"Ich bin aufgewacht und hab gedacht: Ich konvertiere jetzt" – Seite 1

Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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An das erste Weihnachten als Muslim erinnert sich Max Klein noch gut. Er war 17 und saß mit seiner Familie im Restaurant. Auf dem Tisch brannten Kerzen, eine Kellnerin servierte Gemüse, Hähnchen und Schweinebraten.

Max füllte sich Brokkoli und Kartoffeln auf den Teller. Das Fleisch ließ er liegen, denn der Islam verbietet es, Hühnerfleisch zu essen, das neben Schweinefleisch liegt. Seine Großmutter, erzählt Max heute, habe daraufhin auf seinen Teller geschaut, ihm die Fleischplatte rübergeschoben und gefragt: "Max, bist du jetzt eigentlich wieder normal?"

Seither haben Enkel und Großmutter nie wieder über sein Bekenntnis zum Islam gesprochen. Sie fragt nicht, und er erzählt nicht. Denn Max ist bis heute nicht geworden, was seine Großmutter normal nennt. Er glaubt noch immer an Allah, seit zweieinhalb Jahren.

Max ist heute 19 Jahre alt. Er lebt in Lüchow, einer Kleinstadt im Wendland. Als Konvertit ist er im Ort bekannt, und er will, dass man ihn auch als solchen erkennt. Wann immer er das Haus verlässt, bedeckt er sein kurz geschorenes rötliches Haar mit einer Gebetskappe. An manchen Tagen hüllt er sich ganz in weiße Leinenkleider. Begrüßt er eine Frau, gibt er ihr nicht die Hand, sondern legt sie auf seine linke Brust und verbeugt sich. Das andere Geschlecht soll unberührt bleiben – so sei es Sitte im Islam, sagt Max.

Er hat sich entschieden, zu zeigen, was er glaubt. Und er will darüber sprechen, auch mit Journalisten. Er verwendet dabei oft die Wörter "Glück" und "Zufriedenheit". Und er spricht vom Glauben "mit ganzem Herzen" und einem "Leben für Allah". Er sagt Sätze wie: "Als Muslim bin ich zufriedener, glücklicher." Und: "Alles, was Schlechtes passiert ist, hat etwas Gutes nach sich gezogen." 

Sein Leben hat jetzt feste Regeln

Es ist die Seite seiner Geschichte, über die Max am liebsten spricht, die er ausschmückt und manchmal überhöht zu einer Heilsgeschichte. Doch wie in allen Geschichten gibt es eine andere Seite.

Sie handelt von verlorenen Freunden. Von einer Oma, die ihren Enkel nicht mehr normal findet. Und von dem Gefühl, als Muslim gemieden zu werden. Max spricht auch darüber. "Denn ein Muslim darf nicht lügen", sagt er. Und doch kommt er am Ende immer wieder zu der Geschichte vom glücklichen Konvertiten zurück. Er sagt: "Ich habe als Muslim zwar viel verloren, aber noch viel mehr gewonnen."   

Max sitzt im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerboden. Während er spricht, schließt er für einen Moment die Augen. "Wie soll ich das am besten beschreiben?" Das Leben, sagt Max, fühle sich als Muslim ganz anders an: fester, stärker. Er bete jetzt fünfmal am Tag, gehe jeden Abend in die Moschee, verzichte auf Alkohol und Sex. "Ich lerne jetzt Arabisch und studiere den Koran." Endlich habe sein Leben feste Regeln. Die Gebete, sagt er mit leiser Stimme, seien "Momente, in denen ich wirklich glücklich bin".

Glück gab es auch in seinem alten Leben. Schön war die Kindheit, sagt Max. Sein Onkel lehrte ihn das Fährtenlesen und wie man ein Feuer ohne Feuerzeug macht. Er schloss Ponys in sein Herz, zapfte Bier beim Dorffest und träumte davon, eines Tages Polizist zu werden wie sein Vater. Wie andere Jugendliche im Ort begann er, Bier und Schnaps zu trinken und Marihuana zu rauchen. Irgendwann hatte er seine erste Freundin und das erste Mal Sex. "Eine fast normale Jugend im Wendland eben", sagt Max.

