Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Dieser Mann hat Format. Diesen Mann kennt man im ganzen Ruhrgebiet und am Niederrhein. Karl Schumacher bringt sie alle unter die Erde. Er liefert die immer gleiche Antwort auf die Frage: Wer hilft im Trauerfall? Berühmt und erfolgreich geworden ist Schumacher mit einem Versprechen an seine Kunden: günstige Preise, keine Formalitäten. Sein Bestattungsunternehmen sitzt in Oberhausen: vorne das Unternehmen, hinten das Wohnhaus. Karl Schumacher sitzt in seinem Büro am Schreibtisch und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Männer wie er sind Prototypen aus Westdeutschland.

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ZEIT ONLINE: Herr Schumacher, warum haben Sie sich dazu entschieden, Bestatter zu werden?

Karl Schumacher: Ich habe 1975 den Betrieb meines Vaters übernommen. Ich war im neunten Semester meines Jurastudiums, als er sich das Leben genommen hat. Meine Mutter war nicht versorgt und stand alleine da mit dem Haus und dem Betrieb. Deswegen habe ich mich entschieden, das Geschäft fortzuführen. Damals war Selbstmord noch gesellschaftlich stigmatisiert; bis 1959 wurden Selbstmörder nicht einmal ordnungsgemäß religiös beerdigt. Ich habe dann bei null angefangen.

ZEIT ONLINE: Wie war das?

Schumacher: Ich erinnere mich heute noch an die Namen der ersten zehn Bestattungen. Ich habe damals gedacht: Gebt mir fünf Jahre Zeit und ich werde das Unternehmen wieder auf den Stand zur Zeit meines Vaters zurückbringen. Im ersten Jahr 33, dann 50, 58, 69, 64, 79, und dann waren wir wieder bei den 80 Bestattungen meines Vaters. Heute beerdigen wir über 3.600 Menschen jedes Jahr. Als ich damals übernommen habe, half mir ein Rentner. Heute sind wir 40 Festangestellte und 40 Aushilfen für Botengänge. Die holen den Totenschein beim Doktor ab, fahren zum Standesamt, um die Beurkundung vorzunehmen und die Unterlagen wieder zu den Angehörigen zu bringen.

ZEIT ONLINE:  Hat Ihnen das Bestatten von Anfang an Spaß gemacht? 

An der Wand ein Bild vom Vater. Auf dem Schrank Souvenirs. Karl Schumacher reist viel, zuletzt nach Jordanien. Wenn er verreist, besucht Karl Schumacher gerne Friedhöfe und Krematorien. Auf seiner Webseite veröffentlicht er Fotos der Besuche. Nur in Nordkorea hat man ihm verboten, ein Krematorium zu besuchen. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

Schumacher: Ich sag es mal so: Ich habe es seit 1975, also seit 43 Jahren, nicht einen Tag bereut. Ich habe das deswegen nicht bereut, weil die gesellschaftliche Anerkennung da und die Dankbarkeit täglich spürbar ist. In Japan zum Beispiel hätte ich den Beruf des Bestatters nicht ausüben können. Dort wird dieser Beruf missachtet, sogar gesellschaftlich geächtet. Ich lebe in Oberhausen zwischen zwei Arbeitersiedlungen, Eisenheim und Stemmersberg, und fühle mich wie ein Fisch im Wasser. Im Studium war ich immer unglücklich. Das war nicht meine Welt.

ZEIT ONLINE: War der Bestatter nicht gesellschaftlich stigmatisiert?

Schumacher: Überhaupt nicht. Wir sind ja Hilfesteller. Die Menschen haben ein Problem. Es ist jemand gestorben. Damit hat meist keiner gerechnet, es kommt immer plötzlich. Man kann alles vorbereiten, kann Vorverträge machen, Geld bereitlegen, aber am Ende ist es immer plötzlich, weil es etwas Endgültiges und Einmaliges hat. Dieser Mensch hier kommt nie wieder, der Mensch wird nie wieder ein Wort zu mir sagen, nicht mal "Guten Morgen". Die Hinterbliebenen sind froh, dass wir da sind und das Problem lösen. Die Mutter liegt ja tot im Bett.

ZEIT ONLINE: Wie beginnt so ein Bestattungsauftrag? Besprechen Sie die Beerdigungen mit den Kunden bei Ihnen in der Filiale?

