Für die Großdemo am Hambacher Forst hat Bernd Junge sein bestes Hemd aus dem Schrank gekramt. Am frühen Samstagmorgen hat er sich aus dem Saarland auf den Weg ins Braunkohlerevier zwischen Köln und Aachen gemacht. "Im Büro trage ich immer Pullover, aber heute ist mir wichtig zu zeigen, dass hier nicht nur Ökos auf die Straße gehen, sondern ganz normale Menschen", sagt Junge und zupft sich das weiß-blau gestreifte Textil zurecht.

Schon aus der Ferne sieht der 45 Jahre alte Bauingenieur die riesige Staubwolke, die sich am Rande des Hambacher Forsts über den vertrockneten Acker gelegt hat, den ein Landwirt den Veranstaltern zur Verfügung gestellt hat. Auf dem Platz herrscht Volksfeststimmung. "RWE verliert. Hambi bleibt", ruft ein Redner von der aufgebauten Bühne. Die Demonstrantinnen und Demonstranten werfen die Arme in die Luft und jubeln.

An zahlreichen Ständen, die mit Holzlatten notdürftig zusammengenagelt wurden, verteilen Umweltschutzorganisationen Demoschilder mit Anti-Braunkohle-Slogans. Eine Samba-Truppe aus Koblenz trommelt Gute-Laune-Rhythmen, Krisenpianist Davide Martello spielt an seinem schwarzen Flügel Imagine von John Lennon. Der süddeutsche Straßenmusiker mit italienischen Wurzeln hat schon während der blutigen Proteste gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan am Taksim-Platz in Istanbul und in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gespielt. Um auch aus der Luft gesehen zu werden, haben die Demonstranten eine riesige, kreisrunde Plane ausgerollt. "We will end coal", steht darauf geschrieben.

Hambacher Forst - Proteste für Kohleausstieg Zehntausende haben gegen eine Abholzung des Hambacher Forstes für den Kohleabbau demonstriert. Am Freitag stoppte ein Gericht in Münster die Rodung des Waldes vorläufig. © Foto: Michael Gottschalk/Getty

Solidarität aus den Nachbarländern

Mehrere Hundert Reisebusse aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch aus Polen, Tschechien, Holland und Frankreich säumen die Straßen. 25.000 Menschen haben die verantwortlichen Umweltverbände erwartet, etwa 50.000 Menschen sollen an diesem sonnengetränkten Herbsttag gekommen sein: Psychologinnen, Hausverwalter, Gastronomen, Arbeiter, Filmemacher, Studentinnen, Landwirte, Eltern mit ihren Kindern und auch solche, die einfach dabei sein wollen an diesem 6. Oktober 2018, den die Veranstalter als mögliche Zäsur in der Klimapolitik feiern. "Das hier ist die Mitte der Gesellschaft", sagt Bauingenieur Junge. Er ist bewegt von den Massen, die über Stunden mit bunten Fahnen und selbst gebastelten Schildern von den Zufahrtsstraßen und den überlasteten Bahnhöfen zum Kundgebungsgelände laufen.

Dabei herrschte am Freitagmorgen noch Tristesse aufseiten der Aktivisten. Die Polizei hatte die letzten Baumhäuser im umkämpften Waldgebiet geräumt. RWE hatte damit begonnen, den Forst mit Gräben und Mauern einzufrieden, um Mitte Oktober mit der geplanten Rodung zu beginnen. Obendrein hatte die Aachener Polizei die lange angekündigte Großdemo wegen eines fehlenden Sicherheitskonzepts verboten. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Am späten Freitagvormittag verschickte das Oberverwaltungsgericht Münster ein Urteil, das sowohl Braunkohlegegner als auch RWE überraschte. Die Richter verhängten nach Beschwerde des BUND per Eilbeschluss ein vorübergehendes Rodungsverbot, weil der Energiekonzern nicht überzeugend habe belegen können, dass die Abholzung für die Energieversorgung wirklich notwendig sei. Kurz darauf kippte auch noch das Verwaltungsgericht Aachen das Demonstrationsverbot.

Die Justiz hatte den Konzern in die Schranken gewiesen und die schwarz-gelbe Landesregierung blamiert, die mit einem für Nordrhein-Westfalen historischen Großaufgebot der Polizei ein paar Dutzend Baumbewohner vertreiben ließ. Die RWE-Aktie stürzte in der Spitze um 8,5 Prozent ab, das Unternehmen sah sich genötigt, eine Ad-hoc-Meldung an die Anleger zu verschicken. Der Rodungsstopp könne aufgrund der Rechtsunsicherheit noch bis 2020 andauern, warnte RWE, pro Jahr drohe ein wirtschaftlicher Schaden im dreistelligen Millionenbereich. Die Zukunft von 4.500 Mitarbeitern stehe auf dem Spiel. Bei den Braunkohlegegnern hingegen brach Partystimmung aus.

