Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hätte in der dramatischen Freitagnacht des 4. September 2015, als Angela Merkel Tausenden in Budapest festsitzenden Flüchtlingen die Einreise und ein Asylverfahren in Deutschland ermöglichte, genauso gehandelt wie die Kanzlerin. In der neuen Ausgabe unseres Interviewpodcasts Alles gesagt? antwortet Lindner auf die Frage, ob er damals wie Merkel das Dublin-Verfahren ausgesetzt hätte, mit "Ja". Auch auf die Frage, ob dieses Handeln ein humanitärer Schritt gewesen sei, sagt er: "So ist es." Das sei "richtig und vertretbar" gewesen. "Aber am Montag hätte man sagen müssen: Ab jetzt gelten die alten Dublin-Regeln."

Mehr als drei Stunden spricht Christian Lindner in Alles gesagt? über Migration und Klimawandel, über die Lehren aus der Bayern-Wahl, über die Gründe für das Scheitern von Jamaika und mögliche FDP-Koalitionen nach der nächsten Bundestagswahl, über den Philosophen Peter Sloterdijk und Star Wars, über seine Jugend in Wermelskirchen – und Currywurst. Die Interviews des potenziell unendlichen Podcasts Alles gesagt? von ZEITmagazin-Chefredakteur Christoph Amend und ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner folgen einer besonderen Regel: Das Gespräch endet erst dann, wenn der Gast es für beendet erklärt. Lindner sprach drei Stunden und 18 Minuten.

Christian Lindner, der Angela Merkel 2015 für ihre Flüchtlingspolitik früh kritisiert hatte, äußerte Verständnis für die ursprüngliche Entscheidung der Kanzlerin: "Es wird ja immer gesagt, Frau Merkel habe rechtswidrig gehandelt – hat sie nicht. Die Dublin-Verträge lassen zu, dass ein Land souverän entscheidet, wir treten ein in die Verpflichtung eines anderen Mitglieds der Europäischen Union. Und das machen wir aus humanitären Gründen an diesem Wochenende, weil wir die Zustände, die wir dort am Bahnhof sehen, nicht zulassen können. Das halte ich für richtig und vertretbar." Allerdings kritisiert Lindner, dass die Regelung zu lange Bestand hatte: "Aber am Montag hätte man sagen müssen: Ab jetzt gelten die alten Dublin-Regeln. Wir weisen ab jetzt wieder an der deutschen Grenze Asylbewerber aus europäischen Nachbarstaaten ab." Seine grundsätzliche Kritik an Angela Merkels Flüchtlingspolitik erneuert er: "Der Weg Merkel ist nach drei Jahren gescheitert."

Auch über sein Leben und seine öffentliche Rolle spricht Christian Lindner im Podcast. Als Jugendlicher sei er bekanntermaßen stark übergewichtig gewesen. Die heutige Berichterstattung mancher Medien über sein vorsichtiges Essverhalten missbilligt er: "Wenn man wie ich mal in der Jugendzeit sehr schwer, sehr fett war und das weghungert, dann muss man natürlich aufs Essen achten. Und ich finde es schon ein bisschen mies von Journalisten, auf solche körperlichen Probleme fortwährend zurückzukommen. Ich finde das persönlich übergriffig. Warum esse ich keine Pommes? Weil ich als Pubertierender so fett war, dass natürlich das Körpergedächtnis auch eines 40-Jährigen sich daran erinnert und man schneller zunimmt."

Über seinen Charakter sagt der FDP-Chef im Podcast: "Ich kann mich nicht davon freimachen, dass ich mitunter eine gewisse Aggressivität habe." Er begreife Politik nicht als Schreibtischjob, "deshalb bin ich manchmal auch überscharf und aggressiv. Weiß ich ja auch. Ich bin nicht immer so entspannt und elegant und cremig." Er wolle sich das nicht abtrainieren: "Das gehört auch zu mir."

Die neue Ausgabe des Podcast Alles gesagt? ist direkt auf ZEIT ONLINE und auch über die meisten Audioplattformen wie iTunes und Spotify abrufbar.

Hier ein Inhaltsverzeichnis des Gesprächs mit Christian Lindner mit Minutenangaben:

  • 0:09 Christian Lindners Blick auf den Journalismus
  • 0:10 Es gibt Mosel-Riesling
  • 0:13 Wer wählt heute FDP?
  • 0:16 In Bayern bleibt nicht alles gleich
  • 0:21 Der Untergang von 2013
  • 0:23 Lindners 360-Grad-Liberalismus
  • 0:28 Es gibt Currywurst
  • 0:32 Sein erster Porsche
  • 0:53 Der Relaunch der Partei – und der Trick mit der Farbe
  • 0:56 Wahlkampfbilder im durchgeschwitzten T-Shirt
  • 0:58 Das Leben nach dem Tod
  • 0:59 Der Star-Wars-Experte Lindner
  • 1:05 Kein Ziel, kein Vertrauen, keine Führung, kein Jamaika
  • 1:14 Bei den Klimazielen sind sie alle gleich
  • 1:18 Als Merkel ihm sagte, sie werde verhindern, dass er das Land in Brand setze
  • 1:29 Über Selbstzweifel
  • 1:31 Wenn in der Politik rhetorische Kugeln fliegen
  • 1:32 Marmorkuchen oder Schichtkuchen
  • 1:38 Die Flüchtlingskrise
  • 1:39 Die AfD
  • 1:41 Geisterfahrer in Europa
  • 1:42 Die Flüchtlingskrise, Teil zwei
  • 1:47 Der Weg Merkel
  • 1:49 Seine Vision für den Planeten
  • 1:54 Lindner hat keine Vorbilder
  • 1:55 Über Genscher und Lambsdorff
  • 2:01 Das Wesen des Liberalismus
  • 2:07 Das Gegenbild des Liberalismus
  • 2:13 Gewichtsprobleme in der Jugend und die Medien von heute
  • 2:16 Das legendäre Gespräch zwischen Franz Josef Strauß und Günter Gaus
  • 2:19 Ein Spiel mit 26 Fragen: A oder B oder weiter
  • 2:24 Warum Drive einer seiner Lieblingsfilme ist
  • 2:28 Merkel oder Merkel?
  • 2:30 Das Telefongespräch mit Peter Sloterdijk und eine spontane Lesung aus dem Werk des Philosophen über "den Arsch"
  • 2:37 Die ideale Bundesregierung
  • 2:39 Erst Zivildienst …
  • 2:41 … dann Bundeswehr
  • 2:49 Aggressivität gehört zu Lindner
  • 2:51 Lindner porträtiert Lindner
  • 2:54 Über politisches Leben
  • 2:58 Das Kapitel Jürgen W. Möllemann
  • 3:07 Als Guido Westerwelle an einem Sonntag anrief

Alle weiteren Folgen von "Alles gesagt? – Der unendliche Interviewpodcast" finden Sie hier. Ungefähr alle vier Wochen veröffentlichen wir ein neues Gespräch.

Wen sollen wir noch unendlich lange befragen? Schreiben Sie uns gerne an allesgesagt@zeit.de.