Schumacher: 95 Prozent der Gespräche finden bei den Menschen zu Hause statt. Die können auch zu uns kommen, aber zu Hause ist es für die meisten Menschen angenehmer. Wir haben naturgetreue Bilder dabei, und wer unbedingt den Sarg in natura sehen möchte, kann gern in eine unserer 39 Filialen in 19 Städten kommen. Die sehen da aber auch nicht besser aus als auf einem Foto.

ZEIT ONLINE: 39 Filialen in 19 Städten? Wahnsinn.

Schumacher: Nein, das hat sich so ergeben. Das lag am Ausgleich anfallender Arbeit und Personal, entweder gab es zu viele Aufträge, sodass das Personal gelitten hat. Dann haben wir mehr Personal eingestellt, aber dann hatten wir zu viele Mitarbeiter. Also sind wir in eine neue Stadt gegangen, bis sich das Verhältnis austariert hat.

ZEIT ONLINE: Sind alle Filialen im Ruhrgebiet?

In der Werkstatt stehen die verschiedenen Särge. Karl Schumacher bietet 15 verschiedene Sargmodelle an. Das beliebteste Modell ist ein Feuerverbrennungssarg aus Kiefer. Die Auswahl kann in den Filialen oder zu Hause bei den Angehörigen getroffen werden. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

Schumacher: Ja, zwischen Moers und Dortmund. Und auch in Velbert und Ratingen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass man hier anders stirbt als in Düsseldorf?

Schumacher: So wie es früher mal war, so ist es nicht mehr. Sie ziehen heute aus der Art der Beerdigung kein soziales Renommee mehr. Vor 25 Jahren hat man sich noch über ein ungepflegtes Grab das Maul zerrissen. Da dachte man, schau an, da hat sie den Alten schon vergessen. Früher hat man 6.000 Mark für Opas Beerdigung ausgegeben, da hat schon das Umfeld gesagt: Mein Gott, bist du geizig, ich habe 12.000 ausgegeben.

"Sie werben ja auch mit günstigen Preisen und Anonymität"

ZEIT ONLINE: Sie werben ja auch mit günstigen Preisen und Anonymität. 

Schumacher: Wir bieten an: Feuer-, Anonym- und Erdbestattungen. Man muss bei uns keine Angst haben, wenn man eine anonyme Beerdigung möchte. Damals, als ich das zum ersten Mal angeboten habe, habe ich mir damit nicht nur Freunde gemacht. Aber ich habe mich immer an den Bedürfnissen der Leute orientiert. Ich maße mir nicht an zu sagen, ihr müsst das und das tun. Wer bin ich denn, Wunsch und Wille von Verstorbenen und Angehörigen zu beurteilen.

Die verschiedenen Sargmodelle in der Werkstatt von Karl Schumacher. Die günstigste Beerdigung in Oberhausen, zum Komplett-Festpreis von 965 Euro, beinhaltet eine Feuerbestattung mit anonymer Urnenbestattung ohne Trauerfeier und ohne Angehörige. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wie läuft eine anonyme Beerdigung ab?

Schumacher: Der Begriff anonym ist nicht genau definiert. Auf den Friedhöfen werden mittlerweile überall Bereiche für anonyme Gräber bereitgestellt. Wenn wir anonym beerdigen, verstehen wir darunter in der Regel eine Fläche ohne Stein, ohne Einfassung und ohne irgendeinen Namenshinweis. Am meisten eine Rasenfläche. Friedhöfe in kirchlicher Trägerschaft nennen diese Gräber nicht anonym, sondern pflegefrei.

ZEIT ONLINE: Sehr pragmatisch.

Schumacher: Das meine ich auch. Da zahlt man nur, dass drei Mal im Jahr der Rasen gemäht wird. Die nennen das nur deswegen nicht anonym, weil jeder zur Friedhofsverwaltung gehen und sich nach einem Grab erkundigen kann. Dort findet sich dann die Information, in welcher Reihe und auf welchem Platz bestattet wurde. Aber nach den Satzungen der Städte und auch der Kirchen wird ohnehin jedes Grab nach Ablauf der Ruhefrist zu einem anonymen Grab.

In Oberhausen sind viele Friedhöfe noch in kirchlicher Trägerschaft. Auf katholischen Friedhöfen werden fast immer Erdbestattungen durchgeführt. Aber selbst auf dem Land eröffnen private Krematorien, wie zum Beispiel im Sauerland in Westfalen. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Jedes?

