Deutschlandkarte mit den Wohnorten der Teilnehmer

20.028 Teilnehmer 10.014 mögliche Gesprächspaare

Was meinen Sie? Sollte Deutschland seine Grenzen strenger kontrollieren? Können Muslime und Nichtmuslime in Deutschland gut zusammenleben? Und geht es den Deutschen heute schlechter als vor zehn Jahren?

28.000 Menschen haben in den vergangenen Wochen auf ZEIT ONLINE und bei zehn weiteren Partnermedien derlei politische Fragen beantwortet – und sich dann für unsere Aktion "Deutschland spricht" registriert. Sie alle wollen am kommenden Sonntag um 15 Uhr eine Nachbarin oder einen Nachbarn treffen, der politisch ganz ausdrücklich nicht ihrer Meinung ist – und sich einmal so richtig streiten. Von Angesicht zu Angesicht. Über mehrere Stunden.

Ein von uns entwickelter Algorithmus hat nach Abschluss der Anmeldephase möglichst viele perfekte Streitpaare ermittelt und die politischen Antipoden einander vorgestellt: Menschen, die nahe beieinander wohnen, aber möglichst viele der insgesamt sieben von uns gestellten Fragen unterschiedlich beantwortet haben. Für mehr als 20.000 konnten wir auf diesem Weg eine Gesprächspartnerin oder einen Gesprächspartner finden. (Rund 8.000 Anmeldungen waren fehlerhaft oder ungültig.)

Einig bei Donald Trump, uneinig bei autofreien Innenstädten

An welchen Orten sind die Deutschen besonders diskussionsfreudig?

So entstand ein riesiger Datensatz, den wir anonymisiert ausgewertet haben. Wer sind diese 20.000 Diskutanten? Über welche Fragen sind sie besonders uneins? Beeinflussen Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Wohnort, wie jemand geantwortet hat?

Zunächst einmal: Der Teilnehmerkreis von "Deutschland spricht" ist männlicher, westdeutscher und urbaner als der deutsche Bevölkerungsdurchschnitt. Rund 60 Prozent stammen aus Großstädten, lediglich 14 Prozent aus ländlichen Regionen. Warum, wissen wir nicht – die elf beteiligten Partnermedien von T-Online bis Tagesschau decken mit ihren Usern einen großen Teil der Onlinenutzer in Deutschland ab. Eine von vielen möglichen Erklärungen könnte sein, dass sich die Menschen in kleineren Gemeinden tendenziell schon besser kennen, mitunter auch die politischen Einstellungen ihrer Nachbarn. Das Angebot, jemanden zum politischen Zwiegespräch zu treffen, mag dann weniger attraktiv erscheinen als in einer Großstadt.

Aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kommen erwartungsgemäß auch die meisten Teilnehmenden: 3.621. Am diskussionsfreudigsten aber scheinen die Menschen im Bundesland Berlin zu sein. Von dort kommen im Länderranking die meisten Teilnehmenden pro Einwohner. Vergleicht man nur die diskussionsfreudigsten Städte, liegt wiederum das mittelgroße Heidelberg vorne.   

Ostdeutsche sind etwas unterrepräsentiert: 22 Prozent der Deutschen leben in den Ost-Bundesländern oder dem Ostteil Berlins, aber nur 16 Prozent der Teilnehmenden kommen von dort. Auch das Alter der Menschen, die bei "Deutschland spricht" mitmachen, weicht ab: Mit durchschnittlich 41,6 Jahren liegen die Teilnehmenden unter dem deutschen Durchschnittsalter von 44,3 Jahren – obwohl nur Volljährige teilnehmen konnten.

Die Streitfreudigen bei "Deutschland spricht" sind also nur begrenzt repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Dennoch haben wir uns angeschaut, worin sie übereinstimmen – und in welchen Fragen die Einstellungen drastisch auseinandergehen.

41,6  Jahre Durchschnittsalter

68,3 % Männeranteil

29,9 % Frauenanteil

0,3 Prozent haben ein anderes Geschlecht eingetragen,
1,5 Prozent haben keine Angaben gemacht

Worüber streitet "Deutschland spricht" besonders?

Einige Fragen, die wir gestellt haben, werden in der Öffentlichkeit hitzig diskutiert, etwa die Notwendigkeit von Grenzkontrollen oder die Rolle der Muslime in Deutschland. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind darüber weniger gespalten: Mehr als 70 Prozent lehnen striktere Grenzkontrollen ab; lediglich zehn Prozent finden, Donald Trump sei gut für die USA; 85 Prozent sind der Meinung, dass Muslime und Nichtmuslime in Deutschland gut zusammen können. Auf die Frage, ob es den Deutschen heute schlechter gehe als vor zehn Jahren, antworteten weniger als 20 Prozent mit Ja.

Wirklich kontrovers sind nur wenige Fragen: Dass der Fleischkonsum durch höhere Steuern teurer werden sollte, finden zwei Drittel richtig – und ein Drittel falsch. Dass Autos aus deutschen Innenstädten verbannt werden sollten, befürworten 63 Prozent der Teilnehmenden, 37 Prozent sind dagegen.

Am meisten trennt nicht Ost und West – sondern junge Frauen und alte Männer

Betrachtet man einzelne demografische Gruppen, verschiebt sich das Bild auf interessante Weise: Frauen stehen höheren Fleischsteuern weitaus offener gegenüber und lehnen striktere Grenzkontrollen eher ab. Sie bewerten außerdem Donald Trump negativer als Männer. Ältere Teilnehmer ab 65 Jahren befürworten striktere Grenzkontrollen eher als jüngere – immerhin 50 Prozent der älteren beantworteten die entsprechende Frage mit Ja. Auch sehen sie die Erfolge der Debatte zu #MeToo und sexuelle Belästigung deutlich kritischer als andere Teilnehmer.

Es gibt darüber hinaus noch versteckte Gräben, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Es zeigt sich: Sie laufen nicht so sehr entlang alter Muster, etwa zwischen Ost- und Westdeutschland. Stattdessen scheint die Kombination mehrerer demografischer Merkmale – jung oder alt, Ost oder West, Mann oder Frau, Großstädter oder Landbewohner – eine Rolle dabei zu spielen, wie weit Teilnehmer in ihren Antworten auseinanderliegen. So haben nicht Ostdeutsche eine andere Meinung als der Rest der Republik, sondern lediglich die älteren Ostdeutschen – zumindest unter den Teilnehmern von "Deutschland spricht".

Jüngere Frauen und ältere Männer antworten am unterschiedlichsten

Zwei Gruppen unter den Teilnehmern sind in ihren Einstellungen besonders weit voneinander entfernt: Ältere Männer und jüngere Frauen. Anders gesagt: Wer als älterer Mann mit jemandem sprechen will, der wirklich anders denkt, hat bei einem Gespräch mit einer jungen Frau gute Chancen – und umgekehrt.