Ostdeutschland gilt vielen als gesellschaftliches Krisengebiet, anderen auch als Avantgarde. Bis heute ist aber unklar, was eigentlich jene, die dort leben und dort ihre biografischen Erfahrungen gemacht haben, definiert und von den "Westdeutschen" unterscheidet. Dieser Frage gehen Jana Hensel und Wolfgang Engler in ihrem neuen Gesprächsband "Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein" nach, der jetzt im Aufbau-Verlag erschienen ist. Hensel schreibt Sachbücher und Romane und ist feste Autorin im Sonderressort D18 bei ZEIT ONLINE und bei DIE ZEIT im Osten. Engler ist Kultursoziologe und war bis 2017 Rektor der Schauspielschule "Ernst Busch".

Jana Hensel: Natürlich ist die Rede von "den Ostdeutschen" eine unerlaubte Verkürzung. Wir müssen uns immer klar sein, wenn wir von den Ostdeutschen sprechen, dass wir eigentlich einen Begriff benutzen, den man nicht benutzen sollte, weil er letztlich ja umso stärker unsere marginalisierte Position festigt.

Wolfgang Engler: Wir sprechen von einem Kollektiv, das es so nicht gibt.

Hensel: Dennoch gilt festzuhalten: Die ostdeutsche Gesellschaft ist heute eine auf ihre Art ausdifferenzierte Gesellschaft. Sie ist anders ausdifferenziert als die westdeutsche: weniger ökonomisch, weil sie nicht diese hohen Vermögensunterschiede kennt, weil Mann und Frau in ähnlich großen Gruppen am Arbeitsmarkt partizipieren. Aber sie ist gekennzeichnet durch sehr verschiedene biografische Prägungen. DDR-Prägungen und ostdeutsche Prägungen, die mitunter kollidierten, sich aber auch vermischten, die sich auswuchsen oder verhärteten, die in den allermeisten Fällen jedoch mehrmaligen Korrekturen und Überschreibungen, nicht zuletzt durch berufliche Neuorientierung oder auch zeitweisen Arbeitsplatzverlust, ausgesetzt worden sind.

Engler: Wir haben ein "Wir-Problem", und mit dem Titel unseres Buches Wer wir sind machen wir uns angreifbar, indem wir in Verdacht geraten, einen Stellvertreterdiskurs zu führen, für alle anderen mitzureden. Das werden wir bei allem Bemühen um Perspektivenreichtum wohl nicht gänzlich ausräumen können.

Hensel: Wir machen uns angreifbar, aber das machen wir gerne, dazu stehen wir.

Engler: Der Begriff "die Ostdeutschen" ist ja eine Nachwendeerfahrung oder -erfindung sogar. Mir fiel auf, dass es bis in die frühen Nullerjahre hinein, bis 2005/06, im Rahmen des Sozialreports jährliche Abfragen bei Ostdeutschen gab. Sie sollten sagen, mit welcher Ebene sie sich am stärksten identifizieren: Lokalität, Region, Staat/Bundesrepublik, Europa oder Ostdeutschland. Die höchste Zustimmung mit über die Jahre steigender Tendenz fand Ostdeutschland, jene Rubrik, die weder als wirtschaftliche noch als administrative noch als politische Einheit greifbar war, sondern nur mehr, wie soll man sagen, mental, kulturell. Was sich hier zeigt, ist ein Zusammenhangsgefühl, das es so zu DDR-Zeiten gar nicht gab. Es hervorzubringen kam vieles zusammen, Absturz- und Verlusterfahrungen, die nach Kompensation auf symbolischer Ebene riefen, die Außenwahrnehmung der Ostdeutschen als "Jammer-Ossis", aber auch das Bewusstsein und das vielleicht in erster Linie, dass man sich von den Westdeutschen in seinen Ansichten und Gewohnheiten, selbst den sprachlichen, in vieler Hinsicht tatsächlich unterschied.