Schumacher: Nicht ganz. Bei Juden und Muslimen sind die Gräber heilig; da, wo ein Mensch beerdigt wurde, darf nie wieder etwas anderes gemacht werden, keine Autobahn und kein Hochhaus gebaut werden. Die Problematik gab es oft bei jüdischen Gräbern, besonders in Berlin. Da musste man manchmal die Leute ausgraben und woanders beerdigen, sonst hätten die in der Stadtmitte keine Häuser mehr bauen können. Wir Christen kennen keine heiligen Gräber. Nach 20 Jahren kann an genau der Stelle einfach etwas anderes passieren. Das liegt natürlich daran, dass wir jeden Tag mit der Auferstehung rechnen.

Auf dem muslimischen Grabfeld "Am Hallo" in Essen wird es langsam eng. Der Bezirksbürgermeister Michael Zühlke hat vorgeschlagen, das ehemalige Zechengelände Emil Emscher als neues Grabfeld zu nutzen. 40 Hektar große Flächen reichen wohl für eine Weile, zentral gelegen zwischen Essen und Bottrop wäre es eigentlich optimal, um größere Trauerfeiern auszurichten. In der Regel müssen die Gräber nach Mekka ausgerichtet sein. Muslime bestatten ihre Angehörigen ohne Sarg. In Städten wie Essen und Gütersloh ist die Nachfrage so hoch, dass nur noch muslimische Verstorbene aus der Stadt bestattet werden. 

Schumacher: Weil man von Anfang an mit der Auferstehung rechnet, hat man ein anderes Verhältnis zu Gräbern. Und deswegen wird ein Grab hier nach 20 oder 30 Jahren Ruhefrist weitergegeben. Wo früher Familie Meier lag, kann jetzt Familie Müller beerdigt werden. Bei Muslimen oder Juden unvorstellbar.

"Auch im ländlichen Bereich hält die Feuerbestattung Einzug"

ZEIT ONLINE: Stirbt man hier im Ruhrgebiet also genauso wie anderswo?

Schumacher: Die Ärzte sind hier genauso gut wie zum Beispiel die im Rheinland. Wenn die sagen, du bist tot, dann bist du auch tot.

ZEIT ONLINE: Die Frage war, ob es hier eine regional zu unterscheidende Beerdigungskultur gibt.

Schumacher: Ich frage bei Messen oft bei den anderen Bestattern nach. Wir haben hier in dieser Gegend mehr als 80 Prozent Feuerbestattungen. In Städten, die Krematorien unterhalten, wie Dortmund, Bochum, Essen, Duisburg, finden signifikant mehr Feuerbestattungen statt, weil die leicht zu organisieren und günstig sind. In den anderen Städten dagegen hat man den zusätzlichen Aufwand, die betreffende Person zu einem Krematorium zu bringen. Ich frage im Sauerland gern nach, ob die immer noch 100 Prozent Erdbestattungen haben. Und nein: Auch im ländlichen Bereich hält die Feuerbestattung Einzug, weil dort private Krematorien eröffnet werden. Dadurch wird es auch dort günstiger, sich verbrennen zu lassen.

In einem angrenzenden Raum lagern Urnen. Im Ruhrgebiet lassen Fußballfans sich gern in entsprechend gestalteten Urnen bestatten. Karl Schumacher führt eine Auswahl von 30 bis 40 verschiedenen Urnen. Natürlich führt er auch welche in Gelb-Schwarz. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wird es irgendwann gar keine Erdbestattungen mehr geben?

Schumacher: Nein, das glaube ich nicht. In Städten ohne Krematorium hatten die Leute wenig Kontakt mit Feuerbestattungen. Da muss ich dann als Bestatter auch schon mal überlegen, wie das noch mal geht. Es ist zum Beispiel eine zweite amtliche Leichenschau notwendig. Wir wollen in unserem Land ja nicht, dass jemand einen umbringt und damit davonkommt. Und ich glaube, dass selbst in Essen bei 80 bis 85 Prozent die Spitze des Eisbergs erreicht ist. Es gibt eine ganze Reihe an Friedhöfen, die in katholischer Trägerschaft sind. Dort gibt es immer noch fast nur Erdbestattungen. Trotzdem macht der Trend zur Feuerbestattung vielen Kommunen und Kirchen große Probleme. Auf den Friedhöfen ist viel zu viel Platz. Manche versuchen, Teile des Friedhofs umzuwidmen. Wenn das Stück Land öffentliche Grünanlage und nicht mehr Friedhof ist, gibt es vom Land mehr Geld pro Quadratmeter. Eine andere Möglichkeit ist es, Friedhöfe zu schließen, aber das führt zum nächsten Problem, weil die trotzdem noch 30 Jahre offen gehalten werden müssen, bis auch die Ruhefrist des letzten Grabs abgelaufen ist.

