Endlich! 65.000 Menschen auf einem Konzert gegen Rechtsextremismus. Menschen aus Chemnitz, aber auch ganz Deutschland. 65.000 Menschen, die Haltung beweisen. Ja, gegen den Irakkrieg und gegen Ausländerfeindlichkeit gingen Anfang der Neunzigerjahre teilweise mehr als 300.000 Menschen auf die Straße. Aber trotzdem: Das Chemnitzer Konzert ist ein wichtiges Signal zum richtigen Zeitpunkt. 

Denn es geht längst um mehr als ein paar nackte Hooliganärsche in Chemnitz, die den rechten Arm hochstrecken oder, schlimmer noch, Menschen jagen, die sie für Ausländer halten wollen. Um die muss sich der Rechtsstaat kümmern. Der hatte zwar Anfang der Woche einen schwachen Moment, weil die sächsische Landesregierung sträflich unterschätzt hat, wie viele und vor allem wer da zum Aufmarsch gerufen hat. Aber im Großen und Ganzen funktioniert der Rechtsstaat gut, auch gegen Rechte. 

Viel gefährlicher ist das, was sich mittlerweile tief hinein in die Mitte der Gesellschaft gefressen hat: die Ablehnung unserer liberalen Grundordnung, der Pressefreiheit, des Rechtsstaatsprinzips. Diese Haltung wird mittlerweile professionell orchestriert, von den Weidels, Gaulands und Höckes dieser Welt. Sie verschieben Debatten nach rechts und stilisieren sich selbst zu Opfern des Systems.

Es konnte in den letzten Tagen und in den letzten Monaten der Eindruck entstehen, dass dieser Rechtsruck unaufhaltbar sei, so dominant waren die Begriffe und Positionen von AfD und Co., so dominant waren die Rechtsradikalen und ihre Mitläufer auf den Straßen von Chemnitz.

Rechtsradikale sind eben nicht in der Mehrheit

Deshalb war dieses Konzert so wichtig. Es zeigt, dass viele Menschen den Ernst der Lage erkannt haben. Und dass die Rechtsradikalen eben nicht in der Mehrheit sind.

Die AfD kam auf 12,6 Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl – mehr als 85 Prozent haben sie nicht gewählt. Für genau diese Menschen war das Konzert eine Selbstvergewisserung: Am Ende sind wir mehr. Wir überlassen den öffentlichen Raum nicht den Rechten. Auch unsere Ängste – vor mehr Fremdenfeindlichkeit, vor einer intoleranten Gesellschaft – werden sichtbar.    

Solche symbolischen Veranstaltungen stimmen noch keinen AfD-Wähler um und tragen wenig zum konkreten Kampf gegen Nazis in Chemnitz oder anderswo bei. Aber sie können ein Impuls sein. Denn wer sich der Unterstützung von weiten Teilen der Gesellschaft sicher ist, wer weiß, dass er nicht allein ist, engagiert sich auch eher auf Dauer. Das Chemnitzer Konzert stärkt den Verteidigern der Demokratie den Rücken.

"Vom Sofa runterkommen und den Mund aufmachen", hat Außenminister Heiko Maas die Deutschen aufgefordert. In Chemnitz haben 65.000 genau das getan. Hoffentlich setzen sie sich so bald nicht wieder hin.