Den ganzen Weg schafft Fanny S.* nicht mehr, aber es ist ihr wichtig, ein Stück mitzugehen, donnerstags in Wien. An ihrer bunten Mütze steckt ein Button, "Omas gegen rechts", auf ihrem Pappschild prangen die gleichen Worte. 

"Alles, wofür wir gekämpft haben, steht derzeit infrage: die Emanzipation, das Bildungswesen. Auch die Demokratie." Fanny S. ist Anfang 70 und demonstriert gegen die Regierungskoalition von ÖVP und FPÖ, die seit Herbst 2017 in Österreich an der Macht ist.

Omas gegen rechts ist ein Bündnis politisch engagierter Seniorinnen, das sich vor gut einem Jahr in Wien gegründet hat. Biologische Großmutter zu sein ist keine Voraussetzung, um das Schild vor sich herzutragen: Es geht um Lebenserfahrung. Auch ein paar ältere Männer haben sich den Button angesteckt.  

Zum 13. Mal findet an diesem Tag die sogenannte Donnerstagsdemo statt. Seit vergangenem Oktober marschieren die Menschen durch Wien, um gegen die schwarz-blaue Regierung zu protestieren. Jede Demo hat ihre eigene Route und ein eigenes Thema. An diesem Donnerstag ist es Bildung. Viele, die sich hier versammelt haben, sind im Bildungssektor tätig. Und unzufrieden. Sie sind nicht nur gegen die Streichung der Deutschkurse für Asylbewerber. Sie kritisieren auch das Festhalten der Regierung an der Sonderschule und dass Grundschulkinder wieder verpflichtend Noten erhalten sollen.

Fanny S. holt sich wöchentlich am Sammelplatz ein Plakat und gibt es später wieder zurück. Sie empfindet die politische Situation in Österreich als bedrohlich. "Und da muss ich in meinem Alter auf die Straße", sagt sie. © Julia Meyer für ZEIT ONLINE

Es ist ein ungewöhnlich lauer Donnerstagabend für einen Januar. Leuchtreklamen der Frisörläden und Handyshops strahlen grell auf die Landstraße, die größte Einkaufsstraße des dritten Gemeindebezirks. Hier beginnt der Marsch. Die Stimmung ist ausgelassen unter den 4.000, die sich laut Veranstalter versammelt haben, die Polizei spricht von 2.000 Teilnehmenden.

Auf einem kleinen Anhängerwagen steht eine Rednerin. Sie ist kaum zu verstehen, sie wird übertönt vom lauten "Widerstand, Widerstand", das in den Abendhimmel schallt. In unregelmäßigen Intervallen skandieren die Umstehenden ihre Parolen. Sie wirken unaufgeregt, routiniert.

Neben den engagierten Seniorinnen sind vor allem junge Menschen gekommen, Studentinnen und Studenten, Auszubildende. Fahnen sozialistischer Verbände wehen, die Gewerkschaften verteilen Flugblätter.

"Stille Kanzler sind tief"

Der Hashtag #nichtmituns ist auf viele Plakate gemalt. Er wendet sich gegen rassistische Diskriminierung. Frauen mit Kopftüchern stehen neben Vertreterinnen der Jungschar, der katholischen Jugend. Eine von ihnen beklagt, dass die ÖVP zwar rhetorisch für christliche Werte stehen wolle – dies aber in der Regierung schmerzlich vermissen lasse. Viele der Anwesenden gehören gar keinem Verband an, sind als Privatpersonen hier. Auch die Veranstalter organisieren sich privat: 15 bis 25 Leute sind in der Kerngruppe. Mitorganisatorin Michaela Moser sagt: "Wir sind kein Bündnis, kein Verein, keine Partei, sondern politische FreundInnen."

Gegen die FPÖ sind hier alle. Aber auch die ÖVP und ihr Kanzler Sebastian Kurz werden heftig kritisiert. "Stille Kanzler sind tief" ist ein Slogan, der auf den Plakaten oft vorkommt. "Tief" meint hier nichts Positives. "Tiaf", wie man im österreichischen Dialekt sagt, bedeutet so viel wie "letztklassig".