Und doch war etwas anders. Er nennt es das "schwarze Loch". Max weiß nicht, wo er herkommt. Als Baby haben ihn seine Eltern adoptiert. Als er sechs Jahre alt war, erzählten sie ihm davon. "Damals hab ich’s nicht verstanden", sagt Max. Doch das Gefühl, dass da "irgendwas fehlt", habe ihn nicht mehr losgelassen. Mit 16 begann er, nach seiner leiblichen Mutter zu suchen. Was daraus wurde, darüber will er nicht sprechen. Nur, dass er seine Schwestern kennengelernt habe, erzählt er. Und dass das Treffen gut für ihn gewesen sei.

Wenn Max davon erzählt, lässt er sich seine Gefühle nicht anmerken. Manchmal wirkt es so, als berichte er nicht über sein eigenes Leben, sondern über das eines Fremden. Er sagt: "Im Islam geht es darum, sich selbst zu kontrollieren." Fragt man ihn, ob das "schwarze Loch" ein Grund sein könnte für sein Bekenntnis zum Islam, winkt er ab: "Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal."

Für die Mutter war es ein Schock

Vorbereitungen zum Gebet © Hans-Jürgen Wege

Sein Weg zum Islam beginnt im September 2015, vor dem Tor der Lüchower Flüchtlingsunterkunft. Max hatte dort geklopft, um seine Hilfe anzubieten. Zwei Tage zuvor waren die ersten Flüchtlinge in Lüchow angekommen. Bis die letzten das Camp wieder verließen, sei er fast täglich dort gewesen, sagt er. Er habe Betten gemacht und Zimmer geputzt, die Camp-Bewohner zum Arzt und die Kinder zum Spielplatz begleitet. Abends hätten sie oft zusammengesessen, Tee getrunken, über den Krieg geredet und die Flucht, das Heimweh, die Familie und den Glauben. Und dann sei da diese Frage gefallen, die alles verändert habe. "Du hilfst so viel", habe eine Englischlehrerin aus dem Libanon zu ihm gesagt. "Warum hast du keinen Gott?"

Warum habe ich keinen Gott? Max sagt, dass er sich diese Frage nie gestellt hatte. Den christlichen Gott, den er kannte, habe er nie gemocht, mit der Kirche habe er nichts anfangen können. Doch nach jedem Abend im Camp habe er zugehört, wenn die Flüchtlinge vom Islam erzählten. Er habe sie beim Beten beobachtet und sich dabei immer häufiger die Frage gestellt, wie das wohl wäre: ein Leben mit Allah.

Yafer, der Helfer

"Irgendwann bin ich dann morgens aufgewacht und hab gedacht: Ich konvertiere jetzt." Es sei ein Freitag im Frühling 2016 gewesen, er habe sich an den Computer gesetzt und gegoogelt, wie man Muslim wird. Danach habe er sich angezogen und sei mit dem Fahrrad zu dem Hinterhofgebäude gefahren, das die islamische Gemeinde als Moschee nutzte. Dort habe er sich dem Imam vorgestellt und erklärt, dass er jetzt Muslim sein wolle. Seinen neuen Namen hatte er sich im Internet schon ausgesucht: Yafer, der Helfer.

Warum er sich ausgerechnet an diesem Tag entschieden hatte, kann Max nicht erklären. "War ’n kurzfristiger Beschluss", sagt er, "ich bin ein recht spontaner Mensch." Auch an das Gefühl erinnert er sich nicht, als er sich neben dem Imam vor die Gemeinde stellte und die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, aufsagte. "Ich glaub", sagt er, "ich hab nichts gespürt." Viele in der Moschee hätten Videos von dem Moment gedreht und die Aufnahmen ins Internet gestellt, noch bevor er das Gebäude verlassen habe. Max veröffentlichte das islamische Glaubensbekenntnis noch am selben Nachmittag auf seinem Facebook-Profil. 

Nur ein paar Minuten später entdeckte seine Mutter die Botschaft. Sie war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte auf ihrem Handy die Facebook-App aufgerufen. Ganz oben in ihrer Timeline habe das arabische Glaubensbekenntnis von Max gestanden. Ein Schock sei das gewesen, sagt sie heute. "Ich war wütend. Und ich hatte Angst, dass er an die Falschen gerät, sich verführen lässt von irgendwelchen Radikalen." Als er nach Hause gekommen und die Wohnungstür aufgeschlossen habe, habe sie ihm ihre Angst entgegengeschrien.

