Noch immer wird wenig über Fehlgeburten gesprochen – dabei gehen Studien davon aus, dass 15 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens den Verlust eines ungeborenen Kindes erleiden. Eine kürzlich erschienene US-Studie legt sogar nahe, dass Fehlgeburten der häufigste Ausgang einer Schwangerschaft sind.

ZEIT ONLINE wollte von Ihnen wissen: Haben Sie selbst eine Fehlgeburt erlitten? Wie haben Sie den Verlust verkraftet? Wollen Sie mit uns teilen, was Sie erlebt haben?

Auf unsere Umfrage meldeten sich viele Frauen und schilderten ihren Verlust und ihre Gefühle dabei. Viele schrieben auch von ihren Partnern, doch von Männern selbst erhielten wir keine Zuschriften. Scheinbar wird die Erfahrung eher von den betroffenen Frauen thematisiert. Hier schildern zwei Leserinnen, wie sie mit einer Schwangerschaft umgegangen sind, die viel zu früh endete.

Ich habe lange geschwiegen

Julia Feld* erzählte zuerst nur sehr wenigen nahestehenden Menschen von ihrer Fehlgeburt. Doch nach fünf Jahren des Schweigens teilt sie sich unvermittelt ihren Kollegen mit.

Es dauerte fünf Jahre, bis meine erste Schwangerschaft plötzlich zu einem selbstverständlichen Teil meines Lebens wurde, und es geschah in einem völlig unerwarteten Moment.

Im Sommer 2018 saß ich mit Kollegen in einer Bar. Mein Sohn war gerade vier Jahre alt geworden und wir sprachen darüber, warum wir uns manchmal zu viele Sorgen um unsere Kinder machen. Plötzlich hörte ich mich sagen: "Ich glaube, dass meine Sorge bei mir auch damit zusammenhängt, dass ich vor seiner Geburt ein Kind verloren habe."

Betretene Stille. Das, worüber ich fünf Jahre lang geschwiegen hatte, hatte ich ganz nebenbei eingeworfen in ein Gespräch mit Personen, die mir nicht besonders nahestanden. Als hätte etwas in mir ohne mein Zutun entschieden: Erzähl es aller Welt, bei einem Bier, als etwas Normales, das man erwähnen darf. Ich weiß nicht, inwieweit meine Kollegen diese Distanzlosigkeit als beschämend empfunden haben. Sonst war ich eher distanziert.

Bis zu diesem Zeitpunkt wussten nur meine beiden besten Freundinnen, meine Eltern und meine Brüder davon – niemand sonst. Aber nach diesem Abend mit meinen Kollegen habe ich so weitergemacht: Wenn es sich ergab, habe ich es einfach erzählt.

Die Schwangerschaft war ungeplant. Ich war 29 und dabei, meine Dissertation zu schreiben, lebte im Ausland – und mein Freund, ebenfalls mit seiner Doktorarbeit beschäftigt, in Leipzig. Zuerst war er geschockt, auch meine Eltern waren skeptisch. Ich kam mir in meiner Freude beinahe naiv vor.

Mit der Möglichkeit einer Fehlgeburt hatte ich mich nie wirklich auseinandergesetzt. In meinem Freundeskreis war ich die Erste, die ein Kind erwartete. Das "Risiko in den ersten zwölf Wochen" hatte ich irgendwie im Kopf, tat es jedoch als unwahrscheinlich ab. Ich war jung, gesund, fühlte mich gut: Was sollte passieren?

"Ich kann keinen Herzschlag mehr erkennen", sagte meine Ärztin bei einer meiner ersten Untersuchungen. Sie hatte einen Moment zu lange geschwiegen. Dann rollte sie auf ihrem Stuhl zurück, das Gesicht ausdruckslos. "Das passiert nicht so selten", schob sie nach. Keine Erklärung, keine Bemerkung, keine Berührung, kein verständnisvolles Wort. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass sie mich jetzt doch umarmen, zumindest die Hand auf meine Schulter legen müsste. Sie war mit ihren Unterlagen beschäftigt. Dann fragte sie: "Soll ich Ihren Freund reinholen?"

Ich konnte nicht einmal weinen. Das Verhalten der Ärztin suggerierte mir, dass Weinen nun unangemessen wäre. Sie sagte noch, ich solle erst einmal abwarten, ob es von allein "abgeht". Wenn nicht, würden wir weitere Optionen besprechen. Und schon standen wir draußen auf der Straße, im Schnee. Jetzt weinte ich. Und es war eines der ersten Male, dass ich meinen Freund weinen sah.

Schwangerschaft - Wir hatten eine Fehlgeburt Rund jede sechste erkannte Schwangerschaft endet vorzeitig. Dennoch sind Fehlgeburten ein Tabuthema. Vier Frauen sprechen über Trauer, Schuldgefühle und dumme Sprüche. © Foto: Ana-Marija Bilandzija

Mit Krämpfen im Bett

In den nächsten Tagen wartete ich auf den "spontanen Abgang", ein schrecklicher Ausdruck. Die Vorstellung einer Operation machte mir Angst. Von Tag zu Tag wünschte ich mir mehr, dass mein Körper sich selbst von der Schwangerschaft trennen würde. Trotz Schmerzmitteln lag ich mit Krämpfen im Bett.

Später sagte mir mein Freund, dass die Schwangerschaft für ihn erst mit diesen Krämpfen real geworden sei. Für mich war sie das vom ersten Moment an. Und das machte alles so kompliziert. Wir waren zusammen, und doch war ich damit allein. Am Tag, an dem ich erfuhr, dass keine Operation mehr nötig sein würde, setzte ich mich allein in ein Restaurant. Ich fühlte mich stark, zum ersten Mal nach langer Zeit.

Sechs Monate später war ich erneut schwanger und von der ersten Sekunde an ängstlich. Ich traute mich nicht, mich zu freuen, und sprach mit niemandem darüber, außer mit meinem Freund.

Unser Sohn ist jetzt vier Jahre alt. Es ist unvorstellbar für mich, dass an seiner Stelle ein anderes Kind geboren worden wäre. Ich habe diese Schwangerschaft, die Geburt niemals als selbstverständlich wahrgenommen. In jedem Moment war ich mir meines Glückes bewusst. Ich glaube, dass meine Trauer genau das bewirkt hat.

In Ratgebern habe ich oft gelesen, man solle die Schwangerschaft als einen natürlichen Vorgang annehmen. Wer aber bringt uns bei, den Verlust einer Schwangerschaft ebenfalls als natürlichen Vorgang zu begreifen, und nicht als Scheitern und Versagen eines Körpers, um den wir uns zu wenig bemüht, dem wir zu viel Stress zugefügt haben?

Vor ein paar Wochen habe ich mich einem Freund anvertraut, den ich erst seit einem Jahr kenne. Er hörte es sich einfach an, ohne verwundert zu sein oder es zu bewerten, ohne es als distanzlos zu empfinden oder als eine gynäkologische Tatsache, von der er nichts wissen will. Das war eine schöne Erfahrung.