Hensel: Also wir haben ja um die Jahrtausendwende angefangen, diese Identität zu markieren. Das hatte damit zu tun, dass wir die Verleugnung dieses ostdeutschen Idioms, wie Sie sagen würden, für eine Lüge gehalten haben.

Engler: Klar! Dieses Idiom formte sich in der Abstoßung von der DDR. Die Menschen mussten die DDR überwinden, um für sich herausfinden zu können, was an ihr, an dem Leben, das man in dieser Gesellschaft führte, als tradierbar gilt, in Würde und vielleicht sogar mit Stolz erzählbar ist. In der Konvergenz dieser persönlichen Bestandsaufnahmen formte sich das ostdeutsche Idiom. Mitunter ist beides, überwinden, das heißt verwerfen einerseits, bewahren andererseits, so ineinander verwoben, dass es zu keiner Klärung kommt. Man bejaht und verneint, verwirft, woran man zugleich hing.

Hensel: In den Neunzigerjahren wurden in Ostdeutschland fundamental andere Erfahrungen als in Westdeutschland gemacht. Damals fand, vor allem in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre, ein ökonomischer Kollaps statt, der in seiner Radikalität vor allem durch die Schnelligkeit, mit der er geschah, historisch wohl einmalig ist. Jene Zeit ist von einer ganzen Menge an extremen Erfahrungen geprägt, von Superlativen und Rekorden, die allesamt eine Abwärtsbewegung beschreiben.

Engler: Downsizing auf Ostdeutsch.

Hensel: Nirgendwo im Ostblock brach die Wirtschaft nach 1989 so stark ein wie hier, schreibt der Osteuropa-Wissenschaftler Philipp Ther in seinem Buch Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Nur Bosnien und Herzegowina weist ähnliche Zahlen auf – allerdings nach dem Jugoslawienkrieg. Ther beschreibt diesen Prozess als "eine Katastrophe, die in jedem anderen postkommunistischen Land massenhafte Proteste nach sich gezogen hätte". Stattdessen stimmten die Menschen mit den Füßen ab und gingen in den Westen. Allein 1,4 Millionen verlassen bis 1993 den Osten, eine vergleichbar hohe Wanderungsbewegung hatte es in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben. Der Journalist Uwe Müller schreibt in seinem Bestseller Supergau Deutsche Einheit: "Die Wiedervereinigung war eine politische Weltpremiere mit beispiellosen Folgen: In Ostdeutschland wütete ein demographisches Beben." War im Jahr 1989 der Anteil von jungen Menschen deutlich größer und der Anteil der über 64-Jährigen deutlich kleiner als im Westen, kehrt sich dieses Verhältnis binnen weniger Jahre um. 1994 gab es in den neuen Ländern mit 79.000 Geburten eine Geburtenrate von 0,77 Kindern je Frau. Kein Staat außer dem Vatikan hat je eine derartig niedrige Zahl registriert. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hat sich mit den Fertilitätsraten von ostdeutschen Männern in den Neunzigerjahren beschäftigt und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sie in diesen Jahren so niedrig wie zu keinem anderen gemessenen Zeitpunkt waren. Parallel dazu fand ein politischer und damit kultureller Wandel statt, der allumfassend war und nicht nur einen Elitenaustausch nach sich zog. Habe ich etwas vergessen?

Engler: Ich denke, nein. Diese Zäsur, diese politische und wirtschaftliche Umwälzung, das war schon außergewöhnlich, eine singuläre Erfahrung.

Hensel: Durch diese Prozesse – wirtschaftlicher Zusammenbruch, demografisches Beben, Abwanderung, Elitenaustausch und politischer und kultureller Systemwechsel – lässt sich die ostdeutsche Erfahrung ganz allgemein, aber doch sehr grundlegend kennzeichnen, mit den vielfältigsten Auswirkungen, die wir bis heute spüren. Aber Sie erinnern diese Zeit gewiss besser als ich.