Die Kohle war das Gold der Region. Kein anderer Rohstoff hat die jüngere Geschichte Europas so geprägt wie die Steinkohle. Und kaum eine andere Gegend erreichte dabei eine größere Bedeutung als das Ruhrgebiet. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts existierten an der Ruhr Zechen, hundert Jahre später arbeiteten mehr als 400.000 Männer als Bergleute. Die Steinkohle, sie war der Motor der Industrialisierung.

Innerhalb kürzester Zeit wurden die Städte des Ruhrgebiets aus dem Boden gestampft. Städte, viel zu nah an anderen – das Dazwischen als Daseinsform dieser Städte zeigt sich, wenn man reist und unsicher ist, ob man schon in Herne ist oder noch in Castrop-Rauxel. Ein zusammenhängendes Konzept für das größte Ballungsgebiet Deutschlands gibt es bis heute nicht. Und auch heute noch wird die Region weniger mit der Zeche assoziiert als mit Struktur- und postindustriellem Wandel.

Doch in den letzten Tagen der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop ist das Interesse der Öffentlichkeit an den Kumpeln und ihren Geschichten noch einmal groß. Artikel über die Schließung nehmen Bezug zur Sprache der Region. "Glück auf" bei den Optimisten, "Schicht im Schacht" bei anderen. ZEIT ONLINE rief seine Leserschaft dazu auf, Erinnerungen und Gedanken zum Bergbau im Revier, wie das Ruhrgebiet auch genannt wird, einzuschicken. 

Viele der rund 70 Einsendungen verbindet eine Ansicht: Der Bergbau war für das Ruhrgebiet identitätsbestimmend. In einer bis dato einzigartigen Urbanisierung auf engstem Raum entstand eine Stadtlandschaft mit Menschen, die ihre eigene Sprache und Mentalität formten. Sie gäbe es ohne den Bergbau nicht. Er hat der Region eine eigene Kultur und ihren Bürgerinnen und Bürgern ein besonderes Selbstverständnis verliehen. "Wer einmal miterlebt hat, wie eine ganze Kneipe voll wildfremder Menschen um Mitternacht spontan das Steigerlied anstimmt, nur weil irgendjemand Geburtstag hat, und alle mitsingen", schreibt User derKnut, "der kann vielleicht ansatzweise verstehen, wie das Grubengold den Pott über Generationen hinaus geprägt hat."

Die 20 hier veröffentlichten Beiträge spiegeln aber auch die Diversität der Erinnerungen und Meinungen wider.

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Zusammenhalt lässt sich am besten mit dem Begriff Kumpel beschreiben.
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User/in Lars B., Mülheim/Ruhr
Meine Oma hatte sich unter dem Leben in Deutschland etwas anderes vorgestellt.
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Lena Fiedler, Essen, Hospitantin bei ZEIT ONLINE
Mein Opa erzählte mir häufig davon, wie viel Angst er hatte, mit 16 Jahren erstmals unter Tage zu fahren.
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User/in Stephanlx, Essen
Zwei Jahre später war er wieder der Erste. Die Staublunge.
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Monika Pilath, Dortmund, Chefin vom Dienst bei ZEIT ONLINE
Die Geschichten unserer Väter hörten sich so schrecklich an, dass ich mir selbst den Schwur abnahm: Ich werde irgendwas, nur nicht Bergarbeiter.
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Achim Ewert
Ade, nun ade! Lieb’ Schätzelein!
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Das Steigerlied
Auf der Beerdigung meines Vaters stand die angezündete Grubenlampe auf dem Altar.
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User/in Oliver M.
Dann kamen die ersten Überlebenden aus dem Schacht, sich gegenseitig stützend, die verbrannte Haut in Fetzen von Gesichtern und bloßen Körperteilen hängend.
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Gerhard Tollas, Dortmund
Für mich war unsere Stadt ohne das Bergwerk undenkbar.
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User/in Stefanie, Ahlen
Der Bergmann wusste, er wird nicht mehr gebraucht.
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Norbert Meyer
Ich bin ein Nachfahre der Ruhrpolen, deren Arbeitskraft damals zigtausendfach gebraucht wurde, um das schwarze Gold abzubauen.
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Manuel Izdebski, Dortmund
Es wurde ein riesiger Haufen Koks vor dem Haus meiner Großeltern abgeladen, den es dann galt, in den Keller zu schaufeln
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Lisa Hegemann, Herten, Digital-Redakteurin bei ZEIT ONLINE
"Dat hat der Kumpel wieder gut gemacht!"
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User/in Baron, Duisburg
Der war nach der Schicht jedesmal so müde, dass ihm der Kopf beim Essen fast in den Teller fiel, aber der Pütt hat ihn nicht mehr losgelassen.
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User/in Johanna 88, Essen
Vom Bergbau zum IT-Sektor war ein politischer Erfolg, in der Realität aber ein Abstieg von einer Führungsposition in den Niedriglohnsektor.
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User/in Bananenkönig
Beide Oppas hatten Staublunge und keiner von ihnen hat das 60. Lebensjahr erlebt.
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User/in Blackthorne
Diese Wahrheit hat etwas mit schlecht bezahlter Arbeit unter erbärmlichen Bedingungen zu tun, mit Staublunge, mit Männern, die nach 20 Jahren so fertig waren, dass sie kaum noch laufen konnten.
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User/in Mapleridge
Menschen wie mein Oppa haben Deutschland das Wirtschaftswunder beschert.
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User/in J.G. Mendel, Dortmund
Ich kenne die Kumpel eigentlich nur als grobschlächtige, gefühlsarme Typen, die ihren Kindern bei mangelnder Disziplin einen hinter die Löffel gegeben haben.
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User/in Meisenknödel, Gelsenkirchen
Eine Industrie hat die Menschen dauerhaft zusammengeschweißt.
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User/in DerKnut, Bochum

Die Bergarbeiterromantik kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie anstrengend der Job war: im düsteren Schacht, die Knie kaputt, ohrenbetäubende Maschinen. Viele Bergmänner starben nach Jahren unter Tage an der Staublunge. Die große Narration von Kumpeln und Solidarität war ein sozialer Kitt, der dort klebte, wo Krankheit und harte Arbeit Risse hinterlassen hatte. 

Norbert Meyer, der selbst unter Tage gearbeitet hat, beschreibt den Bergbau als "lebensfeindliche Umgebung", weil Luft und Wasser erst zu den Bergmännern gebracht werden musste. Die wichtigste technische Voraussetzung für die ersten Großzechen war der Einsatz der Dampfmaschine, die es ermöglichte, mehr Kohle nach oben zu schaffen. Zudem konnten die neuen Maschinen das Grubenwasser abpumpen, Luft zum Atmen zuführen und die Bergleute in immer größere Tiefen bringen.