Am vergangenen Samstag trafen sich bei "Österreich spricht" rund 6.000 Menschen mit einem Nachbarn, der politisch anders denkt. Die Aktion ist die österreichische Variante der Aktion "Deutschland spricht",  bei der sich am 23. September rund 8.000 Menschen überall in Deutschland zum politischen Zwiegespräch trafen. Bei "Österreich spricht" kam die Plattform "My Country Talks" zum Einsatz, die ZEIT ONLINE gemeinsam mit internationalen Medienpartnern entwickelt hat und die es Medienhäusern weltweit ermöglichen soll, ihre Leserinnen und Leser in kontroverse Gespräche mit Andersdenkenden zu vermitteln. Schon bald finden mithilfe der Plattform Aktionen in Norwegen, Italien und der Schweiz statt. Unsere Autorin hatte sich ebenfalls in Österreich angemeldet. Hier schreibt sie, wie ihr Gespräch war.

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Als ich das Café Jelinek im sechsten Wiener Bezirk betrete, merke ich, wie nervös ich bin. Das Jelinek ist eingerichtet wie so viele Caféhäuser in Wien: vergilbte Tapeten, marmorne Tische, gemischtes Publikum. Niemand fällt hier auf, auch ich nicht. Ich setze mich an einen Tisch am Fenster und warte auf den Mann, der die Welt ganz anders zu sehen scheint als ich.

K., 75 Jahre alt, von Beruf pensionierter Diplomingenieur. Verbringt seine Freizeit mit Gartenarbeit, Bergsteigen und Fitness. Mag klassische Musik und fürchtet sich vor "der im Gange befindlichen Kolonialisierung Europas".

So stand es über K. in einer E-Mail, die mir der Der Standard geschickt hat, jene Zeitung, die Österreich spricht organisiert hat. Ein Algorithmus hatte ihn und mich zusammengebracht, weil wir auf sechs politische Ja-Nein-Fragen sehr unterschiedlich geantwortet hatten. Nun sollen wir uns persönlich treffen und debattieren, das ist die Idee von Österreich spricht.

Aus der E-Mail des Standards weiß ich auch, wie K. auf die politischen Fragen geantwortet hat. Österreichs Koalition aus konservativer ÖVP und rechtskonservativer FPÖ attestiert er, "gute Arbeit für die Zukunft des Landes" zu leisten. Den Islam hält er mit den europäischen Werten für unvereinbar. Er fände es richtig, wenn Europa seine Außengrenzen schließen würde. Fleisch aus Massentierhaltung hält er für ethisch und ökologisch vertretbar. K. ist außerdem der Ansicht, dass in Restaurants in Österreich weiter geraucht werden sollte. In allen Fragen bin ich anderer Meinung.

Ohne K. weiter zu kennen, merke ich, wie ich eine Schublade aufziehe und K. hineinstecke. Sehr wahrscheinlich, denke ich, ist er stramm rechts und Wähler der FPÖ. Wieso sonst sollte er denken, die Regierung unter Beteiligung der FPÖ leiste gute Arbeit? Und wie bitte kommt er darauf, Europa könne "kolonialisiert" werden? Wer sind dann die Kolonialherren? Die Muslime?

"Das ist ein braunes Land"

Ein wenig erinnert mich die Mail auch daran, wie fremd und vertraut zugleich mir Österreich ist. Ich wurde Mitte der Achtzigerjahre als Tochter von zwei Österreichern geboren. Es war die Zeit, als der frühere FPÖ-Chef Jörg Haider den Rechtspopulismus in die Mitte der österreichischen Gesellschaft trug. 2001 – ich war gerade 18 Jahre alt geworden – wurde die FPÖ Regierungspartei, lange bevor im Rest Europas Rechtspopulisten Erfolge feierten.

Aufgewachsen bin ich am Niederrhein, erst als Studentin lebte ich ab 2003 in Wien. (Später dann sollte ich nach Berlin ziehen und die Community-Redaktion von ZEIT ONLINE leiten.) Als ich meinem Vater einmal entsetzt von einer Diskussion mit einem Kommilitonen erzählte, der forderte, man müsse auch mal der österreichischen Opfer des Nationalsozialismus gedenken, lachte er bitter auf und sagte: "Das wird dir noch öfter hier passieren. Das ist ein braunes Land." Der Siegeszug des Rechtspopulismus mag vielen Deutschen als ein neues Phänomen erscheinen, für mich als Österreicherin ist er Teil meiner Biografie. Vielleicht überrascht es mich deshalb auch nicht sonderlich, wenn einer wie K. von der "Kolonialisierung" Europas durch Muslime schreibt. 

K. und ich schreiben erste Mails und verabreden einen Treffpunkt. Seine Nachrichten sind äußerst höflich. Er würde gern ein Gespräch "außerhalb der Echokammer zu führen", schreibt er. Von den Kategorien "links" und "rechts" halte er nicht viel. Er rechne aber schon jetzt damit, dass mir viele seiner Ansichten als sehr rechts erscheinen werden.