In einem Café in Hannover, zwischen brunchenden Spätaufstehern, die mit den Tellern klirren, und Vätern, die ihre vom ersten Herbstschauer durchnässten Babys frottieren, sitzen zwei Männer und kneten verlegen ihre Hände. Sie haben eine Apfelschorle und eine Cola bestellt. Keiner von beiden scheint so recht zu wissen, ob er jetzt loslegen soll, und wenn ja, wie. Die Konstellation wirkt drollig, beinah harmlos. Aber ist sie das?

Die Männer heißen Jens Allerheiligen und Roland Compte und ihre Biografien ähneln sich so sehr, dass man sie Zwillinge des Zensus nennen könnte. Beide sind 50 Jahre alt, sie wohnen im gleichen Zustellbezirk der Post, sind im Raum Hannover geboren und haben, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, ihr ganzes Leben hier verbracht. Allerheiligen ist gelernter Bankkaufmann, Compte Diplom-Ökonom.

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Doch die Politik hat diese Zwillinge getrennt: Der eine bog irgendwann links ab, der andere rechts. Jens Allerheiligen sagt, die Figur, die ihn am meisten beeindruckt habe, sei Willy Brandt gewesen, wegen seiner Ostpolitik. Er würde gern in der Zukunft leben, "wenn das, was notwendig und vernünftig ist, geschafft sein muss". Er ist seit 20 Jahren Mitglied bei den Grünen.

Roland Compte indes bezeichnet Otto von Bismarck als prägend, seine Biografie Der weiße Revolutionär von Lothar Gall habe er mit großem Interesse gelesen. Er würde gern in einer Zeit leben, in der das deutsche Volk zu neuem Selbstbewusstsein gefunden haben wird, so wie in der Kaiserzeit. Er sagt, sein Misstrauen gegenüber der deutschen Politik sei seit 20 Jahren stetig gewachsen.

Und während Allerheiligen als junger Mann "in Gorleben auf der Schiene saß", wie er erzählt, war Compte in einer pflichtschlagenden Verbindung und ließ sich in einem Fechtkampf mit einer anderen Burschenschaft einen Schmiss verpassen. Er wurde damals mit sieben Stichen genäht. Die Narbe auf der linken Wange erinnert ihn heute noch daran, "wie es ist, sich einer Herausforderung zu stellen und sie zu meistern".

In allen Fragen uneins

"Ich habe Angst vor der Neuen Rechten", wird Allerheiligen im Verlaufe des dreistündigen Gesprächs sagen. "Du hast das Vergnügen, einem Vertreter der Neuen Rechten gegenüberzusitzen", wird Compte erwidern. Allerheiligen wird daraufhin wie jemand lächeln, den der Zahnarzt darum gebeten hat.

Jens Allerheiligen hat sich extra für das Gespräch ein T-Shirt mit dem Logo von St. Pauli angezogen. © Joanna Nottebrock für ZEIT ONLINE

Deutschland spricht, so lautet die Einladung, der Compte und Allerheiligen gefolgt sind. Die Idee: Zwei sich bislang fremde Menschen treffen für zwei, drei, vielleicht mehr Stunden aufeinander und damit auf eine Person, die die Welt völlig anders sieht. Sieben Ja-Nein-Fragen haben die Männer dafür beantwortet, exakt alle haben sie gegensätzlich beantwortet.

Sollte Deutschland seine Grenzen stärker kontrollieren? Ist Donald Trump gut für die USA? Allerheiligen sagt Nein, Compte sagt Ja.

Hat die #MeToo-Debatte etwas Positives bewirkt? Können Muslime und Nichtmuslime in Deutschland gut zusammenleben? Allerheiligen sagt Ja, Compte sagt Nein.

Der Algorithmus von Deutschland spricht hat die getrennten Zwillinge anhand ihrer Antworten zusammengeführt. Er bringt jene Paare zusammen, die politisch uneins sind, dafür aber nahe beieinander wohnen.

Drei, vier E-Mails schickten die beiden einander. Compte sagt, Allerheiligen habe ihm gleich das Du angeboten, Allerheiligen erzählt es andersherum. Angenommen haben sie es offenbar beide. Ein Treffpunkt wurde ausgemacht und ein Erkennungszeichen. Er werde sich, dem Anlass entsprechend, besonders konservativ kleiden, schrieb Compte. Allerheiligen fand, das zeuge von einer gewissen Selbstironie. Dem wollte er nicht nachstehen und hat sich zur Verabredung ein T-Shirt angezogen, auf dem der Totenkopf des linken FC St. Pauli prangt. So sitzen sie einander gegenüber, lächeln diplomatisch, als hätten sie es geübt, und erinnern dabei an einen Bauamtsleiter und einen grünen Ratsherren, die um die Errichtung einer Krötenbrücke über die neue Umgehungsstraße verhandeln.

Zu Beginn hört sich ihr Gespräch an, als wäre der Gegensatz zwischen links und rechts der Demokratie gerade noch zuzumuten. Es handelt von der Frauenquote, der Inklusion an Schulen, der Energiewende, dem sozialen Wohnungsbau, von Trumps Handelskrieg und der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Wie Sinus und Kosinus liegen ihre Ansichten mal mehr, mal weniger weit auseinander. Manchmal überschneiden sie sich sogar. Beide stimmen überein, dass Solar- und Windkraft rentabel sein müssen. Der gemeinsame Unterricht mit lernschwachen Kindern dürfte die Entwicklung der anderen Schüler nicht ausbremsen. Es brauche mehr Lehrer.