Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) haben anlässlich des Holocaust-Gedenktags einen entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus gefordert. "Dieser Tag lässt uns daran erinnern, was Rassenwahn, Hass und Menschenfeindlichkeit anrichten können", sagte Merkel in ihrem Videopodcast. Jeder Einzelne habe die Aufgabe, "auch Verantwortung dafür zu tragen, dass wir null Toleranz gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit, Hass und Rassenwahn zeigen". Antisemitismus und menschenfeindliche Hetze seien auch heute noch Teil unserer Gesellschaft, sagte sie.

Heiko Maas sprach sich für eine neue Form der Aufarbeitung aus. "Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten", warnte er in einem Gastbeitrag für die Welt am Sonntag. "Umso gefährlicher ist das Unwissen gerade der jungen Deutschen." 40 Prozent von ihnen wüssten nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust, schrieb Maas. Diese Zahlen seien schockierend und nicht hinnehmbar. "Wer heute geboren ist, für den ist etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt wie bei meiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck", so Maas weiter. Das verändere das Gedenken und schaffe mehr Distanz. Nötig seien neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen.

Am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wird der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden und aller anderen Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau befreit. Das Lager steht symbolhaft für die NS-Verbrechen. Auch der Bundestag erinnert jährlich in einer Gedenkstunde an die Opfer, dieses Jahr am kommenden Donnerstag. In den Stadien der Fußball-Bundesliga-Vereine wurde am Wochenende ebenfalls an die Auschwitz-Befreiung erinnert.

Die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck erklärten: "Die Lehre aus den schrecklichen Verbrechen muss sein, Aufklärung und Zivilcourage im täglichen Leben immer wieder neu zu verankern und zu vertiefen."

Neue Formen des Erinnerns finden

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte im Deutschlandfunk: "Wir müssen natürlich Formen des Erinnerns finden, die die Menschen heute ansprechen. Auch die, die jetzt vor einigen Jahren erst zu uns gekommen sind, entweder als Migranten oder sogar als Flüchtlinge." Das seien etwa "interaktive Formen, wo zum Beispiel der eigene Betrieb, die eigene Firma, die eigene Institution, in der man ist, sich Gedanken macht, wie sie in der nationalsozialistischen Zeit gehandelt hat, was mit den damaligen Kollegen passiert ist".

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, verlangte in der Passauer Neuen Presse einen "Aufschrei der gesellschaftlichen und politischen Institutionen" und "gesellschaftlichen Widerstand" gegen Antisemitismus.

Das Wiesenthal-Zentrum hob derweil den Einsatz der deutschen Justiz gegen NS-Verbrecher in den vergangenen Jahren hervor. In einem Jahresbericht, der am Sonntag veröffentlicht wurde, ist die Rede von "erheblichen Fortschritten vor allem in Deutschland". Schlechte Noten bekamen dagegen Länder wie Norwegen, Schweden, Österreich, Litauen und die Ukraine.