Auf dem kleinen Wochenmarkt vor dem Alten Rathaus ist Chemnitz am frühen Montagnachmittag noch unter sich. Es ist ein altes Chemnitz: beige Kleidung, hängende Schultern, graue Haare.

Ein Ehepaar im Rentenalter bleibt vor einem Stand, an dem Honig verkauft wird, stehen, um einen Bekannten zu begrüßen.

Er fragt: "Geht ihr zum Konzert?"

"Nee."

"Zur Demo?"

"Nee."

Der Bekannte mit Weste und gelbem Anglerhut grinst. Dann wirft er die Hände über den Kopf. "Ja sind die denn blöde, jetzt noch ein Konzert zu veranstalten, nach all dem Rabatz?"

Mit "all dem Rabatz" meint er die Demonstrationen und rechtsradikalen Ausschreitungen der vergangenen Woche, nachdem auf dem Chemnitzer Stadtfest ein 35-jähriger Deutsch-Kubaner erstochen worden war.

Weil diese rechtsradikalen Ausschreitungen – es wurden Hitlergrüße gezeigt, Menschen gejagt und Journalisten angegriffen – so heftig und erschreckend gewesen waren, hatten sich in der vergangenen Woche auf Initiative der Chemnitzer Musikgruppe Kraftklub sieben Künstler zusammengeschlossen und für Montag ein kostenloses Konzert unter dem Motto #wirsindmehr organisiert.

Nur wenige hundert Meter weiter, ausgerechnet auf der Straße der Nationen, lösen plötzlich Hunderte aufgeregte Jugendliche und Mittzwanziger dieses alte Chemnitz auf der Straße ab. Sie sitzen und stehen in kleinen Gruppen vor der Stadthalle. Hinter ihnen ein Eiscreme-Truck und Stände von Initiativen und Vereinen gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Aus den Boxen dröhnt Reggae. Die Stimmung erinnert an Festivals und Klassenfahrten.

Zwei blonde Abiturientinnen in Jeans und weißem T-Shirt sind mit Mamas Auto von Bremen nach Chemnitz gefahren, um ein Zeichen gegen rechts zu setzen. Und um den Rapper Trettmann zu sehen. Neben ihnen sitzen Studenten aus Berlin. Ein junger Mann mit schwarzem Basecap und in grauer Röhrenjeans sagt: "Man muss aufhören, zu jammern und nur in der eigenen Blase zu diskutieren. Man muss auf die Straße gehen." Das erste Bier wird getrunken. Der erste Joint gebaut.

"Deutschland hat nicht von seiner Geschichte gelernt"

In der Stadthalle findet gerade die Pressekonferenz für #wirdsindmehr statt. Auf der Bühne sitzen Trettmann, Felix Brummer von Kraftklub, der Rapper Marteria, Campino von den Toten Hosen, Jan "Monchi" Gorkow von Feine Sahne Fischfilet und Rola Saleh von Jugendliche ohne Grenzen. Nura von SXTN und K.I.Z, die ebenfalls auftreten werden, fehlen noch.

Ein Großteil dieser Musiker ist in Ostdeutschland aufgewachsen. Sie kennen das, was in Chemnitz passiert ist, aus ihrer Kindheit und Jugend. Marteria kommt aus Rostock-Lichtenhagen. Er war zehn Jahre alt, als 1992 die Molotowcocktails in das Sonnenblumenhaus flogen. "Ich saß mit meiner Mutter und meiner Schwester weinend im Wohnzimmer." Chemnitz heute erinnert ihn an dieses gestern.

Rola Saleh von Jugendliche ohne Grenzen, einer Initiative von jungen Geflüchteten, findet die deutlichsten Worte: "Deutschland hat nicht von seiner Geschichte gelernt." Sie macht die Politiker für die rechtsextremen Ausschreitungen in der vergangenen Woche mitverantwortlich. Sie würden verharmlosen und den rechten Bewegungen in die Hände spielen, indem sie das Asylrecht immer weiter aushöhlten. Etwas weniger elegant formuliert es Jan "Monchi" Gorkow von Feine Sahne Fischfilet. "Die Scheiße hier in Sachsen muss man ansprechen und sich den Nazis in den Weg stellen."

Noch vor Konzertbeginn gehen die Musiker und die Veranstalter von etwa 20.000 Besuchern und Besucherinnen aus, die ein Zeichen gegen rechts setzen wollen. Das ist viel. Niemand ahnt, dass es am Ende nach Polizeiangaben 65.000 Menschen sein werden.