*Name von der Redaktion geändert

"Wir sind eine Minderheit im Land"

"Kurz hat die Verantwortung, wieso weist er die FPÖ nicht zurecht?", klagt Fanny S. Vermutlich, weil seine Strategie, die Eskapaden der FPÖ einfach möglichst zu ignorieren, seiner Beliebtheit bisher nicht geschadet hat. Kurz' Umfrageergebnisse sind gut. Der Kanzler schwieg, als der FPÖ-Innenminister Herbert Kickl im Herbst vorschlug, man solle Geflüchtete "konzentriert halten". Kurz schwieg auch, als ein Foto auftauchte, das seinen Vizekanzler, den FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache, mit führenden Köpfen der rechtsextremen Identitären zeigte. "Schweigekanzler" wurde zum österreichischen Wort des Jahres 2018 gewählt.

Einer, der dazu nicht schweigen will, ist Max Veulliet. Der 23-Jährige ist Mitglied der Jungen Linken Wien. Mit seiner roten Jacke steht er in der Menschenmasse. "Wir demonstrieren gegen die Normalität", sagt er. Und: "Wir sind eine Minderheit im Land." Auf Gesamtösterreich gerechnet stimmt das. Bei der jüngsten Nationalratswahl erhielten ÖVP und FPÖ gemeinsam 55 Prozent der Stimmen. In Wien hingegen hat die ÖVP verhältnismäßig wenig zu sagen. Die Hauptstadt gilt noch immer als sozialdemokratisches Kerngebiet.

Max Veulliet hofft, dass der stete Protest dafür sorgt, dass sich regierungskritische Bürgerinnen und Bürger inspiriert fühlen, selbst etwas zu unternehmen. © Julia Meyer für ZEIT ONLINE

Gegen ebenjene Stadtregierung und die Wiener Bevölkerung stänkerte Kurz erst kürzlich: "Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen." Die Hauptstadt hatte sich geweigert, die geplanten Sozialkürzungen der Bundesregierung mitzutragen. Der Angriff des Kanzlers ist wohl gewählt. Kurz selbst ist zwar in Wien-Meidling groß geworden. Seine Stimmen bekam er jedoch vornehmlich aus ländlichen Gegenden. Und an ebenjene Wählerschaft ist seine Erzählung vom faulen Wien adressiert.    

Schon einmal gingen sie auf die Straße

Das verbindende Motto der Proteste heißt "Es ist wieder Donnerstag". Es verweist nicht nur auf das re­pe­ti­tive Wesen der Demonstrationen dieser Tage, sondern auf ihre Tradition: Man hat in Wien schon einmal donnerstags demonstriert. Im Jahr 2000 richteten sich die Demonstrationen gegen die erste Auflage einer schwarz-blauen Regierung unter ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel. In Europa war man entsetzt über dessen Koalition mit der FPÖ unter Jörg Haider. Die EU beriet über Sanktionen.

"Damals", sagt Max Veulliet, "war die schwarz-blaue Regierung noch ein Extrem." Heute würden radikale Rechte überall in der EU erstarken. Den allgemeinen Rechtsruck in Europa thematisieren viele der Demonstrantinnen im Gespräch. Man protestiere hier auch für Länder wie Ungarn oder Polen, sagt ein deutscher Student. Österreich sei keine Ausnahme mehr. 

Michael Otto ist genervt von den Demonstrierenden, sie versperren ihm die Ausfahrt. Die Anliegen der Regierungsgegner teilt er zwar, hält den Protest aber für relativ sinnlos. Zu klein, nicht nachhaltig genug. "Der Österreicher geht vermutlich erst zu Mehreren auf die Straße, wenn s' ihm sein Schnitzel wegnehmen." Er wolle keine brennenden Autos sehen, aber ein bisschen mehr könne schon los sein. Die Demo wirke auf ihn eher wie eine Party, die nichts bewirkt. 

"Wahrscheinlich sollt' ma eh mehr gehen"

Diese Kritik sind die Demonstrierenden gewohnt. Manche verstehen sie sogar. Die wenigsten glauben, dass sie durch ihre Proteste wirklich die Aufmerksamkeit der Regierung gewinnen. Trotzdem wollen sie nicht still sein. Der sichtbare Widerwille auf der Straße soll die Menschen der Stadt politisieren, soll Gleichgesinnte bestärken, sich ebenfalls zu engagieren.

