Frank-Walter Steinmeier darf sich freuen: Kommenden Freitag wird ihm in einer feierlichen Zeremonie in Bottrop ein kleines Körbchen überreicht werden. Der Inhalt: schwarze Kohlen, ein Vorweihnachtsgeschenk der letzten Kumpel des Ruhrgebiets. Bei einem Tonnenpreis von 60 bis 90 Euro ist das Präsent von eher symbolischer denn materieller Bedeutung.

Mit der Zeremonie auf dem Gelände der Zeche Prosper-Haniel wird eine Ära verabschiedet, die das Ruhrgebiet überhaupt erst als solches definiert hat – als eine Gegend aus unzähligen Städten, die zum Herz der deutschen Montanindustrie wurde. Der Steinkohleabbau machte die Region an der Ruhr im 19. Jahrhundert von einem flachen Sumpfgebiet in kürzester Zeit zu Deutschlands Kraftort. Dieses industriekulturelle Erbe, für die Region überlebensgroß, speist sich aber faktisch seit Langem aus Erinnerungen an die Vergangenheit.

Die Chronik eines angekündigten Abschieds

Der Abschied in Bottrop ist der Höhepunkt eines langen Leidensweges. Vor fast 60 Jahren begann das Zechensterben im Ruhrgebiet. Steinkohle aus China oder Australien machte der heimischen Kohle aus dem Pott Konkurrenz. Eine Folge war der Beginn deutscher Kohlesubvention, die den Niedergang jedoch nicht aufgehalten, sondern nur verlangsamt hat. 1957 arbeiteten noch 600.000 Menschen in und um die Zechen. Im kommenden Jahr 2019 werden es nur noch knapp 500 Leute sein, die sich um die Folgeschäden des Bergbaus kümmern. Seit einem halben Jahrhundert also müht sich das Ruhrgebiet mit dem Strukturwandel.

Deutschlands einstiger Kraftort steht dieser Tage noch einmal im Scheinwerferlicht. Journalisten dokumentieren den endgültigen Abschied von der Kohle, die Formel "Schicht im Schacht" wird in Reportagen und Dokumentationen mehr als einmal bemüht.  Jeden Tag fahren auf Prosper-Haniel zwei Besuchergruppen im Förderkorb unter Tage, säubern sich in der Waschkaue und sammeln sich auf der Sohle. Schon jetzt ist die letzte Zeche mehr Museum als Arbeitsort.

"Oppa", erzähl von der Kohle!

Ist man im Ruhrgebiet aufgewachsen (oder tut es gerade), kennt man die Geschichten: wie es war, wenn unter Tage die Papageien von der Stange gekippt sind. Oder wie der Großvater beim Autofahren aus dem Fenster gespuckt hat, weil er noch Staub auf der Lunge liegen hatte. Wie die Frauen während der Wirtschaftskrise 1929 vor den Zechentoren auf ihre Männer gewartet haben, um die Lohntüten möglichst schnell in der Bäckerei um die Ecke gegen Brot einzutauschen. Wie die italienischen Gastarbeiterkinder mehr ruppig als herzlich behandelt wurden.

Medial bewegt sich die Aufarbeitung der Bergbauvergangenheit oft zwischen Klischee und Grubenromantik. Wir wollen von Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern wissen: Was ist dran am Mythos "unter Tage"? Wenn Sie einen "Oppa" unter Tage oder einen Steiger in der Nachbarschaft hatten oder aus einer Familie stammen, die wegen des Bergbaus ins Ruhrgebiet gezogen ist – dann erzählen Sie uns bitte davon. Wie erinnert sich das Revier an die Familien der Bergleute? Was machen die Menschen, die einst im Bergbau gearbeitet haben, heute? Gibt es den Kumpelkult im Ruhrgebiet noch? An welchen Ecken fühlen Sie sich heute noch ans schwarze Gold erinnert? Und ist die Umwandlung der Bergwerke in Museen die richtige Art, mit der Vergangenheit umzugehen?

Sie können Ihre Erfahrungen und Gedanken im Formular oder im Kommentarbereich schildern. Alternativ können Sie eine E-Mail an community-redaktion@zeit.de senden. Gerne können Sie uns auch Fotografien aus der Zeit des Bergbaus schicken. Mit dem Einschicken der Fotos erklären Sie, dass Sie mit der Veröffentlichung auf der Website und den Social-Media-Kanälen von ZEIT ONLINE einverstanden sind.  

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