Die deutsche Friedhofsgesellschaft geht davon aus, dass etwa ein Drittel der heutigen Friedhöfe in den nächsten fünf bis zehn Jahren in der jetzigen Form nicht fortgeführt werden können: Sie haben zu viel Platz. Die FDP in Essen möchte auf den Flächen Kleingärten anlegen. 

ZEIT ONLINE: Aber es sterben ja nicht weniger Leute.

Schumacher: Nein. Aber es gibt eine weniger ausgeprägte Grabpflegekultur. Die Leute hatten früher kein Problem damit, 30 Jahre ein Grab zu pflegen. Sie wussten auch, dass sie 30 Jahre im Ort leben werden. Heute weißt du gar nicht mehr, ob du die nächsten ein oder zwei Jahre noch hier arbeitest oder lebst. Es liegt dann nahe, eine Feuerbestattung zu nehmen, weil man weniger zu pflegen hat. Oder eben direkt das anonyme, pflegefreie Grab zu wählen. Während es früher die Grabpflegekultur noch ausgeprägt gab, gibt es heute eine Abschiednahmekultur. Die Feiern werden oft sehr viel persönlicher und individueller gestaltet.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Leute, die kein Grab mehr unterhalten wollen?

Im rechten Haus befindet sich das Bestattungsinstitut mit der Wohnung von Karl Schumacher. Im linken Haus wohnt Tochter Janne Schumacher mit ihrem Mann. Sie wünschte sich ein weiteres Kind. In ihrem Haus fehlte aber der Platz. Das Obergeschoss des Bestattungsinstituts stand leer. Also ließ Karl Schumacher 2014 zwischen den Häusern eine Brücke bauen. Weil seine Tochter ohne Brücke kein weiteres Kind bekommen hätte, nannte er den Durchgang: Babybrücke. Sie verbindet das Stammhaus mit dem Haus seiner Tochter nebenan. Das beauftragte Architekturbüro fand die Idee amüsant – genauso wie die Mitarbeiterinnen des Bauamts der Stadt Oberhausen, die diesen Anbau genehmigen mussten. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

Schumacher: Das sind oft die Leute, die selbst die Gräber ihrer Eltern 30 Jahre gepflegt haben. Sie wissen, was es bedeutet sich zu bücken und möchten das ihren eigenen Kindern nicht mehr zumuten. Es sind nicht die Kinder, die sagen, "mach mal Feuer" dann haben wir weniger zu tun. Es sind die Versterbenden selbst.

ZEIT ONLINE:Und warum sollte man sich jetzt ausgerechnet von Ihnen beerdigen lassen?

Schumacher: Es gibt kein deutsches Wort dafür, wenn man für die beste Qualität den günstigsten Preis anbietet.

ZEIT ONLINE: Bestes Preis-Leistungs-Verhältnis?

Schumacher: Das ist doch viel zu kompliziert. Und ausgelutscht. Man kann in einer Anzeige immer nur einen Preis benennen, sonst wird es zu kompliziert. Schreibt man aber: Sarg 200 Euro, was besagt das? Da kann dann die Deckengarnitur noch 300 Euro und die Überführung 600 Euro kosten, also musste man es zu einem Komplettpreis zusammenfassen: Sarg, Decke und Kopfkissen, Bekleidung, Überführung innerhalb des Ortes und Erledigung der Papiere beim Standesamt, alles zusammengefasst zu einem Preis. Das war eine meiner guten Ideen. Es gab dem Kunden die Möglichkeit, Preise zu vergleichen. Dafür stehe ich bis heute mit meinem Namen.

"Bitte ausschneiden und ins Familienbuch legen"

ZEIT ONLINE: Ich hatte nie etwas mit Beerdigungen zu tun. Trotzdem kenne ich ihre Plakate. Jeder kennt Sie hier.