Max sagt heute, dass er früher mit seiner Mutter hätte reden sollen. Über seine Gedanken und Zweifel und seinen Wunsch, Muslim zu werden. Damals sei er einfach nur wütend gewesen.  

Max und seine Mutter lebten zu dem Zeitpunkt seit wenigen Monaten allein in einem Wohnblock am Lüchower Stadtrand. Nach der Trennung seiner Eltern 2015 hatten sie Abschied nehmen müssen von dem Haus, in dem Max groß geworden war, von dem Garten und dem dahinterliegenden Wald, den er so liebte. Nun teilten sich Mutter und Sohn drei Zimmer, Küche, Bad und stritten noch häufiger, als sie es ohnehin taten. Vor allem nach jenem Abend. "Reden war da verdammt schwer", sagt Max, "vor allem am Anfang, da knallten schon mal Türen."

In Max‘ Version der Geschichte hat seine Mutter danach über Wochen nur noch Schwein gekocht. "Das war ihr Protest gegen meine Entscheidung." Sie erinnert sich anders. Höchstens zwei, drei Mal habe sie eine Wurst aus Schweinefleisch mitgebracht. "Und das auch nicht aus Protest", sagt sie, "sondern weil er es früher gerne gegessen hat und ich seine neuen Essensregeln noch nicht auf dem Schirm hatte."

Sie sitzt auf der Terrasse der Siedlung und steckt sich eine Zigarette an. Max ist gerade nicht da, als sie fragt: "Was soll man dazu sagen, wenn der Sohn mit 17 zum Islam konvertiert?" Sie sei nicht gegen den Glauben gewesen. Nur Angst habe sie um ihn gehabt, verdammt große Angst. "Max ist doch noch ein Kind. Auch jetzt noch."

Max konnte mit der Angst der Mutter nur wenig anfangen. Er fühlte sich nicht als Kind und war überzeugt, im Kopf schon immer weiter gewesen zu sein als andere in seinem Alter. Wenn sie ihn ansprach, sei er oft wütend geworden, sagt sie. "Es ist nicht einfach mit Max, wenn er wütend wird." 

Mit den Freunden sei es damals einfacher gewesen, sagt Max. Er habe ihnen erklärt, dass er nun Muslim sei. Dass er keinen Alkohol mehr trinken und keine Party mehr machen würde. Sie hätten genickt, keine Fragen gestellt, dafür irgendwann kommentarlos den Kontakt abgebrochen. Geblieben, sagt Max, sei ihm heute keiner der alten Freunde. Er habe aber auch nicht um sie gekämpft.

Auch im Wendland gibt es Vorbehalte

Lieber bete er, "dass auch sie auf den rechten Weg finden". Max betet auch für seinen Vater. Und für seine Großmutter. Denn Allah, sagt er, sei der eine und einzige Gott. Das klingt extrem, doch Max hält sich nicht für einen Extremisten. Im Gegenteil: "Wenn ich erfahre, dass sich jemand radikalisiert, melde ich das der Polizei."

Sich selbst bezeichnet Max als Verfechter eines modernen Islam. "Ein Islam, der sich aber trotzdem nach dem Koran richtet", sagt er. Für sein Leben bedeutet das: Er fastet auch bei 30 Grad Hitze und spült sich den Mund mit Kokosfett aus, um den Durst besser zu ertragen. Er isst nur Lebensmittel, die halal, also nach den Regeln des Islam erlaubt sind. Er wäscht sich Hände, Füße, Unterarme und Gesicht, bevor er die Moschee betritt. Er interessiert sich nur noch für Frauen mit Kopftuch. Und das auch nur dann, wenn ihre Eltern einverstanden sind.

Bald will er heiraten

Und natürlich betet der 19-Jährige. Mindestens fünfmal am Tag, zu den festgelegten Gebetszeiten: "Das ist meine Pflicht als Muslim", sagt er. Max betet auch nachts. Und er betet täglich bei der Arbeit.