Eine Woche später ist wieder Donnerstag. Am frühen Abend versammeln sich die Demonstrierenden vor der Hauptuni. Das Motto der Demo heute: "Do! Budenbummeln!" Buden, das sind die Verbindungshäuser von Burschenschaften, die in Österreichs politischer Rechten einen großen Einfluss haben.  

Zwei Tage zuvor hatte Innenminister Kickl einmal mehr Aufruhr ausgelöst. Seine jüngste Kritik an den europäischen Menschenrechtskonventionen bewerten Kritiker als Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit. Trotzdem haben sich rund 500 Menschen weniger versammelt als am vergangenen Donnerstag. Im Unterschied zur Vorwoche ist es aber auch bitterkalt. So kalt, dass es kaum möglich ist, ohne Fäustlinge ein Plakat zu halten. Die Route ist so gewählt, dass die Demonstration an den Buden verschiedener deutschnationaler Verbindungen vorbeikommt.     

Aus dem Fenster der schlagenden Burschenschaft Gothia! hängt eine Deutschlandflagge. Sie dient als Symbol für das Zugehörigkeitsgefühl der Burschenschaft zum "deutschen Vaterland", unabhängig von den tatsächlichen Staatsgrenzen. Die Flagge übersteht die Demo nicht, Böller lassen sie in Flammen aufgehen. 

Viele wollen, wenige kommen

"Alerta, alerta, antifascista" hallt es durch die Schlösselgasse im achten Bezirk. Die Omas gegen rechts sind wieder dabei, die Antifa auch. In der Gasse stehen die Menschen dicht gedrängt. Leuchtraketen schießen in den Himmel, die Straße erleuchtet flackernd in pinken und violetten Farbtönen. Dass die Demonstrierenden den Adressaten ihres Protestes heute quasi direkt in die Augen schauen, macht etwas mit der Stimmung. Es wirkt leidenschaftlicher, wütender als in der Vorwoche.

Andrea Ellmeier versucht, jede Woche dabei zu sein. Vor allem die Normalisierung der FPÖ mache ihr Angst, sagt sie. © Julia Meyer für ZEIT ONLINE

Andrea Ellmeier ist Historikerin. Sie hat schon im Jahr 2000 demonstriert. Heute hat sie oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht schafft, mit dabei zu sein. "Manchmal sind viele Leute hier, aber es sollten noch viel mehr sein." Die Österreicher seien leider "nicht sonderlich demonstrierfreudig".

Tatsächlich sind 2.000 bis 5.000 Menschen, die sich donnerstags versammeln, wenig im Vergleich zu den 1,8 Millionen Wienerinnen und Wienern. Dabei mangelt es der Hauptstadt nicht an Regierungskritikern. Und diese sind, fragt man in den verrauchten Innenstadtbeisln nach, auch durchaus angetan vom steten Donnerstagsprotest. Studentinnen und Filmschaffende, junge Eltern oder auch der Kellner im Rüdigerhof: Sie sympathisieren mit jenen, die auf die Straße gehen. Auf den großen Demos im vergangenen Jahr, als mehrere Zehntausend demonstrierten, waren sie teilweise auch dabei. Aber der kleine, der regelmäßige Protest sei nun mal mühsam.

Im Vergleich zu den 2000er-Demos gehen heute gar nicht weniger Menschen donnerstags auf die Straße. Vielleicht ist es so, dass nicht nur der Rechtsruck in Österreich kein Novum mehr ist, sondern dass man sich auch an den Protest dagegen gewöhnt hat. Damals, als Europa besorgt nach Österreich blickte, wurden auch die Wiener Demonstrationen viel stärker wahrgenommen und medial rezipiert. Fast entschuldigend beschreiben manche am Tisch des Rüdigerhofs ihre Gründe oder auch ihre Unlust, sich dem regelmäßigen Straßenprotest anzuschließen. "Aber ja, wahrscheinlich sollt' ma eh mehr gehen", sagt eine und greift nach dem Bier. Die anderen nicken.