Was wir ein Drittel unseres Lebens machen? Schlafen. Jedenfalls wenn’s gut läuft. Warum tut der Mensch es überhaupt, wie viele Stunden sind genug und was hilft, wenn wir abends nicht einschlafen können und morgens wie gerädert aufwachen? Diesen und weiteren Fragen widmet ZEIT ONLINE den Schwerpunkt "Besser schlafen".

Es gibt diesen Moment, diesen einen, wunderbaren, herrlichen Moment, in dem ich das Gefühl habe, alles richtig zu machen. Es ist der Moment, in dem meine Tochter einschläft.

Viele Menschen zögern, ein Kind zu bekommen, weil sie Angst vor den drohenden Einschränkungen haben. Die einen wollen Karriere machen, die anderen suchen den perfekten Partner, wieder andere wollen sich nicht vom Partyleben verabschieden. Ich wollte schlafen. 

Ich schlafe gerne und viel. Ich schlafe auch sehr gut. Es ist eine meiner großen Stärken. Ich würde sie mir am liebsten in meinen Lebenslauf schreiben: Kernkompetenz Schlafen.

Es ist so: Ich lege mich hin und schlafe ein. Ich habe noch nie Schäfchen gezählt oder Baldrian geschluckt. Ich schlafe. Einfach so. Wenn nichts besonders dramatisches los ist, wache ich nachts nicht auf, auch morgens nicht. Ich schlafe, so lange es mir irgendwie möglich ist, und wenn ich dann doch irgendwann die Augen aufmache, stehe ich nicht auf, sondern ich nehme mir ein Buch, das neben meinem Bett liegt, und lese. Nie buche ich den ersten Flug am frühen Morgen. Nur ein einziges Mal war ich schon um sechs Uhr morgens am Gate – es war die Hölle.

Natürlich schlafe ich nicht dauernd, im Gegenteil. Ich bleibe oft lange auf. Ich liebe die Nacht. Ich bin die letzte auf einer Party, trinke noch morgens um fünf einen Schnaps, auch wenn mir davon immer schlecht wird, ich tanze, bis man mich rausschmeißt. Und dann schlafe ich. Zur Not den ganzen Tag. Ich entscheide wahnsinnig gerne selber, wann ich schlafe. Ach nein, Entschuldigung, das muss ja heißen: Ich entschied wahnsinnig gerne selber, wann ich geschlafen habe. Denn jetzt habe ich ein Kind.

Schon lange, bevor überhaupt der Gedanke an dieses Kind da war, habe ich mir Sorgen um meinen postpartalen Schlaf gemacht. Die Pioniereltern in meinem Freundeskreis machten mir nicht gerade Hoffnung. Deren Kinder wachten unweigerlich um sechs Uhr auf. Hatte man das Pech, bei einem dieser frühen Freunde mit Kindern zu übernachten dann weckten die einen, kaum dass man das Licht ausgemacht hatte.

Und wenn Kinder morgens wach sind, dann sind sie nicht so wie Erwachsene wach. Also dieses "Ich dreh mich nochmal um, wo ist denn hier der Kaffee, kann bitte keiner reden" wach. Sondern das "Ich schreie wie ein Irrer während ich mit meinem Bobbycar gegen die Holztür fahre" wach. Wenn ich mit kleinen, traurigen, müden Augen am Küchentisch meiner Freunde saß und mich hilflos an meine Kaffeetasse klammerte, dann lachten meine Freunde und sagten: "Pass nur auf, das wird bei Dir auch so sein." Dann bekam ich Angst. Wenn ich ein Kind habe, dachte ich, werde ich nie, nie wieder schlafen dürfen.

Auf Partys unterhielten sich die Pioniereltern ausschließlich über den Schlaf ihrer Kinder. Sie tauschten Methoden aus und Leidensgeschichten. "Habt ihr schon von Jedes Kind kann schlafen lernen gehört?", fragten sie. Natürlich hatten sie. So wie jeder Mensch auf der ganzen Welt. Das Buch wurde mittlerweile in drei Dialekte vom Mars übersetzt.   

"Jedes Kind kann schlafen lernen" – echt?

Lange bevor ich mir überhaupt ein Kind wünschte, wusste ich, dass man es nach der Methode von Jedes Kind kann schlafen lernen ins Bett bringen muss. Also: Man legt das Baby in ein gesichertes Bett, erklärt ihm, dass Schlafenszeit ist und haut ab.  Dann wartet man vor der Tür, während sich das Kind im dunklen Zimmer die Seele aus dem Leib brüllt. Am ersten Abend wartet man eine Minute, dann geht man wieder rein, dann zwei Minuten, dann drei... Dabei hält bei den gemischtgeschlechtlichen Elternpaaren in meinem Freundeskreis in der Regel der Mann die Frau fest, damit die nicht einfach wieder zurück ins Zimmer rennt. 

Ich habe schon bei Freunden im Wohnzimmer eine halbe Stunde alleine mit meinem Glas Wein gesessen, während beide Elternteile vor der Kinderzimmertür im Flur standen und dem ohrenbetäubenden Gebrüll aus dem Kinderzimmer lauschten. Sie erklärten mir danach, dass die Methode super funktioniere .

Natürlich gibt es längst unzählige Spin-offs von der brutalo Methode Jedes Kind kann schlafen lernen.  Es gibt Sanft Einschlafen, es gibt Schlafen statt Schreien, So schläft Ihr Baby und Go the Fuck to Sleep. Wirklich. Auch diese Titel haben sich großartig verkauft. Eltern von kleinen Kindern Schlaf zu versprechen bedeutet, ihnen die Unsterblichkeit zu versprechen.

Es gibt Kinder, die schlafen in ihrem ersten Lebensjahr nur ein, wenn man sie mit dem Auto durch die Gegend fährt. Andere schlafen nur auf einem ganz bestimmten Elternkörperteil ein. Ein Kollege hatte eine Tochter, die anderthalb Jahre lang nur einschlief, wenn man sie im Maxi-Cosi-Kindersitz auf die (ausgeschaltete) Herdplatte stellte und die Dunstabzugshaube auf Stufe zwei stellte. Nicht eins oder drei: zwei. Wie lange experimentiert man, bis man das raus hat?