Schumacher: Das ist schön zu hören, hat mich nämlich eine Menge Geld gekostet. Die Angehörigen kennen mich meistens nicht persönlich. Jeden besuchen kann ich nicht, also musste Werbung her. Preistransparenz war mir dabei das Wichtigste. Ich bin wegen der Zeitungsanzeige damals drei Mal vor Gericht gekommen. Die Kläger haben sich auf ein Reichsgerichtsurteil aus der Weimarer Republik berufen, in dem stand: Vor dem Tode hat jede Werbung haltzumachen. Da durften Bestatter also nur schreiben: Bestattungsinstitut Meier, die Telefonnummer und die Adresse. Nicht mal, dass Tag und Nacht geöffnet ist, denn Selbstverständlichkeitswerbung ist verboten. Sie dürfen auch nicht schreiben: "Unsere Rechnungen sind korrekt." Da es aber bewiesenermaßen unfreundliche Bestatter gibt, können wir schreiben: Wir sind freundlich. Die Gerichte haben entschieden, dass die Menschen in der heutigen Zeit Anspruch darauf haben sollen, zu erfahren, was eine Beerdigung kostet. Das war aber ein harter Kampf. Bis heute hat kaum ein Bestatter auf seinen Internetseiten irgendwo einen Preis stehen.

Karl Schumacher vor einer Halle. Angehörige können hier private Andachten und Trauerfeiern abhalten. In der nebenanliegenden Garage und Werkstatt werden die Verstorbenen vor der Bestattung in Kühlschränken verwahrt und für die Beerdigung vorbereitet. Von dort aus fahren die Leichenwagen zu den Friedhöfen. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Sie haben also gewissermaßen den Werbemarkt für Beerdigungen geöffnet?

Schumacher: Meine Anzeige ist mindestens in zehn Punkten einmalig. Und das ist alles mir eingefallen. Und dann habe ich noch unten auf der Anzeige den Hinweis hingeschrieben: "Bitte ausschneiden und ins Familienbuch legen". Das war außergewöhnlich und ist es heute noch.

ZEIT ONLINE: Wird das gemacht?

Schumacher: Ja, sicher. Wir sind ja in vielen Häusern unterwegs und sehen dann, wie aus dem Familienstammbuch unsere Anzeige rausfällt. Diese Anzeigen sind teilweise 15 bis 20 Jahre alt. Damals sagte der Rechtsanwalt bei der Gerichtsverhandlung: Der Schumacher schreibt in seinen Anzeigen "Bitte ausschneiden" und das ganze Altenheim fängt an zu schnibbeln. Aber das ist ja auch eine der wenigen Anzeigen, wo einer mit seinem Gesicht steht. Das erste Foto in der Anzeige war ein privates von mir und ich sah richtig schräg aus. Hoffentlich findet das mal nicht einer von meinen Enkeln. Danach bin ich zum Fotografen gelaufen und habe da mindesten zwei Stunden gesessen. Das Vorhaben war nicht einfach: Sie können nicht grinsen, aber auch nicht aussehen wie ein Henker. Finden Sie da mal den richtigen Gesichtsausdruck.

In einem kleinen Raum des Festsaals kann persönlich Abschied genommen werden. In der obersten Schublade liegt die Bibel. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wie sieht es denn im Ruhrgebiet mit den Waldbestattungen aus? Das ist ja ein großer Trend.

Schumacher: Das Ruhrgebiet ist in dieser Hinsicht leider schlecht aufgestellt. Weil wir keine Wälder haben, aber aus Kostengründen kurze Wege brauchen. Wer will von hier zum Beispiel nach Coesfeld und viel Geld bezahlen, nur dafür, dass er dann im Wald liegt. Wie lange soll eine Witwe denn mit dem Bus fahren, bis sie dahin kommt. Unpraktisch.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Trend zu privaten Feierräumlichkeiten im Bestattungswesen?

Schumacher: Ja, es gibt sie im geringen Rahmen. Auch wir haben hier Räumlichkeiten für Trauerfeiern und Abschiednahmen, hell und freundlich von meinem Sohn und meiner Schwiegertochter eingerichtet. Damit sind wir terminlich völlig frei. Der freie Prediger hat im Gegensatz zum Priester immer Zeit, er kommt auch samstags und sonntagnachmittags.

ZEIT ONLINE: Sind die Beerdigungsfeiern fröhlich?

