Keine Gespräche über Politik während der Fahrt! Die Regel hat das Taxiunternehmen aufgestellt, für das Jens Blochwitz seit sieben Jahren in Dresden fährt. Eine Art Mäßigungsgebot für die Mitarbeiter sei das, sagt Blochwitz, und grundsätzlich habe er nichts dagegen. "Das nervt ja, wenn man jemandem nach dem Einsteigen sofort seine Meinung aufdrängt."

Nur: So richtig passt die Regel nicht mehr zur Wirklichkeit. Blochwitz würde im Dienst zwar nie selbst mit dem Politisieren beginnen, und nur dann, wenn Kunden partout über nichts anderes reden wollen als über Einwanderung oder Regierungskrisen. Genau das aber, sagt Blochwitz, geschehe in diesen Tagen immer häufiger. Ein paar Kilometer zusammen auf engstem Raum – und schon stecke man mittendrin in den heißesten Debatten.

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Blochwitz ist Ende 40, ein kräftiger Mann, der komplett schwarz angezogen ist. Er wohnt allein in einem Plattenbau am Stadtrand. An diesem Sonntagnachmittag hat er sein Taxameter ausgestellt und eine Frau in sein Taxi eingeladen, die auf die Welt und auf Dresden ganz anders schaut als er. Barbara Thiel, eine Ingenieurin im Ruhestand, kurzes Haar, große Brille, eine  sportliche Frau, 69 Jahre alt, mit eigenem Haus in einem wohlhabenden Vorort von Dresden. Gemeinsam fahren sie durch die Dresdner Innenstadt, ein bisschen ziellos, denn sie wollen ja einfach nur reden.

Unabhängig voneinander haben sie sich bei Deutschland spricht angemeldet und dafür sieben Ja/Nein-Fragen beantwortet, zum Beispiel: Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren? Ein Algorithmus hat sie anschließend miteinander verbunden, weil ihre Antworten so konträr waren. Die meisten Paare von Deutschland spricht treffen sich zum Spaziergang oder im Café. Blochwitz und Thiel haben sich auch erst im Café getroffen, aber danach sind beide noch ins Taxi gestiegen, auch weil man von dort aus sehen könne, worum es in Dresden gerade gehe. 

Blochwitz steuert das Taxi zum "arabischen Viertel". So nennt er ein paar Häuserblöcke in der Dresdner Innenstadt. "Dort wohnen fast nur noch Migranten", sagt Blochwitz. "Die haben sich eine eigene Welt aufgebaut mit ihren Bars und Läden. Da sieht man kaum noch Deutsche." Für ihn ist dieses Stück Dresden ein Problem. "Ich bin dagegen, dass wir so viele Muslime bei uns hereinlassen. Damit holen wir uns einen Haufen Sorgen ins Land, die wir nicht in den Griff bekommen."

»Deutschland spricht« - »Nur wenn man miteinander spricht, lernt man sich zu verstehen« Autofreie Innenstädte oder Steuern auf Fleischprodukte? Das sind zwei der Streitfragen, über die am Sonntag in Berlin diskutiert wurde. Wir haben drei Gesprächspaare mit der Kamera begleitet.

Mit Zetteln und Argumenten bewaffnet

Thiel sitzt auf dem Beifahrersitz und schaut zu den Häusern hinüber, die Blochwitz stören. Man erkennt nicht viel, wegen des Regens ist niemand auf der Straße. "So viele Ausländer sieht man doch bei uns noch gar nicht", sagt Thiel. "Ich freue mich, wenn ich zum Beispiel in Berlin bin, und da auch mal andere Sprachen höre. Gerade wir in Ostdeutschland können doch von Zuwanderung und fremden Einflüssen nur profitieren."

Beide waren nervös vor diesem Treffen. Wie wird das, wenn zwei Menschen mit so unterschiedlichen Meinungen und Leben plötzlich nebeneinander sitzen? Werden sie sich streiten? Sich überhaupt nicht verstehen? Barbara Thiel hatte mehr Furcht vor dem Gespräch mit Jens Blochwitz als umgekehrt. Ihre Sorge: Vielleicht ist ja einer, der sich im Fragebogen als Trump-Fan outet und Einwanderung überaus skeptisch betrachtet, auch ein Pegida-Anhänger?

Blochwitz sagt, bei Pegida sei er nie gewesen. Er sei noch nicht mal AfD-Sympathisant. Kurz vor dem Treffen haben sich die beiden per Mail schon ein paar Zeilen geschrieben und danach ein bisschen durchgeatmet. "Wirkt ja ganz nett", haben sie übereinander gesagt. Trotzdem hat sich jeder mit Zetteln bewaffnet, vollgeschrieben mit Argumenten.