Debatten - Wie man mit Andersdenkenden diskutieren kann Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion recht behalten. Warum Streitgespräche keine Kämpfe sein müssen, erklärt die Philosophin Romy Jaster im Video. © Foto: Sven Wolters

Am kommenden Sonntag treffen sich bei "Deutschland spricht" Tausende Menschen mit jemandem, der die Welt ganz anders sieht als sie. Was bringen solche Gespräche? Und wie sollten wir sie am besten angehen? Die Philosophen Romy Jaster und David Lanius machen sich seit Jahren Gedanken darüber, wie kontroverse politische Debatten gelingen können. Hier schreiben Sie, worauf es bei den Gesprächen ankommt.

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Wenn wir von politischen Diskussionen reden, klingt das oft nach Kampf. Wir reden vom TV-"Duell", ein Politiker muss eine "Niederlage" einstecken oder er trägt einen "Sieg" davon. Auch Medien inszenieren politische Diskussionen oft so, als würden sich unversöhnliche Ideologien auf einem Schlachtfeld bekämpfen. Doch ist das ein gutes Bild? Warum diskutieren wir überhaupt mit Andersdenkenden? Und warum sollten wir mit ihnen diskutieren?

Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem eines: recht behalten. Glaubt man Psychologen, ist das ist auch nicht verwunderlich. Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, empfinden wir als Störfaktoren. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "kognitiver Dissonanz". Wenn wir die verspüren, haben wir vor allem einen Impuls: die Argumente des Gegenübers zu entkräften.

Das ist nicht so irrational, wie es klingt. In einer Demokratie entscheiden schließlich alle Bürger darüber, was geschieht. Je mehr Menschen wir von unserer Meinung überzeugen, desto wahrscheinlicher werden politische Entscheidungen, die uns gefallen. Doch wie überzeugt man überhaupt jemanden von seiner Meinung?

Viele Menschen kritisieren das politische Gegenüber direkt oder konfrontieren es sofort mit der eigenen Meinung. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.

Wir können verstehen lernen

Eines der berühmtesten Experimente hierzu stammt aus den USA. Die Forscher gaben ihren Versuchsteilnehmern hierfür einen erfundenen Zeitungsartikel zu lesen. Darin stand die These, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Anschließend bekamen die Probanden starke Belege dafür, dass diese Information falsch ist – darunter ein Zitat des damaligen Präsidenten George W. Bush, in dem dieser die Existenz der Waffen verneint. Das Ergebnis der Studie war erstaunlich. Nicht nur glaubten vor allem konservative Versuchsteilnehmer weiter an die irakischen Massenvernichtungswaffen. Sie waren von ihrer Position sogar noch stärker überzeugt als vorher.

Zwar ist noch nicht belegt, dass Menschen im Angesicht konträrer Informationen tatsächlich im Sinne des backfire effect ihre Überzeugungen verhärten. Mit Sicherheit wissen wir jedoch, dass es gar nicht so einfach ist, eine andere Person von ihrem Standpunkt abzubringen. Für viele Menschen scheint es eine große Überwindung zu sein, die eigene Meinung zu ändern. Bisweilen scheint durch eine Meinungsänderung nicht nur ein politischer Standpunkt, sondern auch das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken zu geraten. Wer überzeugen will, sollte also vermeiden, dem Anderen das Gefühl zu geben, als Person abgewertet zu werden.

Der Philosoph Daniel Dennett hat in Anlehnung an den Psychologen Anatol Rapaport vier Regeln aufgestellt, die dabei helfen können. Glaubt man Dennett, beginnt eine gute Kritik immer damit, dass der Diskutant zuerst in eigenen Worten wiederholt, was das Gegenüber gesagt hat. Dann stellt er heraus, worin sich beide einig sind, und macht drittens explizit, was er vom Gegenüber gelernt hat. Erst dann – im letzten Schritt – legt der Diskutant möglichst präzise dar, warum er anderer Meinung ist. Wer seine Kritik derart höflich und konstruktiv formuliert, erhöht laut Dennett seine Chancen, gehört zu werden. Womöglich kann er sogar leichter das Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Es gibt aber noch ein anderes Ziel, das man sich in einer Debatte setzen kann: zu verstehen, wie der andere denkt. In westlichen Gesellschaften scheint das momentan ein Problem zu sein. Über die Anderen denken wir zunehmend nur noch in Stereotypen: Wer bei Pegida mitläuft, ist ein Rassist, wer Flüchtlingen hilft, hat den Bezug zur Realität verloren. Dieses Denken führt dazu, dass sich die Menschen in ihren politischen Meinungen zunehmend radikalisieren. 

Das Problem ist bloß: Die allerwenigsten Menschen entsprechen in Wahrheit diesen Stereotypen. Oft sind unsere Vorstellungen vom Anderen einfach falsch. Diskussionen können dieses Denken aufbrechen.