Für Migranten, die in die EU flüchten wollen, ist die libysche Küste ein wichtiger Ort. Von hier versuchen viele von ihnen, über das Mittelmeer zu gelangen. Häufig ertrinken Menschen während dieser Überfahrt oder geraten in Seenot. Libysche Fischer wie Jamal al-Tawil treffen während ihrer Arbeit auf diese Flüchtlinge. Für die Fischer entsteht dann eine besondere Herausforderung: Ignorieren sie ein Flüchtlingsboot, das in Seenot steckt, riskieren sie den Tod der Menschen und machen sich strafbar. Retten sie allerdings die Menschen, können sie nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen und müssen diese zurück nach Libyen bringen, wo sie oftmals in Lagern eingesperrt werden.

ZEIT ONLINE: Herr Al-Tawil, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Fischer. Wie hat sich Ihr Job durch die Flüchtlingsboote verändert?

Jamal al-Tawil: Das hat schon vor 2011 begonnen, als Gaddafi noch im Amt war. Seit etwa 14 Jahren, also seit 2004, machen sich Menschen von unserer Küste aus in größerer Zahl auf den Weg über das Mittelmeer. Schon 2013 wurden es dann richtig viele. In den Jahren 2013 bis 2016 habe ich drei bis fünf Flüchtlingsboote am Tag gesehen. Im Jahr 2017 war es dann etwa ein Boot pro Woche. Jetzt sind es noch mal weniger geworden. Das liegt auch daran, dass rund um Tripolis inzwischen viel Küstenwache unterwegs ist. Das wissen die Schmuggler und suchen sich andere Routen.

ZEIT ONLINE: Wo fischen Sie genau?

Al-Tawil: Wir starten in Tripolis und fahren dann etwa sieben bis zwölf Meilen aufs Meer hinaus. Manchmal bleiben wir drei oder vier Tage auf dem Wasser.

ZEIT ONLINE: Was tun Sie, wenn Sie ein Flüchtlingsboot sehen?

Al-Tawil: Ich tue, was ich als Mensch tun muss: Ich rette die Menschen. Meist sind die Schlauchboote überfüllt und die Menschen brauchen Hilfe. Ich bringe sie dann an Land und übergebe sie der Küstenwache. Meistens werden die Menschen dann der Migrationspolizei überstellt.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Fischer, die an den Booten vorbeifahren? Geflüchtete berichteten uns davon.

Al-Tawil: Das habe ich noch nie gehört. Es ist sehr wichtig für uns Fischer, den Menschen zu helfen. Darauf sind wir stolz. Wir haben auch ein Training bekommen, wie man Menschen rettet.

ZEIT ONLINE: Was war das für ein Training?

Al-Tawil: Das war nichts Offizielles. Einige Mitarbeiter der Küstenwache haben uns gezeigt, was man tun muss und wie man Erste Hilfe leistet. Manchmal holen wir auch Leichen aus dem Wasser und bringen sie an Land. Und manchmal sehen wir dieselben Menschen, die wir gestern an Land gebracht haben, morgen in einem anderen Boot, auf einer anderen Route.