Nach drei abgebrochenen Ausbildungen lernt er mittlerweile im zweiten Jahr Zahnarzthelfer. "Mein Chef hat mir sogar eine kleine Ecke zum Beten eingerichtet." Max ist überzeugt, das wäre nicht in jeder Kleinstadt so. "Doch ich leb in Lüchow-Dannenberg", sagt er, "das ist mein Glück." Dort, wo die Menschen gegen Atomkraft auf die Straße gehen, wo seit Jahrzehnten Künstler und Intellektuelle eine neue Heimat finden, sei er als Neu-Muslim nur ein Exot von vielen. "Das ist einfach alles linker hier, offener, toleranter."

Die App Muslim Pro erinnert ihn daran, wann er beten muss und wo Mekka liegt. © Hans-Jürgen Wege

Und trotzdem gibt es auch im Wendland Vorbehalte. Sorgen, dass sich Max, der Konvertit, eines Tages als Terrorist enttarnen könnte. Er spüre das, sagt Max, und manchmal würden ihm das auch Leute im Bus oder auf der Straße ins Gesicht sagen. "Wir Muslime sind nicht unter der Lupe, sondern unterm Mikroskop." Max versucht, dagegenzuhalten, indem er sich auf seinem Facebook-Profil zu Organisationen wie Muslims against ISIS bekennt. Er erklärt, dass an der Unterdrückung von Frauen nicht der islamische Glauben schuld sei, sondern die Traditionen und Riten. Dass Gewalt auch im Islam nur das allerletzte Mittel sei, um das Leben seiner Liebsten zu retten.

Inzwischen kann Max auch mit seiner Mutter über diese Dinge sprechen. Und sie mit ihm. Sie erzählt, dass sie irgendwann mit anderen Muslimen über Max gesprochen habe, mit Vertrauten, die sie kannte, weil sie ebenfalls im Flüchtlingscamp geholfen hatte. "Die haben mir versprochen, auf ihn aufzupassen." Diesen Satz spricht sie leise, damit die Nachbarn nicht mithören. "Das hat mich zumindest beruhigt." Verschwunden sei die Angst um ihn nicht. "Aber ich habe gelernt, ihm zu vertrauen."

Nach zweieinhalb Jahren als Muslim sagt Max, dass er sich ein Leben ohne Allah nicht mehr vorstellen könne. Die Moschee, die Gemeinde, die gemeinsamen Abende. "Das ist wie Familie." Hier habe er neue Freunde gefunden, Menschen, bei denen er sich zu Hause fühle. Nach dem Gebet säßen sie abends oft zusammen. Mit dem Sheikh der Gemeinde, dem Gelehrten, treffe er sich zum Lernen, "er bringt mir Arabisch bei und wir studieren den Koran". Mit einem anderen Konvertiten fahre er zu Demonstrationen gegen Nazis und Islamhass, "außerdem bilden wir uns über alternative Medizin weiter". Denn das Erlangen von Wissen, sagt Max, sei die Pflicht jedes Muslims.

Und dann seien da noch die Regeln, die er so schätze, weil sie ihm Halt im Leben geben, die Handy-App Muslim Pro, die ihn durch den Alltag lotst. Sie erinnert ihn daran, wann er beten muss und wo Mekka liegt, wann er das Fastenbrechen vollziehen darf und wo die nächste Moschee ist.

Max hat sein Glück im Islam gefunden. Das ist die Geschichte, die er sich und anderen erzählt. Und an die inzwischen auch seine Mutter glaubt. "Die Gemeinschaft tut ihm gut, das ist anders als bei uns Deutschen", sagt sie. Dass er in fünf Jahren wieder das ist, was seine Großmutter normal nennt, daran glaubt sie nicht. "Das ist sein Ding", sagt sie, "und wenn Max etwas will, dann bleibt er dabei."

Max selbst träumt davon, bald zu heiraten. Eine Muslima. "Dabei geht es mir nicht um Sex", sagt er, "ich möchte jemanden, um den ich mich kümmern kann." Er schweigt für einen Moment. Und dann sagt er einen Satz, der so völlig anders ist als all seine anderen Sätze: "Ohne diesen Menschen bin ich nicht glücklich."