Karl Schumacher zieht für den Fotografen Decken von den Särgen. „Machen Sie ruhig ein Bild von mir vor den Särgen, das ist es doch, was die Leute sehen wollen”, sagt Karl Schumacher. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

Schumacher: Sie sind, wie sie sind. Ich habe schon erlebt, dass die Kinder den Sarg ihrer Mutter angemalt haben. Vor allem die Musikwahl ist sehr unterschiedlich. Manche mögen traurige Musik, Andreas Gabalier oder so, aber ich habe auch schon Helene Fischer und Andrea Berg gehört.

ZEIT ONLINE: Neben dem Grab von meinem Opa liegt ein Sinti. Auf dem Grab steht einen riesiges Marmorherz.

Schumacher: Nach dem Glauben der Sintis ist der Körper heilig. Ich habe mal einen jungen Mann der Sintis beerdigt. Die Staatsanwaltschaft wollte eine Obduktion durchführen lassen, um die genauen Umstände des Unfalls zu ermitteln. Da war die Familie sofort beim Landgericht. Wenn einer es wagt, den Körper zu öffnen, gibt es Streit. Nach ihren Sitten und ihrer Kultur ist ein Toter nicht mehr zu berühren. Auch nicht durch den Staat, keine Obduktion.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Schumacher: Bei Missachtung stehen 500 Wohnwagen vor dem Oberlandesgericht, die dagegen protestieren werden. Darauf hatte das Gericht dann doch keine Lust. Der junge Mann musste dann beerdigt werden, aber nach dem Verständnis der Sintis darf der tote Körper nicht mit Erde in Berührung kommen. Ich sage noch: Wie soll das denn gehen? Der Sarg zerfällt ja irgendwann und dann ist der Körper wieder mit der Erde zusammen. Da sagen sie zu mir: "Schumacher, du hast ja gar keine Ahnung von unserer Kultur. Wir haben in Gelsenkirchen einen Spezialschreiner, der für uns afrikanisches Holz einführt. Dieses Holz hat die Eigenschaft, dass es härter als Beton wird, sobald es mit Wasser in Berührung kommt. Das hält mindesten 500 Jahre. Wenn die Friedhofsverwaltung da irgendwann drauf stößt, beißen die sich die Zähne aus." 

Jede Beerdigung muss schriftlich dokumentiert werden. Das Finanzamt verpflichtet das Bestattungsinstitut dazu, die Unterlagen 10 Jahre aufzubewahren. In der Halle von Karl Schumacher lagern zurzeit geschätzt 14.000 Dokumente. © Arne Piepke für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Ich habe auf Ihrer Webseite gelernt, wie man am besten eine Trauerrede hält.

Schumacher: Das ist ein Beispiel dafür, dass ich kundenorientiert denke. Ich habe einfach alle wichtigen Informationen auf meiner Seite online gestellt.

Die violette Farbgestaltung der Seite, Bilder von Karl Schumacher und Sohn Karl-Markus und der legendäre Slogan mit dem Wiedererkennungswert. Links und rechts große Spalten, die eine Übersicht über den Service der Seite geben. Das Angebot ist groß und vielfältig: Lebensbildpräsentation, Rentenangelegenheiten, DIN EN 15017, Deutschlands erster Trauerchat und der Bestattungs-Preis-Kalkulator.

Schumacher: Eine Rede halten ist ja aus der Mode gekommen. Früher kam oft ein Gewerkschaftsmitglied zur Beerdigung und hat eine kleine Rede gehalten. Oder einer vom Taubenzüchterverein hat ein paar Tauben hochgeschickt. Vor Kurzem habe ich einen etwa zwölfjährigen Jungen erlebt, dessen Opa beerdigt wurde, ein etwas korpulenterer Mann. Da geht der Junge nach vorne und sagt: "Opa, jetzt bist du tot, aber eins werde ich nicht vergessen: Vor drei Wochen, auf der Geburtstagsfeier von Tante Erna, haben wir zusammengesessen. Da gab es ein schönes Buffet und da hast du noch zu mir gesagt: Geh du mal nach vorne zum Buffet und hol mir was. Wenn ich gehe, sagen die sicher: Der Dicke frisst uns hier alles weg. So war der alte Opa." Das war der beste Moment auf der Feier. Da kann ein Pastor erzählen, was er will. 

Das Interview ist ein überarbeiteter Auszug aus dem Buch: "Ruhrtopien: Zwei Reisen durch die größte Stadt Deutschlands" von Helene von Schwichow und Lena Fiedler.