"Die Politik wird aufpassen müssen, wie sie in Zukunft handelt"

Beseelt steht nun Hubert Weiger vor dem Infopoint des BUND. Der Bundesvorsitzende des Umweltverbands ist begeistert von der Stimmung, die von einer neuen Umweltbewegung künde. "Es ist eine neue Bewegung, die von der Jugend dominiert wird und die nicht gewillt ist, weiter hinzunehmen, wie ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird", sagt er. "Das ist ein großes Zeichen, auch an die Demokratie."

Die Demo am Hambacher Forst soll der Beginn von etwas Größerem sein, da sind sich die Menschen hier einig. Es gehe nicht mehr allein um die Energiewende, sondern vielmehr um das Bedürfnis der Menschen nach Wiederbelebung einer träge gewordenen Demokratie. "Ob dieses kleine Stück Wald nun bleibt oder nicht, ist mir eigentlich nicht so wichtig", sagt Demonstrant Junge. "Ich bin gekommen, um zu zeigen, dass ich es nicht mehr hinnehmen will, dass Konzerne für die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen das Geschehen diktieren und die Politik sie gegen den mehrheitlichen Willen des Volkes dabei unterstützt." Die Autohersteller und der Dieselskandal, RWE und der Hambacher Forst, all das seien die jüngsten Beispiele dafür, wie die Politik an den Menschen vorbeiregiere und den Radikalen auf diese Weise die Wähler in die Arme treibe. "So kann es doch nicht weitergehen."

Das sieht auch Antje Grothus so, die eines der Gesichter des Protests um den Hambacher Forsts geworden ist. Die Mitgründerin der Bürgerinitiative Buirer für Buir wirft NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) vor, er habe sich "am Gängelband der Industrie durch die Manege" ziehen lassen. "Die Politiker scheinen gar nicht mehr zu sehen, was sie da eigentlich mit dem Demokratieempfinden der Bürger anrichten", sagt Grothus. Sie wohnt nicht weit entfernt vom Wald, der jahrelange Kampf für den Erhalt der Bäume hat ihr einen Platz in der Braunkohlekommission beschert. Für die Debatte im Gremium, das von der Bundesregierung eingerichtet wurde und Ende des Jahres ein Konzept zum Kohleausstieg präsentieren soll, erhofft sie sich nun mehr Ruhe. "Das Rodungsverbot verschafft uns eine wichtige Atempause. Wir sollten uns darauf konzentrieren, ganz sachorientiert gute Lösungen zu finden und zu schauen, wie wir unsere Klimaziele bis 2020 noch erreichen können."

Polizei zieht positive Bilanz

Mit Schlapphut und Rucksack ist Jürgen Nordieker zum Forst gekommen. Er ist mit Frau und Enkelin aus Bielefeld angereist. Ursprünglich waren für ihre Gruppe nur zwei Reisebusse geplant, am Ende transportierte der Teutoburger Express für 15 Euro pro Person 220 Menschen in vier Bussen zum Hambacher Forst. "Ich habe das Gefühl, dass es für die Bevölkerung an der Zeit ist, die Stimme dagegen zu erheben, dass Konzerne unsere Natur zerstören", sagt der 73 Jahre alte pensionierte Sozialarbeiter. "Was die Baumbewohner hier geleistet haben, ist beeindruckend. Sie haben ein großes Opfer gebracht. Wir müssen ihnen dankbar sein."

Nordieker ist ein Demoveteran. Brokdorf, Gorleben, Antirüstungsdemos in Bonn, überall sei er dabei gewesen. Er fühle sich heute an die alte Zeit erinnert, mit einem gewichtigen Unterschied. "Es gibt keine Militanz, es ist ein friedlicher Protest." Am Nachmittag allerdings dringen etwa einhundert Demonstranten in den Tagebau ein. RWE teilt mit, man habe zwischenzeitlich drei Bagger stilllegen müssen. Dennoch zieht die Polizei eine positive Bilanz: Die Demonstranten hätten sich vorbildlich verhalten.

Nordieker ist überzeugt, dass der Protest am Hambacher Forst auch die ersten Reihen beeindrucken wird. "Das hier ist sehr kraftvoll", sagt er auf dem Rückweg zum Reisebus und trinkt zur Erfrischung einen Schluck Kölsch aus der Flasche. "Die Politik wird aufpassen müssen, wie sie in Zukunft handelt. Und wir dürfen nicht schlafen."