der 34-Jährige hier im Bergischen Land, 70 Kilometer von Köln entfernt, mit 20 Mönchen und ebenso vielen Nonnen, die meisten aus Vietnam. Die Köpfe aller sind kahlgeschoren als Zeichen der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen.

Gebaut als KdF-Heim

Eine breite Steintreppe führt hinauf zum gläsernen Eingangsportal. Wer das fünfstöckige monumentale Gebäude betritt, beginnt unwillkürlich eine Reise in eine dunkle Vergangenheit. Bis 1938 war das Haus ein Pflegeheim für fast 700 geistig behinderte Menschen. Ein Großteil von ihnen hatte laut Aufzeichnungen Schizophrenie. Die meisten Bewohner wurden von den Nazis zwangssterilisiert. Doch der Reichsleiter der NSDAP, Robert Ley, der in der Region aufgewachsen ist, wollte die Patienten loswerden. Eine "Irrenanstalt" unweit der von ihm initiierten Adolf-Hitler-Schule gleich nebenan sei ein Unding, fand er. Er ließ das Haus räumen, bis auf die Grundmauer abtragen und errichtete 1938 ein Kraft-durch-Freude-Hotel für die Deutsche Arbeitsfront. Das allerdings wurde angesichts der folgenden Kriegsniederlagen nie in Betrieb genommen, sondern stattdessen als Lazarett genutzt