Die von ZEIT ONLINE gemeinsam mit internationalen Medienpartnern entwickelte Plattform "My Country Talks" ermöglicht es Medienhäusern weltweit, ihre Leserinnen und Leser in kontroverse Gespräche mit Andersdenkenden zu vermitteln. Nach "Deutschland spricht" und "Österreich spricht" fand am 21. Oktober 2018 "Die Schweiz spricht" statt.

Sie wollen reden. © ZEIT ONLINE

Herrschte am Ende doch mehr Einigkeit als gedacht? So machte es zumindest den Anschein, als am frühen Sonntagabend fünf Männer und Frauen auf der Bühne des Zürcher Clublokals Bogen F davon berichteten, wie es war, einem politisch Andersdenkenden zu begegnen – nicht nur im virtuellen Raum, auf Facebook, bei Twitter oder Instagram, sondern im echten Leben. Eine Teilnehmerin sagte: "Wir hatten gewisse Differenzen. Aber im Großen und Ganzen hatten wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede." Und ihr Gesprächspartner ergänzte: "Wenn man den Menschen zuhört und versteht, warum sie eine gewisse Meinung haben, hat man ein einfacheres Verhältnis zueinander."

Sie alle hatten bei Die Schweiz spricht mitgemacht, der Schweizer Variante von Deutschland spricht, zu der in der Schweiz sechs Medienpartner aufgerufen hatten – darunter das Schweizer Radio und Fernsehen, die Wochenzeitung WOZ, Tamedia, Watson, das Onlinemagazin Republik und DIE ZEIT. Die Idee: Per Algorithmus werden Menschen zusammengebracht, die politisch möglichst uneins sind, dafür aber möglichst in der Nähe wohnen.

Einige Teilnehmenden hatten die Veranstalter in den Bogen F eingeladen, damit sie von kurz zuvor stattgefundenen Gesprächen berichten. Auf der Bühne zeigten sich an jenem Abend Menschen, die sich gefunden hatten – in ihrer Lust an der Diskussion und ihrer Freude am Streit.

Rund 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten es Ihnen am vergangenen Sonntag gleich getan, und zwar überall in der Schweiz – ein Erfolg, mit dem wir nicht unbedingt gerechnet hatten. Schon lange vor dem Start von Die Schweiz spricht hatten wir erhebliche Zweifel: Würde sich das Konzept mit der Schweizer Streitkultur vertragen? Würden sich genug Menschen anmelden?

In Deutschland hatte die Aktion zwar gut funktioniert, mehr als 28.000 Menschen hatten sich bei "Deutschland spricht" angemeldet; am Ende diskutierten deutschlandweit mehr als 8.000 Teilnehmende. Doch wer die Debattenkultur in der Schweiz und Deutschland kennt, weiß um die Unterschiede. Deutsche streiten anders als die Schweizer: offensiver, direkter, härter.

Schweizer hingegen scheuen die persönliche Konfrontation. Nicht nur, weil sie in ihrer Sprache immer wieder in eine Diminutivitis verfallen, was in deutschen Ohren ach so süß klingt. Auch die Konflikte werden weniger scharf ausgetragen. Klar, auch im Schweizer Fernsehen arten die Diskussionssendungen sehr oft in Lassen-Sie-mich-jetzt-mal-ausreden-Duelle aus. Aber zum einen wird hierzulande weniger getalkt als am deutschen Bildschirm. Zum anderen bleibt den Zuschauerinnen verborgen, was nach dem Abspann passiert: Wer sich vor der Kamera eben noch heftig gefetzt hat, teilt sich hinterher ein Taxi zurück vom TV-Studio am Leutschenbach zum Hauptbahnhof.

Und noch eine Frage trieb uns um: Gibt es in der Schweiz überhaupt das Bedürfnis nach einem Forum, um mit politisch Andersdenkenden zu diskutieren? Immerhin haben die Schweizer viermal im Jahr, und nicht nur alle vier Jahre wie in Deutschland, die Möglichkeit, ihre Zettel in die Abstimmungsurne zu werfen. Konflikte stauen sich nicht über eine ganze Legislaturperiode auf und entladen sich in einer Abrechnung am Wahltag. Selbst Reizthemen wie Migration oder Islam werden direktdemokratisch entschieden. Die Erregung folgt dabei den immer gleichen Konjunkturzyklen: Erst wird das Thema bis zum Überschäumen hochgekocht, dann wird entschieden – und die Debatte beruhigt sich erst einmal. Manchmal für ein paar Monate, manchmal, wie damals, als ein Minarettverbot in die Verfassung geschrieben wurde, sogar für mehrere Jahre.

Das hängt auch mit der Geschichte der Schweiz zusammen. Sie ist ein Land der politischen Gräben, ja, sie ist aus dem Kampf um den Graben aller Gräben entstanden: die Konfession. Aus einem kurzen aber prägenden Bürgerkrieg im Jahr 1847 ging die moderne Eidgenossenschaft hervor, die das Land bis heute prägt. Wir fragten uns: Lassen sich die Bewohner eines solchen Landes auf eine Aktion ein, die Brücken über ebendiese Gräben schlagen will?

Sie taten es: Über 4.000 Menschen registrierten sich anfangs für Die Schweiz spricht, am Ende führten rund 700 Paare ein Gespräch über politische Gräben hinweg. Und bereits am Sonntagabend, noch erschöpft von ihren Gesprächen baten uns einige Teilnehmerinnen per Mail: Macht das bitte wieder, am besten gleich 2019, im Wahljahr.

Die Schweiz spricht

4.172 Menschen haben ihre Teilnahme an der Aktion "Die Schweiz spricht" bestätigt. Die meisten leben im Mittelland und sind durchschnittlich 43,5 Jahre alt. Ein Algorithmus hat möglichst viele perfekte Streitpaare ermittelt. 700 Paare trafen sich am 21. Oktober 2018 zum Gespräch. Diese sechs Fragen bildeten die Grundlage für die Auswahl der eingeladenen Diskussionspaare:

My Country Talks,"Die Schweiz spricht"/"La Suisse parle"/"Deutschland spricht"/"Österreich spricht" © ZEIT-Grafik

Es scheint, als habe die Aktion einen Nerv getroffen, vielleicht sogar deshalb, weil die Schweiz so gespalten ist. Das zeigte sich auch an den sechs politischen Fragen, die wir stellten, um Paare mit möglichst ungleichen politischen Einstellungen zusammenzubringen. Viele dieser Fragen waren unter den Teilnehmenden von Die Schweiz spricht hoch kontrovers. So beantworten 53 Prozent die Frage, ob sich die Schweiz stärker der EU annähern sollte, mit Ja, 46 mit Nein. Eine Frauenquote in den Chefetagen großer Unternehmen befürworteten knapp 42 Prozent, 57 Prozent lehnten sie ab. Auch über die Frage, ob die Schweiz mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte oder nicht, waren sich die Teilnehmenden ausgesprochen uneins: 62 Prozent sind dafür, 38 Prozent dagegen.

So uneinig die Schweizerinnen und Schweizer in all diesen Fragen sind, so polarisiert ist ihr Parteiensystem: Es gehört sogar zu den polarisiertesten in ganz Europa. Die Teilnehmenden von Die Schweiz spricht machten den Eindruck, als sei ihnen beim Blick in die Gräben, die ihr Land durchziehen, nicht mehr ganz wohl, vielleicht sogar etwas mulmig. Sie wollen reden.