Seit 1996 gilt der 27. Januar in Deutschland als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Zum 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau erklärten die Vereinten Nationen ihn zum internationalen Gedenktag, der über den Holocaust hinaus an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte erinnern soll. Das Holocaustgedenken, schrieb der israelische Soziologe Michal Bodemann vergangene Woche in der "Süddeutschen Zeitung", sei auf diese Weise jedoch universalisiert worden, das spezifisch jüdische Leiden gerate außer Acht: "Der 27. Januar ist ein Datum, an dem das jüdische Element allzu oft in den Hintergrund rückt."

Wie lebt es sich als Jüdin in Deutschland? Welche Erfahrungen machen Juden mit Antisemitismus? ZEIT ONLINE hatte Sie gebeten, Ihre Eindrücke und Erlebnisse zu schildern. Lesen Sie hier den dritten Teil unserer Protokollreihe.

Nina Veil*, 34, wünscht sich, dass der Holocaust-Gedenktag mehr darstellt als eine alljährliche Theateraufführung. Sie möchte keinen Kampf gegen antisemitisches Gedankengut allein – sondern plädiert für eine solidarische Bewegung aller Minderheiten in Deutschland, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen wollen.

Der 27. Januar hat für mich keine besondere Bedeutung, obwohl mein Großvater in Auschwitz inhaftiert war. Er hatte das Lager zu diesem Zeitpunkt längst verlassen. Warum sollte ich, warum sollten Juden in Deutschland ausgerechnet diesen Tag zu ihrem Gedenktag erklären? Wir brauchen keinen nationalen Gedenktag, jeder jüdische Mensch hat seine eigenen Formen des Gedenkens.

Für mich ist die Schoah Teil der Familiengeschichte. Für die meisten nichtjüdischen Deutschen allerdings nicht. Ich kenne kaum jemanden, der offen damit umgeht, dass die eigenen Vorfahren die Nazis unterstützt haben. Im öffentlichen Raum wird zu wenig über Schuld und Verantwortung in der eigenen Familie gesprochen. Die meisten wissen nicht einmal, was bei ihnen zu Hause passiert ist. Erst letztes Jahr erschien eine Studie, in der deutlich wurde, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung in der Annahme lebt, dass ihre Vorfahren auf der richtigen Seite der Geschichte standen.

Ich werde häufig gefragt, wie es meinen Großeltern in den Dreißiger- und Vierzigerjahren ergangen ist. Über die Perspektive der Opfer spricht die Öffentlichkeit gern und wähnt sich selbst auf ihrer Seite: Am Holocaust-Gedenktag erhebt man sich im Bundestag und behauptet, der jüdischen Opfer zu gedenken. Aber schon am nächsten Tag scheint die Frage danach, welche Lehren man aus dem Dritten Reich für das Hier und Jetzt ziehen könnte, vergessen. Deutsche Erinnerungskultur erscheint mir wie ein Theaterstück: Der Staat sagt seinen Text auf, betont, ja, der Holocaust war schlimm – und im Anschluss entscheidet man, zentrale Aufnahmelager für Flüchtlinge zu bauen, oder verbietet den Familiennachzug. Solch ein Gedenken an die Vergangenheit ohne Konsequenz für die Gegenwart halte ich nicht für ehrlich.

Ebenso verlogen erscheint mir der Umgang mit dem Thema Judenfeindlichkeit heute. Antisemitismus wird gern zum Skandal stilisiert. Die empirische Grundlage ist häufig wissenschaftlich nicht belastbar. Man fragt Juden: Fühlt ihr euch bedroht? Dabei ist die Antwort klar, wenn man so fragt, weil sich Menschen, die einer Minderheit angehören, im aktuellen gesellschaftlichen Klima natürlich bedrohter fühlen als Durchschnittsdeutsche. Die mediale Aufmerksamkeit trägt nichts zur Lösung bei. Es bleibt bei einer Skandalisierung. Dass Juden sich als einzige Minderheit bedrohter fühlen als früher, bezweifle ich, die anderen Minderheiten befragt nur keiner. Ich bin es jedenfalls leid, das Lieblingsopfer der deutschen Schlagzeile zu sein, um Stimmungsmache gegen Flüchtlinge zu betreiben.

"Ich wünsche mir eine solidarische Debatte"

Ich möchte deswegen nicht darüber sprechen, ob ich mich bedroht fühle. Nicht nur, weil ich mich weder bedroht fühle, noch es je war – und damit bin ich privilegiert. Sondern auch, weil ich es wichtiger finde, darüber nachzudenken, wie man das Leben von Minderheiten in Deutschland verbessern kann. Das Problem, das hinter Antisemitismus steht, ist doch viel größer und betrifft viel mehr Menschen als ausschließlich uns Juden: Wir leben in einer Gesellschaft, die Menschen, die anders sind, diskriminiert.

Ich wünsche mir eine solidarische Debatte und keine, in der Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden. Rassistische und antimuslimische Beleidigungen und Übergriffe fallen im Alltag ständig und werden selten sanktioniert. Wenn einem Mädchen in der U-Bahn das Kopftuch vom Kopf gerissen wird, dann gibt es dazu zwar einen Artikel, aber es werden darauf nicht eine Woche lang Schlagzeilen folgen. Wenn aber eine jüdische Person angegriffen wird, ist die Aufregung groß. Mich irritiert diese Diskrepanz. Das mediale Interesse für Juden ist in Deutschland enorm hoch. Aber die deutschen Juden gewinnen durch die mediale Aufmerksamkeit nichts. Am wenigsten für ihre Sicherheit.

Ich lebe in einer Gegend, in der viele arabischstämmige Menschen wohnen. Vermutlich lernen viele Kinder hier zu Hause: Israel ist der Feind, Juden sind der Feind. Ihre möglicherweise existierenden antisemitischen Ressentiments werden durch Wut auf die israelische Besatzungspolitik gespeist. Darüber müsste man mit ihnen in der Schule sprechen, aber das ist zu heikel für deutsche Lehrer. Auch außerhalb der Schulen ist der gesamte Themenkomplex so emotional besetzt, dass Dialog kaum möglich scheint.

Dabei bräuchte es in der Berichterstattung über Antisemitismus einen ruhigen Tonfall, eher Reportage statt aufgeregter Schlagzeile. Es braucht Raum für Ideen dafür, wie mögliche Lösungen aussehen könnten, und auch eine Menge Mut, um den Gegenwind auszuhalten. Hohles Gedenken hilft uns nicht weiter – gesellschaftlichen Zusammenhalt kann man nicht durch hehre Worte herstellen.

*Anmerkung der Redaktion: Den gekennzeichneten Namen haben wir anonymisiert.